Revisionsmandate sind im abgekühlten Wirtschaftsklima härter umkämpft. Begünstigt das grosse Prüfer wie Ernst & Young?

Bruno Chiomento: Grösse ist ein Vorteil, ganz speziell in Krisenzeiten. Im internationalen Bereich muss die Abschlussprüfung möglichst effizient und trotzdem qualitativ hochstehend erfolgen. Die grossen Netzwerke sind wichtiger denn je. Wir haben die Globalisierung in unserer Organisation schon vor der Finanzkrise eingeleitet. Das hat uns einen Wettbewerbsvorteil verschafft.

Führt der verschärfte Wettbewerb zu einem Preisdruck?

Chiomento: Ja, aber bei einem Revisionsmandat ist der Preis nicht das einzige Kriterium, es zählt auch die Leistung. Allerdings darf ein besseres Team und Netzwerk vielleicht 10 bis 15% teurer als die Mitbewerber sein, aber nicht 50%.

Der verantwortliche Revisor muss nach der neuen Gesetzgebung alle sieben Jahre gewechselt werden. Hat dies die Fluktuationsrate bei den Mandaten erhöht?

Chiomento: Durchaus. Zahlreiche Gesellschaften nehmen diese vorgegebene Rotation zum Anlass, um das Revisionsmandat neu auszuschreiben. Will der bisherige Wirtschaftsprüfer die Arbeit mit einem neuen Verantwortlichen aus den eigenen Reihen fortsetzen, ist eine sorgfältige Nachfolgeplanung besonders wichtig.

Bei der klassischen Abschlussprüfung ist derzeit kaum ein Wachstum zu beobachten. Wird dieses Kerngeschäft bei den «Big Four» vermehrt durch Beratungsdienstleistungen zurückgedrängt?

Chiomento: Bei uns entfallen je rund die Hälfte auf die Wirtschaftsprüfung und Beratung. Wir erwarten künftig bei der Revisionstätigkeit keine markante Steigerung, weil der Markt abgedeckt ist. Die Beratung bietet demgegenüber Wachstumschancen. Deshalb haben wir in diesem Bereich investiert, um nach der Krise eine gute Ausgangslage zu haben.

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Ist das Consulting lukrativer als die Revision?

Chiomento: Mittel- und langfristig trifft das durchaus zu. In der anfänglichen Investitionsphase wird das Ergebnis allerdings durch den Aufbau der notwendigen Ressourcen belastet.

Nicht alle Dienstleistungen werden gleich stark nachgefragt. Die Merger & Acquisition-Tätigkeit hat sich wegen der Wirtschaftskrise markant vermindert. Ist der Tiefpunkt überwunden?

Chiomento: Ja, der Wendepunkt ist erreicht. Wir registrierten in der Transaktionsberatung in den letzten sechs Monaten eine klar steigende Tendenz und haben Marktanteile gewonnen. Zuvor ist dieser Markt aber fast zum Erliegen gekommen. Die Volumen bewegen sich auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.

Welche Dienstleistungen werden von den Firmen rege genutzt?

Chiomento: In der Beratung ist es vor allem der Bereich Performance Improvement. Bei einem anhaltenden Kostendruck versuchen die Unternehmen, ihre Prozesse noch stärker zu optimieren. Einen positiven Trend sehen wir auch bei der Steuerberatung im Segment Human Capital, wo es Neuansiedelungen von Firmen aus dem amerikanischen und vermehrt auch aus dem asiatischen Raum gibt.

Leidet der Standort Schweiz nicht darunter, dass bei den Steuerfragen erhebliche Unsicherheiten herrschen?

Chiomento: Ja, diese Verunsicherung führt zu einer abwartenden Haltung. Projekte werden verschoben, bis die Situation geklärt ist. Deshalb könnte die Zahl der Neuansiedelungen von Headquartern noch viel grösser sein. Umso wichtiger ist es, dass es auf politischer Ebene rasch zu Lösungen mit ausländischen Staaten kommt. Das könnte der Schweiz einen zusätzlichen Wachstumsschub verleihen.

Mit der neuen Revisionsaufsicht sind die Anforderungen an einen Wirtschaftsprüfer erheblich gestiegen. Führt das zu einer stärkeren Konzentration?

Chiomento: Ein solcher Trend ist allein wegen den Kosten für die Revisionsaufsicht zu erwarten. Zudem wird es für die kleineren Gesellschaften laufend schwieriger, die Aufgaben kostendeckend zu erfüllen. Das führt zu Zusammenschlüssen von einzelnen Gesellschaften, bedeutet aber auch, dass sich viele kleinere Wirtschaftsprüfer nur noch auf ein einzelnes Segment konzentrieren.

Rund 1000 Treuhänder, die als Revisoren für Kleinfirmen tätig waren, haben von der Aufsicht keine Lizenz mehr erhalten. Wandern diese Mandate nun zu den grossen Revisionsfirmen?

