Der Parteisekretär der Industriezone im ostchinesischen Taizhou liess es richtig krachen. Vor zwei Wochen lud Aihua Zhang 30 Gäste in ein Luxusrestaurant zu einem üppigen Bankett. Aufgetragen wurde alles, was gut und teuer ist – Haifischflossensuppe, Hummer, Abalone-Schnecken, dazu jede Menge überteuerter Maotai-Schnaps und Zigaretten der chinesischen Edelmarke Furong­wang.

Doch Zhang konnte das Gelage nicht bis zum Ende geniessen. Whistleblower verpfiffen ihn. Sie knipsten das dekadente Treiben mit ihren Smartphones und stellten die Bilder ins Internet. In kürzester Zeit versammelte sich vor dem Lokal eine wütende Menschenmenge. Kniend musste Zhang um Er­barmen bitten, damit ihn die Meute abziehen liess. Und es kam für den Sekretär noch schlimmer. Die Partei entliess ihn.

«Extravaganz, Luxus und Pomp haben in China nichts mehr verloren», verkündete Chinas neues Staatsoberhaupt Xi Jinping zu Beginn seiner Amtszeit Anfang Jahr. Bescheidenheit ist für Staatsbedienstete nun Staatsdok­trin, Korruption in Partei und Staat verpönt. Für Militär gilt gar das Credo, dass Luxuskarossen neu «unrühmlich» sind (siehe Kasten). Ihre Benutzung stehe «im Widerspruch zur ruhmreichen Tradition unserer Armee und ist der Förderung der militärischen Moral nicht dienlich», schreibt die Armeezeitung.

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Seit der neuen Politik ist die Überführung von bestechlichen Beamten im ganzen Land quasi zum Volkssport geworden. Schon ein verrutschter Hemdsärmel, der beim Beamten die Luxusuhr zum Vorschein bringt, genügt. Er wird – wie Zhang – fotografiert und im Internet an den Pranger gestellt. Wagt es ein Parteifunktionär mit seinem schwarzen Oberklassen-Audi – das traditionelle Dienstfahrzeug hoher Parteifunktionäre – vor einer Edelboutique zu parkieren, muss er ebenfalls befürchten, umgehend im Netz zu landen.

Politik hat die Umsätze gedreht

Chinas Sauberkeitskampagne ist für die Luxusindustrie ein Problem. Regierungsangehörige sind angehalten, keine teuren Produkte mehr zu kaufen. Untersagt sind ihnen zudem ausladende Bankette und die Unterkunft in teuren Hotels. Die Folgen sind bereits spürbar. Der ­Maotai-Konsum zum Beispiel ist deutlich ­zurückgegangen, ebenso die Bestellungen von Delikatessen wie Haifischflosse und Schwalbennester.

Doch kaum ein Segment trifft es so hart wie die überwiegend schweizerischen Hersteller von Luxuszeitmessern. Auch der grösste Uhrenkonzern der Welt, die Swatch Group, spürt das. So ist aus dem Umfeld des Unternehmens zu hören, dass der Umsatz der Premiummarke Omega in China im ersten Quartal im Vergleich zur Vorjahresperiode um rund 8 Prozent gesunken ist. Offiziell will der Konzern den Abwärtstrend nicht bestätigen. Er verweist darauf, dass Verkaufszahlen nach Ländern und Marken nicht kommuniziert würden. Omega ist die mit Abstand beliebteste ­Uhrenmarke der Chinesen und kommt laut Zahlen von McKinsey auf einen Marktanteil von rund 16 Prozent. Der Swatch-Konzern erwirtschaftet rund ein Drittel seines Umsatzes in China.

Andere Marken geben ­offen zu, dass ihre Umsätze in China in den letzten Monaten gesunken sind – etwa die zu LVMH gehörende Tag Heuer oder die unabhängige Patek Phi­lippe. Die offizielle Exportstatistik der Schweizer Uhrenindustrie weist im März für den chinesischen Markt einen Einbruch von 31 Prozent aus. Im ersten Quartal lag das Minus bei einem guten Viertel. Auch bei den Exporten nach Hongkong sieht es nicht viel besser aus. Dort gingen die Ausfuhren in den ersten drei Monaten um rund 10 Prozent zurück. Chinesische Uhrenhändler berichten im ganzen Land von Verkaufseinbrüchen – vor allem im oberen Preissegment. Stets nennen sie als Grund die Antikorruptionskampagne der neuen chinesischen Führung.

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Internet-Aktivisten im Aufwind

In den vergangenen Jahren entwickelten sich in China Schweizer Uhren mit Preisen von umgerechnet 10 000 Franken an aufwärts zum Inbegriff für Bestechung. Wer beispielsweise einen Geschäftsabschluss plante, für den die Zustimmung des örtlichen Parteisekretärs nötig war, lud diesen zum Essen ein – und schob ihm ­dabei diskret eine Uhrenschachtel zu. Das zeigte sich im Kaufverhalten. In Chinas Uhrenläden erwarben die Kunden nicht etwa einzelne Stücke und liessen sich für die wichtige Anschaffung lange beraten. Lieber nahmen sie ohne grosse Umstände hohe Stückzahlen mit – als würden sie im Supermarkt einkaufen.

