Abfluss von Vermögen, Regulierungsdruck und wirtschaftliche Unsicherheit belasten den Schweizer Finanzplatz. Die Folgen zeigen sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Die Banken bauen kontinuierlich Personal ab.

Der Schweizer Bankensektor durchläuft schwierige Zeiten. Das bekommen auch die Arbeitnehmer zu spüren. Ende Mai lag die Zahl der Arbeitslosen in der Branche mit 3732 fast 20 Prozent höher als im Vorjahr. Seit August 2011 ist ein kontinuierlicher Anstieg zu beobachten, wie die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigen.

Noch trüber präsentiert sich das Bild bei den offenen Stellen. Deren Zahl lag Ende Mai 36 Prozent tiefer als vor einem Jahr, wie die Zahlen des Stellenportals Jobdirectory zeigen.

Diesen Trend sieht auch der Arbeitgeberverband der Banken. «Der Arbeitsmarkt in der Bankbranche ist schwieriger geworden», sagt Geschäftsführer Balz Stückelberger.

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Gründe sieht er in der unsicheren wirtschaftlichen Situation in der Schweiz und dem europäischen Ausland, welche die Margen drücke. Ausserdem würden die Banken durch die zunehmende Regulierung der Branche belastet. «Jede neue Regulierung fordert Systemanpassungen», klagt Stückelberger. «Das kostet jedes Mal wieder Millionen.»

Verwaltete Vermögen gehen zurück

Denise Chervet, Zentralsekretärin des Bankpersonalverbands, sieht den Regulierungsdruck ebenfalls als Belastung. Hinzu komme, dass das Geschäft mit ausländischen Kunden ins Stocken geraten sei. «Es findet ein Geldabfluss in Steuerparadiese statt.»

Der Rückgang der verwalteten Vermögen habe bei den Banken ein Umdenken ausgelöst, sagt Emanuel Kessler von der Personalberatung kessler.vogler. Die Folgen davon spürt auch sein Unternehmen: «Im Moment haben wir sehr viele Anfragen von Stellensuchenden.»

Starker Einbruch bei den Privatbanken

Wie die Zahlen von Jobdirectory zeigen, schreiben praktisch alle Banken weniger Stellen aus, die Grossbanken UBS und Credit Suisse genauso wie Kantonalbanken und ausländische Institute. Am stärksten sind allerdings die Privatbanken auf die Kostenbremse getreten: Sie hatten Ende Mai 61 Prozent weniger Stellen ausgeschrieben als im Vorjahr.

Unter den verschiedenen Abteilungen ging das Stellenangebot im Investmentbanking am stärksten zurück. 54 Prozent weniger Stellen waren dort ausgeschrieben. Dahinter folgt der IT-Bereich mit 51 Prozent.

Backoffice-Mitarbeiter seien in besonderem Masse von der schwierigen Situation betroffen, sagt Denise Chervet. «Man spart dort, wo man nicht direkt Geld macht», sagt sie.

Das sei jedoch eine gefährliche Strategie, denn die Unterstützung im Hintergrund sei essenziell, damit eine Bank gute Dienstleistungen anbieten könne. Ihrer Ansicht nach sollten die Banken besser bei der Lohnpolitik sparen. Sie müssten die überrissenen Gehälter in den obersten Etagen senken, fordert sie.

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Mehr Temporärarbeit

Die generelle Unsicherheit lässt nicht nur das Arbeitsangebot sinken, sondern befördert auch neue Trends. So gewinnt der Personalverleih im Bankensektor an Bedeutung, wie Personalvermittler Emanuel Kessler feststellt. «Die Temporärarbeit nimmt klar zu», sagt er.

Gerade in der schwierigen gegenwärtigen Lage bietet diese Art der Beschäftigung laut Kessler für beide Seiten Vorteile: Die Arbeitgeber gewinnen Flexibilität, während sich die Arbeitnehmer wieder in den Arbeitsalltag integrieren und ihre Chancen auf eine Festanstellung verbessern können.

Kein Konsens über zukünftige Entwicklung

Nach Ansicht von Balz Stückelberger vom Banken-Arbeitgeberverband ist die Arbeitsmarktsituation im Bankensektor trotz der jüngsten Verschlechterung immer noch besser als in anderen Branchen. Er geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit bald wieder sinken wird, sobald sich die wirtschaftliche Situation in der Schweiz und dem europäischen Ausland erholt.

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Weniger optimistisch ist Denise Chervet vom Bankenpersonalverband. Ihrer Ansicht nach sind die Schwierigkeiten, mit denen die Banken kämpfen, grundsätzlicher Natur. «Die Zeiten von guten Margen sind definitiv vorbei», ist sie überzeugt.

(rcv/sda)