Herr Sieber, in den letzten Monaten verlor Orange Marktanteile, während Sunrise gute Zahlen geliefert hat. Hat sich Orange in eine Fusion geflüchtet?

Thomas Sieber: Nein, im Gegenteil, der direkte Zahlenvergleich täuscht. Tatsache ist, dass sich Orange bei den Marktanteilen nach Umsatz, beim Umsatz pro Kunde und der Rentabilität sehr gut präsentiert, während sich Sunrise bei den Marktanteilen nach Kunden, beim Gesamtumsatz und beim Betriebsergebnis (Ebitda) sehr gut präsentiert. Beide Unternehmen sind kerngesund und erfolgreich.

Eigentlich wollten Sunrise und Orange erst die Netze zusammenlegen. Warum hat man sich nun dagegen entschieden?

Sieber: Der Entscheid zum geplanten Zusammenschluss ist kein Entscheid gegen eine Netzzusammenlegung, sondern ein Entscheid für ein Zusammengehen darüber hinaus. Dieser Entscheid entwickelte sich aus der tieferen Analyse der festgefahrenen Wettbewerbssituation im Schweizer Markt. Die beiden Mutterhäuser, France Télécom und TDC, haben erkannt, dass jedes Unternehmen für sich allein nur schwer die notwendigen Skaleneffekte und Synergien realisieren kann, die ein ernsthaftes Herausfordern der historischen Anbieterin erlauben. Der geplante Zusammenschluss wird dies ändern und dem Eigentümer auch eine Rendite sicherstellen, die in etwa im Durchschnitt anderer Investitionsmöglichkeiten liegt. Heute ist das nicht unbedingt der Fall.

Seit wann wussten Sie von den Fusionsverhandlungen?

Sieber: Das bleibt mein Geheimnis.

Wann wurden Sie denn angefragt, das neue Unternehmen zu leiten?

Sieber: Irgendwann zwischen dem Zeitpunkt, an dem ich über den geplanten Zusammenschluss informiert wurde und letztem Mittwoch, als der geplante Zusammenschluss angekündigt wurde.

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Sie haben lange beim IT-Konzern Fujitsu Siemens gearbeitet und gelten in der Telekombranche als unbeschriebenes Blatt, während Sunrise-Chef Christoph Brand die letzten Monate Erfolge aufweisen konnte. Wie gehen Sie damit um?

Sieber: Ich habe vor meinem Wechsel zu Orange während 20 Jahren in einer Branche gearbeitet, die mit der Telekombranche verwandt ist. Zudem bin ich mich bereits an das Arbeiten in einem internationalen Umfeld gewöhnt, was mir jetzt zugute kommt. Ich freue mich auf diese Herausforderung.

Wie sieht ein durchschnittlicher Arbeitstag von Ihnen aus?

Sieber: Ich arbeite ungefähr zwei Tage am Hauptsitz von Orange in Renens, zwei Tage am Sitz in Zürich und einen Tag am Sitz in Biel. Je nachdem, an welchem Standort ich arbeite und woher ich anreise, arbeite ich zuerst vom Home Office aus und treffe zwischen 8 und 9 Uhr im Büro ein. Während eines durchschnittlichen Arbeitstages bin ich etwa 70 bis 80% in Sitzungen. So gegen 22 Uhr bin ich in der Regel wieder zu Hause. Monatlich stehen ungefähr zwei bis drei Reisen nach Paris an den France-Télécom-Hauptsitz oder in andere Länder an Meetings an.

Orange wollte bis Ende des nächsten Jahres 400 neue Antennen in Betrieb nehmen. Sind diese Pläne nun auf Eis gelegt?

Sieber: Ein Mobilfunknetz ist nichts Statisches. Je mehr Kundinnen und Kunden ein Mobilfunknetz mit modernen Breitbanddiensten und Multimediainhalten nutzen, umso mehr muss das Netz ausgebaut werden. Wir haben dieses Jahr rund 300 Antennen gebaut beziehungsweise bestehende Standorte ausgebaut. Zudem wurde bei rund 200 Standorten die Kapazität erweitert.

Wie viele Antennen werden Orange und Sunrise nach der Fusion stilllegen?

Sieber: Ein gemeinsames Netz kann mit einer geringeren Anzahl Antennen ausgebaut würden. Oder anders gesagt: Heute haben Orange und Sunrise zusammen 5600 Antennenstandorte. Ohne Zusammenschluss würden es im Jahr 2014 rund 7800 sein. Bei einem Zusammenschluss werden es rund ein Drittel weniger Antennenstandorte als die 7800 sein.

