Die Traubenernte in diesem Herbst gehört bezüglich Qualität und Menge zu den besten Jahrgängen überhaupt, und wir erwarten Spitzenweine», erklärt Othmar Lampert aus Steckborn TG. Er ist einer von rund 1700 hauptberuflichen Rebbauern in der Schweiz, die selber anpflanzen, keltern und den Wein auch in Eigenregie verkaufen. Das 5 ha grosse Weingut zählt in der Ostschweiz bereits zu den grösseren Betrieben. Es entspricht auch mindestens gutem Schweizer Durchschnitt, wenn man die Zigtausend Nebenerwerbs- und Hobbywinzer, die im Schnitt kaum eine halbe Hektare bewirtschaften, nicht mitzählt.

Mit einer verblüffenden Vielfalt

Der Rebbau in der Schweiz ist mit einer seit Jahren konstanten, um rund 15000 ha herumpendelnden Anbaufläche äusserst klein strukturiert. «Daran hat sich - im Gegensatz zur klassischen Landwirtschaft - in den letzten Jahren auch nicht viel verändert», erklärt Frédéric Rothen, stv. Leiter des Fachbereichs pflanzliche Produkte beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Von grossem Strukturwandel kann also beim Rebbau kaum die Rede sein, vielmehr von stabilen Besitzverhältnissen.

Wenn es denn einen Wandel gibt, so zeigt er sich darin, dass viele kleine Winzer vermehrt ihre Ernte an eine der wenigen grösseren Kellereien abgeben. Diese finden sich vor allem im Wallis, und es stehen dafür Namen wie Provins oder Orsat. Allein Provins Valais verarbeitet den Ertrag von 1250 ha, also knapp 10% der Schweizer Produktion. Orsat gehört zur Rouvinez S.A. in Sierre, die 110 ha eigene Rebflächen besitzt. Die Kellerei dürfte damit der grösste Weinbauer in der Schweiz sein.

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Im internationalen Vergleich allerdings bedeutet solche Grösse kein Schwergewicht, denn viele Weingüter im EU-Raum sind mehrfach grösser. Die berühmte Kellerei Sella & Mosca auf Sardinien etwa, die zur Campari-Gruppe gehört, besitzt mehr als 900 ha Reben und produziert rund 7 Mio Flaschen Wein jährlich.

Die Schweizer Weinbauern können da mengenmässig nicht mithalten. In qualitativer Hinsicht keltern sie jedoch Spitzenweine, die aber häufig nur über ganz bestimmte Verkaufskanäle erhältlich sind. Der Liebhaber guter Schweizer Tropfen muss sich also auf Erkundungstour begeben, wobei er sich oft am besten direkt beim Weinbauern eindeckt.

Trendsetter und Raritäten

Diese spüren, wie Othmar Lampert durchblicken lässt, kaum etwas von der Wirtschaftskrise. «Denn jene Konsumenten, die bisher vorwiegend Weine aus Übersee konsumiert haben, greifen jetzt vermehrt auf gehaltvoll gekelterte regionale Weine zurück», betont er.

Besonders im Trend seien wieder traditionelle Traubensorten wie etwa Blauburgunder (Pinot noir) und Müller-Thurgau (Riesling x Silvaner). Diese gehören neben Chasselas, Gamay und Merlot zu den verbreitetsten Rebsorten.

Daneben werden in den hiesigen Rebbergen auch mehr als 40 uralte einheimische Raritäten gehegt und gepflegt, die sich sonst auf der Welt kaum noch finden. Besonders zu erwähnen sind die verschiedenen Rari- und Spezialitäten aus dem deutschsprachigen Oberwallis. Hier werden Rebsorten kultiviert und vinifiziert, für die sich lange Zeit kaum jemand mehr interessierte und die auszusterben drohten. Weinkenner Rudolf Trefzer verweist hier auf die auch sprachlich hoch interessanten Rebsorten mit klangvollen Namen wie Lafnertscha, Himbertscha, Gwäss, Resi oder Eyholzer Roter (siehe auch Seite 83) Was bedeutet: Die Schweizer Weinbauern können so mit einer verblüffenden Vielfalt aufwarten.

Prost! Pro Kopf 38 Liter

Für die Qualität der einheimischen Tropfen spricht weiter, dass die Schweizer Produktion fast ausschliesslich im eigenen Land konsumiert wird. «Der Weinexport ist marginal und beschränkt sich auf Nischenprodukte; er liegt unter 1%», so Rothen. Für eine internationale Vermarktung eignet sich der atomisierte Anbau schlecht. Die Schweizer Rebbauern müssten dafür grössere Volumen liefern können.

