Auffällig war sie in den letzten Jahren nicht, die Verwaltung der ­Migros. Öffentlich Präsenz markierte bisweilen der Migros-Chef. Geändert hat sich dies mit der neuen Präsidentin Ursula Nold. Schon bei der Wahl vor einem Jahr sorgte die Bernerin für Aufsehen, als sie Jeannine Pil­loud, die offizielle Kandidatin und heutige Ascom-Chefin, deutlich hinter sich liess. Nun konnte Nold, die auch das Evaluationsgremium prä­sidiert, die Verwaltung umbauen – wegen der Abgänge von Doris Aebi und Roger Baillod, der abgelaufenen Amtszeiten von Ursula Schöpfer und Thomas Rudolph und ­aufgrund der Vakanz des im März überraschend verstorbenen Roelof Joosten. So kam es Mitte Juni in der 23-köpfigen Verwaltung zur grössten Rochade in der jüngeren Migros-­Geschichte: Fünf der neun externen Mitglieder wurden neu gewählt.

Gefragt waren also fünf möglichst diverse Profile. Personen, die in die verschiedenen Ausschüsse der Migros-Verwaltung passen. Konkret: jemand mit Audit-Er­fahrung, jemand mit Industriekenntnis, ein Finanz- und ein Digitalprofi und ­jemand mit Know-how in Unter­nehmertum. Bei der Suche geholfen hat die Vermittlungsfirma Egon Zehnder, wie von einem Insider zu erfahren ist.

Interessenkonflikte bei Tamedia-Mann Tonini?

Die gewählten Namen sorgten mitunter für Verwunderung. Kritisiert wurden fehlende Genossenschaftserfahrung oder mögliche Interessenkonflikte, etwa weil Migros als einer der wichtigsten Zeitungs­inserenten gilt und neu Tamedia-Mann Christoph Tonini in den ­Migros-VR zieht.

Allerdings gibt er sein Amt als CEO der TX Group, zu der etwa «Tages-Anzeiger» und «20 Minuten» gehören, Ende Juni ab und wechselt beim Medienkonzern ebenfalls in den VR. «Einen latenten Interessenkonflikt kann man deshalb ausschliessen», sagt Nold. Und Werbeaufträge würden ohnehin nicht auf Ebene der Verwaltung vergeben. Auf Nolds Shortlist kam er, weil Medienhäuser früh mit der ­Digitalisierung konfrontiert waren. «Wie Christoph Tonini das Geschäftsmodell fundamental transferiert hat, finde ich bemerkenswert.»

Christoph Tonini, CEO Tamedia, spricht anlaesslich der Uebernahme der Goldbach Group durch den Medienkonzern Tamedia, aufgenommen am Freitag, 22. Dezember 2017 in Zuerich. Das Verlagshaus meldete ein oeffentliches Kaufangebot von 35,50 Franken pro Goldbach-Aktie an. Goldbach bleibt eigenstaendig. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Christoph Tonini: Bereits mit Tamedia transformierte er Geschäftsmodelle.

Quelle: Keystone
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Davon könne Migros profitieren. Die Herausforderungen und die Chancen, welche die Digitalisierung und der E-Commerce bringen, sind es denn auch, was Tonini besonders reizt: «Es freut mich, wenn ich als Mitglied der Verwaltung meine Erfahrungen aus dem Medienbereich einbringen und damit hoffentlich einen Beitrag zur weiteren erfolgreichen Migros-Transformation leisten kann», sagt er.

­Microsoft-Schweiz-Chefin bringt digitales Know-how

Digitale Power bringt ferner ­Microsoft-Schweiz-Chefin Marianne Janik ein, die während des Jura-Studiums an der Migros-Kasse ge­arbeitet hatte.

Den gewünschten Audit-Background hat Cornelia Ritz Bossicard, sie arbeitete als ­Audit Director beim Wirtschaftsprüfer PwC und leitete im Verwaltungsrat des Kioskkonzerns Valora den ­Audit-Ausschuss.

Martin Künzi, der einst eine Lehre beim genossenschaftlich ausgerichteten Versicherer Mobiliar absolvierte, bringt als Finanzchef der Intersport Interna­tional Corporation Erfahrung im Bereich Handel, Mergers & Acquisitions, Accounting und Transaktionen mit. Und: «Er kennt sich mit Genossenschaften aus. Intersport hat ebenfalls eine genossenschaftsähnliche Struktur», sagt Nold.

MARIANNE JANIK und MARTIN KÜNZI

Marianne Janik und Martin Künzi: Die Microsoft-Schweiz-Chefin bringt digitales Know-how in die Migros, der Intersport-Finanzchef kennt sich mit Genossenschaftsstrukturen aus.

Quelle: Lucian Hunziker / Philippe Rossier

Das nötige Industrie-Know-how bringt schliesslich Hubert Weber mit, ehemaliger Europachef des Nahrungsmittelherstellers Mondelez. Neben seiner lang­jährigen Erfahrung in der Konsumgüterindustrie überzeugte Nold sein schon frühes Engagement für Nachhaltigkeit, was zur Ausrichtung der Mi­gros passe.

Derzeit erlebe sie im Konzern eine Aufbruchstimmung, die sich in der Wahl der Mitglieder spiegle: «Wir haben Personen gefunden, die mit ihrem beruflichen Hintergrund und ihrer Persönlichkeit der Migros-Gemeinschaft einen echten Mehrwert bringen.» Zumindest aus rein monetären Gründen treten sie ihr Amt nicht an. Das Grundgehalt beträgt 60 000 Franken, je nach Aufgabe und Anzahl Sitzungen liegen gegen 100 000 drin.