Bevor Sie zum CEO ernannt wurden, waren Sie bei Helsana für die Zahlen verantwortlich. Wird nun im Konzern nur noch gerechnet?

Daniel Schmutz: Sicher nicht. Zahlen sind wichtig, aber ebenso gesunder Menschenverstand. Entsprechend haben wir im Rahmen unseres Kostensenkungsprogramms viel mehr davon gesprochen, wie wir die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Kunden befriedigen können und wie wir langfristige Beziehungen zu Kunden und Partnern aufbauen und halten.

Vermissen Sie die «Zahlenbeigerei» aber nicht doch ein wenig?

Schmutz: Es ist für mich sicherlich eine grosse Herausforderung, aus einer fachspezifischen Funktion in die Rolle des CEO zu schlüpfen. Als CEO habe ich wesentlich mehr Führungsaufgaben. Ich freue mich aber sehr auf diese Aufgabe. Mit Zahlen werde ich immer konfrontiert bleiben. Diese sind im Versicherungsbereich ja unumgänglich. Wichtig ist hier vor allem die richtige Interpretation.

Ihre Ernennung zum CEO des grössten Krankenversicherers dürfte auch für den Gesundheitsminister und Bundesrat Didier Burkhalter interessant sein. Haben Sie sich mit ihm schon ausgetauscht?

Schmutz: Wir haben uns Ende Mai zusammen mit unserem Verwaltungsratspräsidenten Thomas Szucs getroffen. Ich habe das Gespräch in sehr guter Erinnerung. Ich habe Herrn Burkhalter als Person erlebt, die sich sehr wohl der Herausforderung des Gesundheitswesens bewusst ist. Er weiss aber auch, dass die Zündung eines sogenannten Big Bang bestimmt nicht die Lösung sein wird. Die einzelnen Akteure müssen sich nun auf ihre Rollen besinnen und in ihrem Bereich die jeweiligen Anpassungen vornehmen.

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Steht Bundesrat Burkhalter hinter dem Gesundheitswesen Schweiz?

Schmutz: Ja, ich glaube, er ist sich bewusst, dass wir ein sehr gutes Gesundheitssystem haben. Leider wird in bestimmten Diskussionen vielfach nur über die Probleme diskutiert. Dabei geht vergessen, dass unser Gesundheitswesen im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt ist.

Es werden hohe Erwartungen an Bundesrat Burkhalter gestellt. So wurde die Gesundheitspolitik seines Vorgängers, Pascal Couchepin, stark kritisiert. Wird Burkhalter diesem Druck standhalten können?

Schmutz: Ich denke, Bundesrat Burkhalter würde in eine Falle tappen, wenn er die Erwartungen selber anheizen würde. Denn wenn man Erwartungen selber anschürt, wird man ein Gefangener seiner eigenen Aussagen. Das ist sehr gefährlich und das Enttäuschungspotenzial umso grösser. Ich glaube aber, dass sich Didier Burkhalter der allgemeinen Erwartungen sehr wohl bewusst ist.

Seit 2009 setzt Helsana den Rotstift an. Ihr Vorgänger Manfred Manser wurde teilweise kritisiert, die Kosten nicht im Griff zu haben. Ist das lancierte Sparprogramm nun die Antwort auf ein versäumtes Kostenbewusstsein?

Schmutz: Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Akteur im Gesundheitswesen seinen Beitrag leisten muss. Es ist nun mal schon so, dass auch die Verwaltungskosten der Krankenversicherer - auch wenn sie in der Grundversicherung nur 6, 7% betragen - auch einen bestimmten Teil des gesamten Kostenblocks ausmachen. Entsprechend können wir doch nicht von allen andere Akteuren fordern, dass sie die Kosten senken und wir hingegen gar nichts tun.

Sie wollen 80 Mio Fr. einsparen, bei einem versicherungstechnischen Verlust von 189 Mio Fr. im Jahr 2009. Ist das überhaupt möglich?

Schmutz: Es ist schon so, dass wir in den letzten Jahren sehr stark auf Wachstum gesetzt haben. Wenn man auf Wachstumskurs ist und Gas gibt, ist es praktisch unmöglich, gleichzeitig auf die Bremse zu stehen. Entsprechend mussten wir jetzt feststellen, dass wir den Fokus auf unsere eigene Kostenbasis vernachlässigt haben. Zudem haben wir gesehen, dass der gefahrene Wachstumskurs die Stabilität der einzelnen Unterkassen ins Wanken brachte.

2009 erhöhte sich der versicherungstechnische Verlust um rund 5 Mio Fr. auf 189 Mio Fr. Dank einem soliden Kapitalergebnis konnte der Unternehmensverlust allerdings auf 58 Mio Fr. reduziert werden. Wie ist nun das 1. Semester 2010 verlaufen?

Schmutz: Im Versicherungsgeschäft rechnen wir weiterhin mit einem Verlust. Jedoch in einem wesentlich geringeren Ausmass. Dank den soliden Kapitalerträgen konnten wir ein positives 1. Halbjahr verbuchen.

Werden Sie für das gesamte Jahr 2010 ein positives Resultat ausweisen können?

Schmutz: Wenn es an den Kapitalmärkten zu keinen entscheidenden Änderungen kommen wird, werden wir dieses Jahr positiv abschliessen.