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Was bedeutet der Zusammenschluss der beiden Unternehmen für die Anzahl Arbeitsplätze?

Sieber: Ein Arbeitsplatzabbau wird kommen, das ist unvermeidbar. Wir werden aber versuchen, Synergien vor allem im Netzbereich, im Marketing und im Verkauf zu erzielen. Dort liegen grosse Einsparpotenziale.

Sie sparen rund 30% der neuen Antennen ein. Benötigen Sie auch 30% weniger Mitarbeiter?

Sieber: Das ist reine Spekulation. Solange die Wettbewerbskommission (Weko) für die Fusion noch kein grünes Licht gegeben hat, konkurrieren wir uns noch. Wir dürfen noch gar keine Gespräche über einen Stellenabbau führen. Es gibt noch keine Grössenordnung, wie viele Stellen es treffen könnte.

Sie hatten übers Wochenende erste Kontakte zur Weko und zur Kommunikationskommission (ComCom). Wie sind die Signale?

Sieber: Ich habe den Eindruck, dass man den Zusammenschluss wohlwollend prüfen wird.

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Der Präsident der Weko sagte aber auch, dass anhaltend hohe Margen ein Indiz für fehlenden Wettbewerb sein könnten.

Sieber: Gerade im Mobilfunk haben wir gegenüber Swisscom und im internationalen Vergleich nicht besonders hohe Margen. Zumal im Mobilfunk die Investitionen in den Markt sehr hoch sind. Orange und Sunrise haben beide allein zunehmend Mühe bekundet, diese hohen Investitionen stemmen zu können. Das war für den Zusammenschluss ein wichtiges Kriterium.

Orange hat sich in der Vergangenheit nicht unbedingt als Preisbrecherin im Markt hervorgetan. Nun wird das Orange-Mutterhaus noch ziemlich viel Geld für Sunrise zahlen. Wird danach der Wettbewerb wirklich intensiviert?

Sieber: Davon bin ich überzeugt. Die Synergien, die wir zusammen erzielen können, sind wirklich sehr gross. Und es stimmt nicht, dass Orange in der Vergangenheit keine attraktiven Produkte auf dem Markt hatte. Anders als Sunrise setzten wir einfach nicht auf einen möglichst tiefen Minutenpreis, sondern schnürten attraktive Pakete.

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Dennoch: Werden die Preise im Mobilfunk nach der Fusion sinken?

Sieber: Ja, nur schon, weil die Preise im Mobilfunk generell nach unten zeigen.

Wie wird die neue Firma heissen?

Sieber: Es wäre sicher sehr überraschend, wenn der Name Orange verschwinden würde. Meiner Meinung nach wäre es auch ein strategischer Fehler, denn Orange ist hervorragend positioniert in der Schweiz. Aber auch der Name Sunrise ist gut eingeführt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir in nächster Zeit mit beiden Namen am Markt auftreten werden.

2011 wird Coop-Chef Hansueli Loosli neuer Präsident von Swisscom. Coop ist ein grosser Kunde von Orange. Bleibt das so?

Sieber: Coop ist nicht nur ein grosser Unternehmenskunde von Orange, sondern zugleich ein Mobilfunk-Serviceprovider, der sein Angebot über unser Netz erbringt. Mit unseren qualitativ hochstehenden Diensten und unserem Preis-Leistungs-Angebot konnten wir uns bei verschiedenen Ausschreibungen von Coop gegenüber unseren Mitbewerbern und dem historischen Anbieter jeweils durchsetzen. Wir sind zuversichtlich, dass uns dies auch weiterhin gelingen wird.

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Orange hat neben der Swisscom das iPhone in der Schweiz verkaufen dürfen. Wars unter dem Strich ein Verlustgeschäft, wie man lesen konnte?

Sieber: Nein, die Behauptung, die Einführung und der Verkauf des iPhones rechne sich nicht für uns, ist absurd. Nebst den verkauften Stückzahlen des iPhone selbst, des rund 30% höheren Umsatzes, den uns die iPhone-Kundinnen und -Kunden mit der Nutzung der mobilen Datendienste und der intensiveren Nutzung der Sprachtelefonie bringen, darf auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass das iPhone einen wahren Smartphone-Boom nach sich gezogen hat. Ich bestätige Ihnen gerne, dass sich die iPhone-Einführung für uns über alles gesehen gut rechnet.

Verfügen Sie über genügend iPhones fürs Weihnachtsgeschäft?

Sieber: Ja, wir sind gut vorbereitet. Wir erwarten nochmals sehr gute Verkaufsergebnisse und haben attraktive Pakete geschnürt.

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