Dem einfachen Volk ist das Treiben nicht verborgen geblieben. Dazu beigetragen haben vor allem Internet-Aktivisten. Einer der prominentesten unter ihnen nennt sich «Hua Guoshan Zonghshuji», was so viel wie «Generalsekretär der ­Blumen- und Fruchtberge» heisst. Unter ­diesem Pseudonym betreibt er eine gleichnamige Webseite. Er arbeitet für ein Software-Unternehmen. Seinen wahren Namen will er aus Angst vor Übergriffen von skrupellosen Parteisekretären im Land nicht öffentlich bekannt geben.

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2011 stellte er erstmals eine Liste mit den Namen und Fotos von 94 hochrangigen Parteifunktionären ins Netz, inklusive der Angabe, welche Uhr sie tragen und was diese kostet. Alle liegen oberhalb von 6000 Franken, die meisten sind Schweizer Fabrikate. Das weckte Misstrauen. Denn alle Chinesen wissen, dass der Lohn eines höheren Beamten in China allenfalls bei rund 1000 Franken im Monat liegt. Eigentlich kann sich kaum einer der Beamten solche Luxusuhren leisten. Die Aktivisten sollten mit ihrem Verdacht recht behalten. Die meisten der abgelichteten Funktio­näre sind inzwischen der Korruption überführt.

Hofieren statt Zensieren

Zu Beginn reagierten die Behörden noch mit Zensur und sorgten dafür, dass die Seite des Aktivisten im Netz nicht mehr zu finden war. Doch Chinas neue Führung hat es sich zum Ziel gesetzt, der ausufernden Korruption ein Ende zu setzen. Zumindest die Zentralregierung in Peking begrüsst den Aktivismus von Hua Guo­shan. Er und seine Mitstreiter werden ­sogar von der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua und anderen Staatsmedien regelmässig als Experten befragt. Auf Provinz- und ­Lokalebene ist der Hass auf sie aber gross. Zhu Ruifeng – ebenfalls ein im ganzen Land bekannter Antikorruptionsaktivist – berichtet von Schlägertrupps aus der Provinz, welche immer wieder versuchen würden, ihn in seiner Wohnung in Peking aufzusuchen.

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Die Zentralregierung meine es ernst mit der Korruptionsbekämpfung, ist sich Rupert Hoogewerf sicher. Er ist Herausgeber des renommierten «Hurun-Reports» – Chinas Reichenliste. Hoogewerf ist damit der wichtigste Experte für die Reichen und Superreichen im Land. Der gebürtige ­Luxemburger mit Wohnsitz in Schanghai geht davon aus, dass Xi anders noch als die Vorgängerführung dieses Mal mit einem sehr viel längeren Atem vorgehen werde. Hoogewerf empfiehlt daher der Schweizer Uhrenbranche, bei der Produktpalette umzuschichten und in China künftig günstigere Uhren mit einem weniger anrüchigen Image anzubieten.

Wie aus dem Umkreis des Swatch-­Konzerns zu hören ist, passiert genau das bereits schon. So bietet der Schweizer ­Uhrenriese chinesischen Händlern an, bereits gelieferte teure Rado-Uhren ein­zutauschen gegen günstigere Modelle. ­Zudem will Swatch in China verstärkt auf die preislich günstigeren Marken Tissot und Longines setzen. Dieser Markt werde in der Volksrepublik weiterhin boomen, heisst es aus Unternehmenskreisen.

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Auch die Einzelhändler haben bereits auf die veränderten Marktbedingungen und die von oben staatlich verordnete­ ­Antikorruptionskampagne regiert. In der Innenstadt von Suzhou hat ein Laden­inhaber sämtliche Rolex-Uhren aus dem Schaufenster genommen und die Leuchtreklame mit dem Namen der renommierten Luxusuhr abmontieren lassen. «Das ist nicht mehr die Marke, für die wir stehen wollen», sagt er.

Chinas Volksarmee: Porsche ist verboten

Top-Modelle
Das chinesische Militär darf nicht mehr Porsche fahren. BMW und Mercedes sind ebenfalls verboten, genau wie die Top-Modelle von Audi und Volkswagen. Wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtet, beschloss dies die Zentrale Militärkommission in Peking. Ihr steht der neue Partei- und Staatschef Xi Jinping vor. Mit rund 2,2 Millionen Soldaten sind Chinas Streitkräfte die grössten der Welt. Xi hat der Verschwendung, Veruntreuung und Korruption den Kampf angesagt.

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Schwarze Liste der Modelle
Den Militärs geht es nicht um Einsparungen, sondern um Tugend. Dass Männer in Uniform Luxuskarossen nutzten, schreibt die offizielle Zeitung der Volksarmee, «steht im Widerspruch zur ruhmreichen Tradition unserer Armee und ist der Förderung der militärischen Moral nicht dienlich». Das Blatt listet akribisch alle Modelle auf, die vom ersten Mai an keine militärischen Nummernschilder mehr erhalten dürfen. Neben den deutschen Marken sind es vor allem Bentley, Jaguar, Lincoln, Land Rover und Cadillac. Generell würden keine Autos mehr zugelassen, welche mehr als 450 000 Yuan – das entspricht umgerechnet rund 70 000 Franken – kosten oder deren Hubraum drei Liter und mehr erreiche, schreibt das Blatt. Ausserdem werde man es nicht mehr dulden, dass militärische Nummernschilder illegal kopiert würden. Offenbar war das zuvor eine verbreitete Praxis.

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