Seit Ausbruch der Finanzkrise stehen die Banken unter schärferer Kontrolle. Wie intensiv wird Ihnen als Versicherer über die Schultern geschaut?

Philippe Egger: Da wir ein ganz anderes Geschäftsmodell fahren und daher nicht mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie die Banken, kam es im vergangenen und auch im laufenden Jahr noch nicht zu allzu grossen regulatorischen Veränderungen. Aber auch die Versicherungsindustrie spürt die zunehmende Überwachung durch die Finma - die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht. So wurde die Periodizität des Reporting vor allem für die Solvenzzahlen erhöht. Es ist durchaus denkbar, dass es zu weiteren Massnahmen kommen wird.

Wie muss Ihrer Meinung nach die Aufsicht für die Versicherungsbranche organisiert sein?

Egger: Wir betonen immer wieder, dass es jetzt an der Zeit ist, dass alle Vorsorgeeinrichtungen der 2. Säule der gleichen Aufsicht unterstellt werden und für alle die gleichen Regeln gelten. Derzeit sind die Sammelstiftungen der Versicherungsgesellschaften, wie jene der Axa Winterthur, der Finma, und die autonomen und halbautonomen Pensionskassen dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) unterstellt. Jetzt hat es sich gezeigt, dass die privaten Vollversicherer noch immer in der Lage sind, alle Renten vollumfänglich zu garantieren. Währenddessen liegt der durchschnittliche Deckungsgrad der teilautonomen und autonomen Pensionskassen bei lediglich rund 90%.

Diese Diskussion um eine einheitliche Regulierung läuft aber schon seit geraumer Zeit. Warum soll es ausgerechnet jetzt zu einer Veränderung kommen?

Egger: Wir diskutieren hier über Renten. Dass diese nun gefährdet werden, darf nicht sein. Bis jetzt galten die teilautonomen und autonomen Pensionskassen in der Politik immer als gutes und die Sammelstiftungen der Versicherer als schlechtes Modell. Die gegenwärtigen Unterdeckungen haben nun aufgezeigt, dass diese Theorie nicht stimmt. Daher ist es gut möglich, dass es zu einer Veränderung und neuen Regulierungen kommt.

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Die Versicherungsbranche gilt grundsätzlich als konjunktureller Nachzügler. Befürchten Sie, dass nun auch die Versicherungsindustrie analog zu den Banken in eine Vertrauenskrise rutscht?

Egger: Weltweit gibt es Beispiele, dass dies durchaus passieren kann - siehe AIG. Allerdings gibt es in der Schweiz keinen Direktversicherer, der sich auch im Investment Banking betätigt. Ich glaube daher nicht, dass es zu einer Vertrauenskrise kommen wird.

Werden in der Krise mehr Lebensversicherungen zurückgekauft als sonst?

Egger: Wenn weniger Geld vorhanden ist, gibt es durchaus Personen, die ihre Lebensversicherungen zurückkaufen. Dies ist jedoch nicht sinnvoll, da der Verlust gross sein kann. Viel eher lohnt es sich, ein Darlehen auf der Einzellebenpolice aufzunehmen. Bei uns liegt die Annulationsrate über die Jahre im Durchschnitt bei 1,4% und ist durch die Krise auch nicht angestiegen.

Wie entwickelt sich die Zahl der Kunden im aktuellen Jahr?

Egger: Seit Jahresbeginn verzeichnen wir 20% weniger Neukunden als im Vorjahr. Dennoch befindet sich der Zufluss nach wie vor im positiven Bereich. Für mich ist dies ein Erfolg. Es gelingt uns auch in diesen schwierigen Zeiten noch, Kunden für uns zu gewinnen.

Mit welchen Risiken sehen Sie sich derzeit besonders konfrontiert?

Egger: In schwierigen Zeiten steigt besonders die Invaliditätsrate. So wickeln Arbeitgeber Kündigungen - und damit das Risiko, einen Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit zu schicken - vielfach über das Gesundheitswesen ab. Darunter leiden besonders das Kollektivkrankentaggeld und im Anschluss das BVG und die IV. Dies wird vermutlich gegen 2010 zu einer grossen Herausforderung für die hiesigen Versicherer.

Mittelfristig dürfte auch das steigende Inflationsrisiko für die Versicherer zum Problem werden. Besonders betroffen sind die grossen Anleihenbestände. Wie schützen Sie sich gegen einen möglichen Zinsanstieg?

Egger: Aus Sicht der Axa-Gruppe kommt es dann zu einer Umschichtung in inflationsgeschützte Anleihen. Allerdings gibt es in Schweizer Franken kaum solche Produkte. Entsprechend kann dies künftig zu einem Problem werden. Es ist aber auch eine Frage der Reservenpolitik. Je geringer das Polster einer Versicherung, desto rascher wird die Inflation zu einer Gefahr. Wir sind aber so gut «reserviert», dass ich mir keine Sorgen um steigende Zinsen mache.

