Josef Ackermann verlässt den Schweizer Versicherer Zurich in einem heiklen Moment. Der Selbstmord von Finanzchef Pierre Wauthier hat den mit einer Wachstumsschwäche und Naturkatastrophen kämpfenden Konzern weiter verunsichert.

Ackermanns Rücktritt als Verwaltungsratspräsident und die von ihm öffentlich gemachten Vorwürfe der Familie Wauthiers, er sei am Tod des 53 Jahre alten Mannes mitschuldig, beschäftigen derzeit das Management und lähmen das ganze Unternehmen. Dabei war der einstige Deutsche-Bank-Chef erst im März 2012 mit dem Vorsatz angetreten, Zurich neuen Schwung zu geben. Insidern zufolge hatten Ackermann und Wauthier über die Finanzziele denn auch Meinungsverschiedenheiten.

Mit seinem Rücktritt erweist Ackermann Zurich nun womöglich einen Bärendienst. «Der Tod von Pierre Wauthier und der Rücktritt von Joe Ackermann haben den sehr guten Ruf der Zurich beeinträchtigt, das ist gar keine Frage», sagte der seit Anfang 2010 amtierende Konzernchef Martin Senn der «NZZ am Sonntag». «Ich arbeite jetzt daran, dass wir diesen Reputationsverlust, diese Wolke, die sich über das Unternehmen gelegt hat, wieder wegblasen können.» Nach Ansicht von Atanasio Pantarratos, Analyst bei Kepler Cheuvreux, könnten die Ereignisse der vergangenen Tage es für Zurich erschweren, gute Mitarbeiter zu gewinnen und die bestehende Strategie weiterzuverfolgen.

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Allianz und Axa ziehen davon

Dabei hätte Zurich Rückenwind nötig. Die beiden Konkurrenten Allianz und Axa wiesen zuletzt deutlich bessere Wachstumsraten aus. Eine Rolle spielt dabei sicher auch die hohe Ausschüttung an die Aktionäre. Zurich kommt zur Zeit auf eine Dividendenrendite von über sieben Prozent, bei den beiden Konkurrenten sind es nur gut vier Prozent. Für die Anleger ist eine hohe Ausschüttung zwar attraktiv. «Auf der anderen Seite zeigt es, dass Zurich nicht davon überzeugt ist, mit Wachstum eine ansprechende Rendite erzielen zu können», erklärte Dominik Studer, Analyst der Bank J. Safra Sarasin. Mit den verbleibenden Mitteln sind grosse Zukäufe nicht mehr möglich. «Die hohe Dividende bindet dem Konzern somit etwas die Hände», erklärte der Analyst.

Nach der Jahrtausendwende war Zurich mit einem aggressiven Wachstumskurs gescheitert, das Top-Management musste gehen. Der vom Wirtschaftsprüfungskonzern PwC kommende neue Unternehmenslenker James Schiro verordnete dem Versicherer einen auf Vorsicht basierenden Kurs und Zurich kam besser als die meisten Konkurrenten durch die Finanzkrise. Doch danach zeigten sich Risse in dem auf Solidität gebauten Geschäft. In Deutschland musste Zurich eine zusätzliche Milliarde Dollar in die Reserven legen. Zudem verliessen fast ein halbes Dutzend Bereichschefs den Konzern.

Die Analysten von Credit Suisse bemängelten schon im Mai, dass der Versicherer auch in seinem Zwischenbericht für das erste Quartal einmalige Sonderfaktoren geltend machen musste, «wie es in den letzten 18 Monaten zu oft der Fall war». Das angepeilte Gewinnwachstum werde wohl länger auf sich warten lassen als erwartet, so die Experten.

Beim Halbjahresergebnis setzte Zurich dann ein Fragezeichen hinter die mittelfristigen Ziele für zwei der drei Bereiche. Neben den niedrigen Zinsen belasteten auch die Flutkatastrophe in Europa und die Tornados in den USA das Ergebnis. «Es wird sich in Zukunft weisen, ob das auf ein strukturelles Problem hindeutet und das Portfolio nicht optimal diversifiziert ist oder ob Zurich einfach Pech hatte», erklärte Analyst Studer. Jedenfalls seien die Drei-Jahres-Ziele für das Nicht-Leben-Geschäft und für das US-Geschäft zu ambitioniert.

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Schwache Börsenentwicklung

Angesichts der beschränkten Wachstumsaussichten verwundert es nicht, dass Zurich im laufenden Jahr die zweitschlechteste Entwicklung aller Schweizer Standardwerte aufweist. Auch jetzt ist der Titel für viele Anleger nicht attraktiv. «Wir sind bezüglich des Kurspotentials skeptisch», erklärte Urs Beck, Fondsmanager bei der Zürcher Kantonalbank. Bei der Solvenz-Quote, die die Zahlungsfähigkeit eines Versicherungskonzerns misst, sei der Trend in den vergangenen Semestern schlechter ausgefallen als bei den meisten anderen Schweizer Versicherern. Gleichzeitig werde Zurich von der Börse am höchsten bewertet.

Zudem hält es auch Beck für möglich, dass bezüglich Ackermanns Rücktritt noch nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen. «Wo soviel Rauch ist, kann durchaus noch irgendwo eine kleine Flamme lodern», erklärte der Fondsmanager. Zudem könnte die Verunsicherung das Unternehmen bremsen. «Das ist nichts was eine Firma beschleunigt. Der Einfluss auf das Unternehmen ist wahrscheinlich nicht dramatisch, aber es hilft nicht.»

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(reuters/jev)