Das jüngste Gespenst, das durch die Wirtschaft geistert, heisst Preis-Lohn-Spirale. Der Präsident der Nationalbank Jean-Pierre Roth sagte der «Handelszeitung» (Nr. 22 vom 28.5.2008), wenn im Zuge des Inflationsdrucks auch die Löhne stiegen, wäre das problematisch. Sorgen macht sich auch Arbeitgeber-Direktor Thomas Daum. Er fordert, die Arbeitnehmerverbände sollten die Meldungen über den stark vom Erdölpreis getriebenen Teuerungsanstieg nicht für ihre Lohnforderungen instrumentalisieren (siehe «Nachgefragt»). Er erinnert an die negativen Auswirkungen der Preis-Lohn-Preis-Spirale der 70er Jahre. In der Folge hätten sich viele Arbeitgeber und Arbeitgeberverbände in den späten 80er und in den 90er Jahren vom automatischen Teuerungsausgleich gelöst.

Selbstverständlich für die einen

Von einer solchen Loslösung halten die Arbeitnehmerorganisationen nichts. Der Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, Stefan Studer: «Wenn Daum den Angestellten in Zeiten, in denen die Wirtschaft sehr gut läuft und die gesamtwirtschaftlichen Daten der Schweiz solide und weiter auf ein gemässigtes, aber anhaltendes Wachstum des realen BIP hindeuten, den Ausgleich der Teuerung streitig machen will, dann ist dies nicht nachvollziehbar.» Die Lohnforderungen des Verbands orientierten sich an Inflationsrate und Produktivitätszuwachs.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) fordert eine allgemeine Lohnerhöhung von 5%. Für die Unia ist der Teuerungsausgleich eine Selbstverständlichkeit. In den meisten Branchen bestehe nach den starken Gewinnentwicklungen auch Spielraum für eine Reallohnerhöhung, sagt Unia-Sprecher Hans Hartmann. Befürchtungen, dass Gewerkschaften die hohe Inflation instrumentalisieren könnten, findet er absurd. «Die Leute spüren die Teuerung, die überdies importiert ist, im Portemonnaie», sagt er. Weiter: «Die Wirtschaft kann das Problem der Erdölknappheit nicht lösen, indem sie die Löhne drückt.»

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Der CEO von Manpower Schweiz, Charles Bélaz, rät Unternehmen, nicht auf kurzfristige Schwankungen zu reagieren. Es sei möglich, dass sich die Situation bis Ende Jahr beruhige. In der letzten Prognose im Februar ging das BFS von einer Teuerung von 1,7% aus für 2008. Die nächste Prognose, auf die sich die Sozialpartner bei den Lohnverhandlungen berufen werden, soll am 15. Juni herauskommen. Die OECD rechnet damit, dass die Teuerung in der Schweiz gegen Ende Jahr nachlassen wird. Die Inflation betrug per Ende Mai, plus 2,9% gegenüber Mai 2007. Gleichzeitig lag die Kernteuerung ? also ohne Nahrung, Getränke, Tabak und Energie ? nur bei 1,4%.

Bélaz warnt: «Zu starke Erhöhungen der Lohnkosten können mittelfristig auch zur Gefährdung der Arbeitsplätze führen.» Es sei verlockend, dem Fachkräftemangel mit hohen Löhnen zu begegnen. Doch: «Dies erhöht generell die Kosten und schafft Ungleichheiten in den Lohngefügen. Mitarbeiter, die auf solche Angebote reagieren, sind schnell bereit, auf noch bessere Offerten anderer einzugehen.» Die Löhne sollten sich primär nach der Leistung richten.

Gefährlich für die anderen

Auch BAK-Ökonom Alexis Körber hebt die Gefahren des ver- stärkten Lohndrucks hervor: «Im ersten Moment hat es einen gewissen Charme, die mit den gegenwärtig aussergewöhnlich hohen Inflationsraten einhergehenden Kaufkraftverluste durch zusätzliche Lohnsteigerungen zu kompensieren.» Doch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung dürfte sich in den kommenden Monaten weiter abschwächen und Löhne seitens der Unternehmen wieder verstärkt als Kostenfaktor wahrgenommen werden. Nur auf den Kaufkraftausgleich abzielende Lohnverhandlungen könnten sich also über negative Beschäftigungseffekte als kontraproduktiv für den privaten Konsum erweisen.

Laut Unternehmer und Nationalrat Johann Schneider-Ammann messen sich die Löhne in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie an der Wettbewerbsfähigkeit der Firmen gegenüber Konkurrenten billigerer Standorte und nicht an der Inflation. Einen verschriebenen allgemeinen Teuerungsausgleich gebe es für ihn nicht. «Entscheidend ist die langfristige Sicherheit des Arbeitsplatzes. Unter Umständen unter Inkaufnahme eines kurzzeitigen Kaufkraftopfers», sagt er.

Viele Firmen sind extremen Kostensteigerungen durch Rohstoffe ausgesetzt und haben wie Rivella auch Verständnis für den Wunsch nach Teuerungsausgleich. «Doch ob wir ihn gewähren können, hängt vom Geschäftsgang ab», so Rivella-Sprecherin Monika Christener.

Ökonomen dämpfen Befürchtungen vor einer Preis-Lohn-Spirale

D ie Gefahr einer sich selbst verstärkenden Preis-Lohn-Spirale besteht, ist jedoch deutlich geringer einzuschätzen als in der Vergangenheit», sagt Alexis Körber, Senior Economist BAK Economics in Basel. So seien den Lohnsteigerungsspielräumen durch den intensivierten internationalen Wettbewerb enge Grenzen gesetzt. Weiter: «Ich glaube daher nicht, dass sich die Löhne zu einem gewichtigen Inflationstreiber entwickeln.»

Ähnlich urteilt Michael Graff, Bereichsleiter Konjunktur an der Kof der ETH Zürich. Die Theorie besage, dass alles, was die gegenwärtige Inflationsrate plus die längerfristige Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität überschreite, über kurz oder lang zu einer Inflationsbeschleunigung führe. Mit einer Faustformel Inflation 2% plus Produktivitätswachstum von 1,5% werde es ab 3,5% kritisch. Man müsse dies aber für verschiedene Sektoren betrachten. Hinzu komme gegebenenfalls ein Nachholbedarf, sodass die Formel nur über einen längeren Zeitraum gelten könne.

Graff: «Meines Erachtens sind unter Berücksichtigung aller Umstände momentan die Lohnerhöhungen in der Schweiz kein Inflationsfaktor.» (clu)

Lesen Sie dazu auch das Interview mit SNB-Präsident