Gibt es in der Krise auch Chancen?

Egger: Die Chancen liegen derzeit ganz klar darin, dass die allgemeine Verunsicherung viele Personen dazu bringt, ihre gegenwärtige Versicherungsdeckung zu prüfen und aufzustocken. Die Assekuranz bietet Sicherheit mit Garantien. Daher könnte es durchaus zu einer Umschichtung von Anlagen in Versicherungen kommen. Zudem spüren wir im Bereich der beruflichen Vorsorge - nicht zuletzt aufgrund der kriselnden Situation bei den autonomen Pensionskassen - eine erhöhte Nachfrage seitens der Unternehmen. Entsprechend haben wir in diesem Bereich neue Angebote geschaffen, um den Kunden nicht nur die Vollversicherung, sondern auch halbautonome Lösungen anbieten zu können.

Die autonomen Pensionskassen warben in der Vergangenheit vor allem mit günstigeren Prämien als die Privaten. Warten Sie nun auf den «Big Bang», um noch mehr Unternehmen für sich zu gewinnen?

Egger: Auch wenn das theoretisch attraktiv klingt, kann dies nicht in unserem Interesse sein. Es ist für uns alle zu hoffen, dass es bei keiner Kasse zum Fall kommt. Es handelt sich letztlich immer um Renten. Und zuzusehen, wie einer Kasse das Genick gebrochen wird, ist wohl das Schlimmste, was man der schweizerischen Bevölkerung antun könnte. Es ist somit sozial auch nicht vertretbar. Dennoch ändert dies aber nichts an meiner Meinung, dass das System der Unterstellung geändert werden muss.

Vermehrt wird darüber spekuliert, dass einige Versicherer Teile ihrer Portefeuilles abstossen und sich wieder vermehrt auf ihr Kerngeschäft konzentrieren werden. Ein Dauerbrenner ist dabei die Kollektivsparte der Nationale Suisse. Wäre dies von Interesse für Axa Winterthur?

Egger: Wir sind daran interessiert, in den Bereichen Sachversicherung, Einzelleben und Kollektivleben zu wachsen. Wo immer möglich, wollen wir das Wachstum jedoch aus eigener Kraft umsetzen. Für uns als Nummer eins sind Zukäufe auf dem Heimmarkt in der Regel fraglich. Denn es kommt rasch zu wettbewerbsrechtlichen Problemen. So haben wir beispielsweise bereits jetzt im Kollektivbereich über 30% Marktanteil. Wir haben eine Grösse erlangt, die nicht mehr viel Spielraum nach oben offen lässt.

2008 haben Sie 300 neue Stellen im Aussendienst geschaffen. Eine Statistik des Versicherungsverbandes zeigt, dass besonders Frauen vermehrt im Aussendienst angestellt werden. Woran liegt das?

Egger: Wir versuchen in allen Bereichen, die Frauenquote zu erhöhen. Wir wissen, dass Frauen besonders im Verkauf einen sehr guten Job machen. Denn Frauen sind grundsätzlich sehr engagiert und haben eine hohe Durchschlagskraft.

Danke für die Lobrede.

Egger: Es ist nicht eine Frage des Charmes. Es geht viel mehr darum, dass Frauen viel arbeiten und nie aufgeben. Im Verkauf sind Nachhaltigkeit und Durchsetzungskraft sehr wichtig. Allerdings wollen noch nicht genügend Frauen diesen Beruf ausüben, da es kein klassischer Frauenberuf ist. Wir haben aber nun beispielsweise für Widereinsteigerinnen mit Kindern ein besonderes Modell eingeführt, womit die nötige Flexibilität zwischen Beruf und Familie ideal vereinbart werden kann.

Trotz der erhöhten Frauenquote gilt der Arbeitsmarkt für Vertriebsmitarbeiter als ausgetrocknet in der Schweiz. Rekrutieren Sie zunehmend im Ausland?

Egger: Nein, das machen wir nicht. Im Verkauf ist es wichtig, eine regionale Verwurzelung zu haben und dadurch über ein bestimmtes Netzwerk zu verfügen. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht auch bewusst Personal mit anderer Muttersprache rekrutieren. Schliesslich stammen 25% der Schweizer Bevölkerung aus dem Ausland. Wir bemühen uns, unseren Aussendienstbestand auf die hiesige Population abzustimmen.

2009 planen Sie die Schaffung von weiteren Stellen im Aussendienst. Besteht da nicht die Gefahr, sich in einer Kostenspirale zu verstricken?

Egger: Das ist durchaus ein Risiko. Je mehr Personal im Vertrieb, desto höher fallen die Kosten aus. Allerdings steigt auch das Volumen, womit die Kostensätze mehr oder weniger stabil bleiben. Wir konzentrieren uns auf Bereiche wie Vertrieb und Marketing. Dafür werden wir im Backoffice besonders effizient arbeiten müssen.