Eine angehende Medien-Dokumentalistin berichtet, sie habe im Praktikum zwar eine Menge spannender Aufgaben bewältigen dürfen, hätte aber dennoch keine Lust, nach der Ausbildung in dieser Firma zu arbeiten: «Beobachtet man, was die Angestellten dort den ganzen Tag tun, ist völlig klar, dass sich Praktikum und Alltag unterscheiden wie Tag und Nacht.»

BWL-Master-Student Pascal Weber dagegen berichtet über sein dreimonatiges Praktikum bei Globus nur Gutes. In der Einkaufsabteilung half er bei der Einführung eines neuen Systems und durfte dort eigenständig Schulungen durchführen: «Als Youngster vor gestandenen Berufsleuten.» War es spannend? Die Frage erübrigt sich. Eine interessantere praktische Anwendung des Gelernten lässt sich kaum denken.

Nachfragen bei verschiedenen Firmen führen zur Erkenntnis: «Das» Praktikum gibt es nicht. «Man kann nicht verallgemeinern», bestätigt Adrian Heer, Head Apprentice Training von Ruag Aerospace. Praktika unterscheiden sich sehr stark in Zielrichtung, Dauer, Inhalten und Zielen. Die einen Praktikanten sammeln – nicht nur – bei Ruag erste Berufserfahrung, die anderen schreiben in zwölf Wochen ihre Diplomarbeit und wiederum andere beschäftigen sich einen Monat lang mit Feilen, Fräsen und Bohren.Gemeinsam ist den Praktika nur: Sie sind Pflicht. Selbst dann, wenn dies nirgends geschrieben steht. «Wer am Ende des Studiums gar nichts vorweisen kann, hat es schwer», weiss Birgit Müller, Leiterin des Career Service Center (CSC) der Universität Basel. Immerhin: Sich einen Praktikumsplatz zu organisieren, ist keine Hexerei, und Möglichkeiten für solche gibt es auch abseits der Massenprogramme im Finanz- oder Beratungssektor.

Anzeige

Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Praktikum und wie lange soll es dauern? KMU oder Konzern, NGO oder Verwaltung? Grundsätzlich gilt im Zusammenhang mit Praktika: «Es gibt kein Rezept», erklärt Müller. Die Wahl hänge von den Erwartungen und Bedürfnissen ab, die jemand an ein Praktikum stelle, und von den Vorkenntnissen: «Geht es darum, erst einmal herauszufinden, was man eigentlich kann und will? Oder geht es bereits darum, einen Einstieg in den gewählten Beruf zu finden?»

Enttäuschungen sind lehrreich

Für Ersteres seien Schnupperpraktika von wenigen Wochen Dauer optimal, da sie vor unrealistischen Erwartungen über den Traumberuf schützen: «Viele erleben eine Enttäuschung, wenn sie die Realität des Berufsalltags kennen lernen.» Deshalb gelte die Faustregel: «Lieber früher als später und lieber mehr als weniger», ergänzt Müller, denn die Vielfalt führe nicht nur zu klareren eigenen Vorstellungen, sondern sie werde auch von Personalchefs geschätzt: «Sie zeigt, dass eine Person offen ist und fähig, unterschiedliche Erfahrungen zu machen.» Schnuppern könnten selbst Bachelor-Studenten, die seit der Bologna-Reform während ihres Grundstudiums kaum mehr Zeit für Studienfernes haben. Auf der Master-Stufe dagegen, wo ein konkreter Berufsplan schon vorliegen sollte, könne in ein Praktikum durchaus ein Freisemester investiert werden.

Einheitliche Qualitätskriterien gibt es bei den Praktika nicht. Vom Engagement im Change-Management-Projekt bis zu «sechs Wochen Kaffee kochen» ist alles möglich. Allerdings liege die Gestaltung auch in der Verantwortung der Studierenden, so Müller: «Niemand schreibt einem vor, man müsse still in der Ecke sitzen und zuschauen.» Praktikanten sei es durchaus erlaubt, zu fragen, ob sie mit dürften zum Kunden, zum Lieferanten oder an eine Konferenz.

Eigeninitiative gezeigt hat auch Maschinenbau-Ingenieur Mat-thias Starke, der sich nach seinem Vordiplomabschluss an der Technischen Universität Dortmund flugs bei den SBB um einen Praktikantenplatz beworben hat. Vorher schon von Bahnunternehmen fasziniert, hat ihm die Arbeit sehr gefallen: «Ich war in der Flottentechnik mit der Entwicklung von technischen Lösungen beschäftigt.»

Die Position des Praktikanten habe er deshalb geschätzt, weil er bei fachlichen Fragen rasch auf Vorgesetzte zugehen konnte, als Teammitglied aber trotzdem voll akzeptiert war. Starke Eigeninitiative und Zielstrebigkeit wurden belohnt: Nach dem Praktikum konnte er auch seine Diplomarbeit bei den SBB machen und ist dort inzwischen fest angestellt.

Spontan bewerben lohnt sich

Praktika können nicht nur bei (Gross-)Firmen absolviert werden, die über die entsprechenden Programme verfügen. Die allermeisten Unternehmen sind Spontanbewerbungen gegenüber nicht prinzipiell abgeneigt.

Voraussetzung ist, so die einhellige Antwort aus diversen Personalabteilungen: «Jemand sollte sein Interesse und seine Motivation schlüssig erklären können.» Stimmen beides, steht dem Praktikum meist nichts im Weg. Zumal es ja in der Regel auch keine exorbitanten Kosten verursacht. «Im Gegenteil», erklärt Adrian Heer, der für Ruag gegenwärtig den Bereich Praktikum neu konzipiert, «der Nutzen fürs Personalmarketing ist klar erwiesen, da fast jeder dritte Praktikant später wieder bei der Firma anklopft.»