Chiomento: Nicht unbedingt. Die «Big Four» sind vor allem bei international ausgerichteten Unternehmen gefragt. Eine kleine Gesellschaft, ohne globale Vernetzung, kann durchaus von einem lokalen Treuhänder bedient werden. Mit dem Opting out und der eingeschränkten Abschlussprüfung gibt es neuerdings auch kostengünstige Alternativen. Start-ups weisen in der Regel ein rasches Wachstum auf, oftmals mit Tätigkeiten, die über die Landesgrenzen hinausgehen. Da stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoll ist, die Dienste eines international ausgerichteten Wirtschaftsprüfers zu beanspruchen.

Wie ist Ernst & Young bei den KMU präsent?

Chiomento: Etwa ein Drittel unseres Geschäfts befindet sich in diesem Segment. Wir unternehmen erhebliche Anstrengungen, beispielsweise mit dem «Entrepreneur of the year»-Programm, um bei diesen aufstrebenden kleinen und mittleren Firmen mit dabei zu sein. Man darf nicht vergessen: Die KMU sind das Rückgrat unserer Wirtschaft.

Zur besseren Kundenbetreuung bilden die «Big Four» weltweit Clusters. Welche Bedeutung kommt der Schweizer Ländergesellschaft von Ernst & Young noch zu?

Chiomento: Wir haben uns in der Region Europa, Mittlerer Osten, Indien und Afrika (EMEIA) zusammengeschlossen. Darin bildet die Schweiz zusammen mit Deutschland und Österreich eine Sub-Area, und unsere Financial-Services-Abteilungen sind in einer FSO-Area zusammengefasst. Unser Land ist innerhalb der EMEIA-Region der sechstgrösste Markt, und weltweit stehen wir an zwölfter Stelle. Die Marktbearbeitung geschieht weiterhin über die Ländergesellschaft.

Werden die internationalen Mandate global koordiniert?

Chiomento: Es gibt für jede Region ein Management, das Entscheide zentral trifft. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von den Mitbewerbern, bei denen mehr im einzelnen Land entschieden wird. Auch die Erträge werden bei uns nach Region gepoolt. Damit wird verhindert, dass sich eine Ländergesellschaft auf Kosten einer anderen finanzielle Vorteile verschaffen kann.

Was sind Ihre Aufgaben als Länderchef?

Chiomento: In meinen Verantwortungsbereich gehört nebst der Marktbearbeitung der Kontakt zu den Aufsichtsbehörden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Revisionsaufsicht gemacht?

Chiomento: Insgesamt beurteilen wir die Arbeit dieses neuen Aufsichtsgremiums als positiv. Die einzelnen Inspektionen können aus unserer Sicht noch optimiert werden. Der Regulator ist immer mehr auch international vernetzt. Daraus werden sich mit der Zeit auch globale Standards für die Aufsicht ergeben.

Die Support-Funktionen werden zunehmend ausserhalb der Schweiz angesiedelt?

Chiomento: Ja, das gilt etwa für die IT oder den Einkauf.

Können Sie im Heimmarkt genügend Nachwuchs rekrutieren?

Chiomento: Derzeit ist das möglich. Ernst & Young rekrutiert pro Jahr 200 bis 300 Hochschulabgänger. Weil sich die Konkurrenz durch andere Arbeitgeber aus der Finanzbranche in der Krise etwas abgeschwächt hat, fällt uns die Gewinnung von neuen Leuten etwas leichter. Bei einem wirtschaftlichen Aufschwung wird sich die Situation am Arbeitsmarkt aber rasch wieder verschärfen, und damit intensiviert sich auch der «War for talents».

Wechseln auch viele Wirtschaftsprüfer aus dem Ausland in die Schweiz?

Chiomento: Wir haben in der jüngsten Vergangenheit eine Zuwanderung von Fachkräften aus Deutschland gehabt.

Die Rechnungslegungsstandards werden laufend komplexer. Erwarten Sie nach der Finanzkrise eine neue Welle von Regulierungen, die auch das Accounting tangieren?

Chiomento: Diese neuen Vorschriften werden die Rechnungslegung beeinflussen. Aus früheren Zeiten wissen wir, dass mehr Regulierungen auch zu stärker eingeengten Standards führen.

Das erfordert zusätzliches Know-how bei den Wirtschaftsprüfern. Wie viel wenden Sie für die Weiterbildung auf?

Chiomento: Etwa 10% des Honorarvolumens gehen in die Aus- und Weiterbildung. Auch in der Krise wurde dieser Anteil nicht vermindert.

Der Revisionsberuf war früher eine Männerdomäne. Gilt das immer noch?

Chiomento: Es gab einen Wandel. An den Hochschulen sind heute über 50% der Studierenden weiblich. Damit hat sich auch unser Ressource-Pool verändert. Zur Karriereförderung der Frauen müssen wir aber bei den Arbeitszeiten noch flexibler werden.

Wie hoch ist der Frauenanteil?

Chiomento: Insgesamt ist er hoch, rund 40%, aber auf Kaderstufe finden sich verhältnismässig noch zu wenige Frauen.