Viele Wirtschaftsexperten glauben an den «Double Dip», womit es nochmals zu massiven Kurseinbrüchen kommen könnte. Sind Krankenkassen ohne Kapitalmarkterträge noch profitabel?

Schmutz: Es ist sicher so, dass wir in der Vergangenheit sehr stark auf die Kapitalmärkte gesetzt haben. Unser Ziel ist es aber, im eigentlichen Versicherungsgeschäft positive Resultate zu erzielen, obwohl der Renditedruck nicht so stark ist. Denn wir sind keinen gewinnorientierten Aktionären verpflichtet. Der Fokus liegt klar auf kostendeckenden Prämien. Dabei werden wir jetzt auch vom Bundesamt fürGesundheit unterstützt. Erträge aus den Kapitalmärkten wollen wir primär für unseren Eigenkapitalaufbau einsetzen.

2009 wiesen Sie eine konsolidierte Schadenkostenquote (Combined Ratio) von 103,4% aus. Damit ist das Verhältnis von Leistungserbringung und Prämieneinnahmen im Vergleich zum Vorjahr um 0,6 Prozentpunkte angestiegen. Wie entwickelt sich dieses Missverhältnis?

Schmutz: Die Combined Ratio können wir im laufenden Jahr deutlich senken. Sie wird allerdings noch nicht bei 100% liegen, womit das Geschäft in sich noch nicht profitabel ist. Es darf aber nicht vergessen werden, dass vor allem der Regulator durch den angeordneten Reservenabbau dazu beigetragen hat, dass die Combined Ratio bei den Krankenversicherern in den letzten Jahren derart angestiegen ist. Auf die Dauer können die Versicherer aber eine solche Situation nicht halten. Entsprechend mussten Korrekturmassnahmen wie die vergangenen Prämienerhöhungen vorgenommen werden.

2010 haben Sie die Prämien um durchschnittlich 9% erhöht und dabei 165 000 Versicherte, also rund 8% des gesamten Versichertenbestandes, verloren. Haben Sie diesen Verlust bereits verdaut?

Schmutz: Dieser hohe Verlust an Versicherten ist überhaupt nicht gut. Besonders nicht, wenn man aus einer Phase kommt, wo die Versichertenbestände dauernd gezählt wurden. Ich bin der Meinung, dass der einseitige Fokus auf diese Zahl mitverantwortlich ist, dass es in der Branche zu Fehlentwicklungen gekommen ist.

Wie das?

Schmutz: Wenn man stark darauf ausgerichtet ist, Versicherte zu akquirieren, ist die Verlockung gross, mit Tiefstpreisangeboten in den Markt zu gehen. Ob sich diese Strategie allerdings rechnet, merkt man erst zwei Jahre später.

Ist die Strategie bei Helsana aufgegangen?

Schmutz: Nein, wir haben festgestellt, dass wir insbesondere in den Bereichen Kunden verloren haben, wo wir stark auf Wachstum gesetzt haben. Die Preise haben sich aber nicht gerechnet, was vor allem eine hohe Prämienerhöhung bei einzelnen Marken zur Folge hatte.

Stark gelitten hat Ihre Marke Aerosana, welche Sie nun mit Ihrer Kasse Progrès fusionieren. Was erhoffen Sie sich davon?

Schmutz: Aufgrund der wirtschaftlichen Lage von Aerosana sind wir zum Schluss gekommen, dass eine Fusion die beste Methode ist, um wieder positive Resultate erzielen zu können. Bei Aerosana hatten wir das Problem, dass sich die meisten Versicherten auf einige wenige Kantone verteilen. Damit ist die Diversifizierung nicht gegeben. Mit der Fusion mit Progrès wird das Versichertenportefeuille wieder ausgewogener. Dank der Fusion zählt die Gesellschaft neu 250 000 Versicherte. Das stärkt die finanzielle Stabilität und reduziert die Reservenanforderungen.

Defizitär ist auch die Marke Avanex. Werden Sie weitere Fusionen vornehmen?

Schmutz: Bei Avanex mussten wir im letzten Jahr die Prämien vergleichsweise stärker erhöhen. Allerdings haben wir bei Avanex selbst nach der überproportionalen Erhöhung nach wie vor eine gute Prämienposition. Entsprechend haben wir in diesem Bereich weniger Versicherte verloren. Ich sehe keinen Grund, bei Avanex eine Fusion anzustreben.

Branchenweit machen Kooperationen und Fusionen die Runde. Hat auch Helsana bereits Kandidaten ins Auge gefasst?

Schmutz: Kooperationen und Übernahmen sind auch für uns immer ein Thema und wir halten die Augen offen. Im Leistungseinkauf sind wir an einem erfolgversprechenden Kooperationsprojekt. Der Leistungseinkauf ausserhalb von Verbandsstrukturen ist ein wichtiges Thema in unserer Strategie. Konkretes dazu hoffen wir schon in den nächsten Wochen kommunizieren zu können.

Ende Oktober werden die neuen Prämien für 2011 bekannt. Wie stark werden die Erhöhungen bei Helsana ausfallen?

Schmutz: Bei uns wird die durchschnittliche Prämienerhöhung deutlich tiefer ausfallen als letztes Jahr. Dennoch wird es aber eine spürbare Prämienerhöhung sein. Branchenweit werden sich die Erhöhungen bemerkbar machen. Es besteht nach wie vor Nachholbedarf beim Reserveaufbau.