Die Ausrichtung auf den eigenen Markt ist aber kein Unglück. Die Schweizer Produktion vermag die Nachfrage der Konsumenten gerade mal zu 40% abzudecken. Diese Zahl ist seit Jahren mehr oder weniger konstant, auch wenn der Weinkonsum seit Jahren tendenziell rückläufig ist. Der Pro-Kopf-Verbrauch jedenfalls ist in den letzten 30 Jahren von 44 auf 38 l gesunken.

Rotwein hat Weissen überholt

Der deutlichste Wandel im Schweizer Rebbau betrifft die Verlagerung von Weiss- zu Rotwein - ein schleichender Prozess in den letzten Jahren. Die mit roten Sorten bestockten Flächen werden immer grösser; sie machen anteilsmässig inzwischen 58% aus. Dieser Wandel wirkt sich auch auf die Importquoten aus: Die mengenmässig gewichtigeren Einfuhren von roten Gewächsen nehmen tendenziell ab, die früher unbedeutenden Einfuhren von Weisswein hingegen zu.

Coop und Denner dominieren

Wie die Produktion, so ist auch der Verkauf kleinstrukturiert, gleichzeitig aber auch konzentriert. Es gibt rund 2700 Weinhändler in der Schweiz. Mehrheitlich sind es Hobby- oder Kleinhändler, die weniger als 2000 Flaschen pro Jahr verkaufen. Weniger als 50 Weinhandlungen kommen auf einen Umsatz von mehr als 2 Mio l jährlich.

Den im Endverkauf auf 1,8 Mrd Fr. geschätzten Weinmarkt dominieren zu zwei Dritteln die Detailhändler Coop und Denner. Marktführer Coop verkauft dabei die edlen Tropfen nicht nur in den eigenen Supermärkten, sondern auch an Weinmessen und sogenannten Mondovino-Anlässen.

Coop rechnet beim Weinabsatz, wie Sprecher Nicolas Schmied versichert, 2009 insgesamt mit einem moderaten Wachstum. Überdurchschnittlich gefragt seien Rosé- und günstige Schaumweine, während sich die preiskritischer gewordenen Konsumenten beim teuren Champagner eher zurückhielten.

Auch Denner ist davon überzeugt, dieses Jahr Marktanteile gewinnen zu können. «Dank unserem guten Aktionsmix und der Ausrichtung auf die preissensiblen Kunden», glaubt Denner-Sprecherin Anita Däppen.

Die Mövenpick Wein AG, die mit 13 Weinkellern in der Schweiz im Premium-Bereich positioniert ist, dürfte hingegen die Krise stärker spüren, auch wenn Marketingleiter Jens Kaufmann beteuert: «Die Lust auf Wein ist ungebrochen.» Er muss allerdings einräumen, dass die Konsumenten im Schnitt im Vergleich zum Vorjahr 3 Fr. weniger für eine Flasche ausgeben.

Teure(re) Weine habens schwer

«Hochpreisige Weine haben gegenwärtig einen schweren Stand», bestätigt auch Corinne Fischer, CEO der Bataillard AG in Rothenburg LU. Bataillard gehört mit einem Umsatz von rund 15 Mio Flaschen zu den führenden Handelskellereien in der Schweiz. Das Familienunternehmen vertritt als Generalimporteur 50 internationale Weingüter und beliefert mit einem Sortiment von 200 Weinen den Weinfachhandel, den Detailhandel und den für die Branche wichtigen Gastronomie-Grosshandel.

Gespart wird in der Gastronomie

Auch wenn Fischer mit dem Verlauf der eigenen Geschäfte in diesem Jahr zufrieden ist, so befürchtet sie doch, dass die Krise in der Branche ihre Spuren hinterlassen wird. «Wir gehen davon aus, dass eine Bereinigung im traditionellen Weinfachhandel stattfinden wird», sagt sie. Der Detailhandel hingegen werde Marktanteile gewinnen, dank erweiterten Sortimenten. Zu den deutlichsten Verlierern dürften die Gastronomen zählen. Denn beim Auswärtsessen lässt sich eben am einfachsten sparen, wenn auf einen teuren Tropfen im Restaurant verzichtet wird.