Sie gilt als die Stadt der Spielverderber, die für alles und jedes Bussgeld androht, aus Kinofilmen Szenen herausschneidet und Kaugummi nur in Apotheken verkauft: Singapur. Doch Asiens Bastion für Ordnung und Sauberkeit feilt an einem neuen Image. Singapur soll zur Spass-Metropole werden – mit erstklassiger Unterhaltung, exklusiven Sport-Events und Nervenkitzel am Roulettetisch. An der Marina Bay entsteht gerade der teuerste Casino-Komplex der Welt.

Das Marina Bay Sands wird nicht irgendein Casino. Wie alles, was der wohlhabende Stadtstaat zwischen Malaysia und Indonesien anpackt, soll es Massstäbe setzen. Was die Kosten angeht, übertrifft es bereits jetzt alle Erwartungen: Waren für das Vorhaben anfangs 3,6 Mrd Dollar (2,3 Mrd Euro) veranschlagt – schon das eine Rekordsumme –, gehen neueste Schätzungen von mehr als 5 Mrd Dollar aus.

Es waren mehrere Anläufe nötig

Singapurs Stadtväter brauchten mehrere Anläufe, bis sie sich zu dem Projekt durchringen konnten. In den Jahren zuvor waren Vorschläge, das von Staatsgründer Lee Kuan Yew (84) verhängte Casino-Verbot zu kippen, gescheitert. Vor drei Jahren aber – Chinas einzige legale Zockerhochburg Macao wusste derweil kaum noch, wohin mit seinen märchenhaften Gewinnen – begann die Front der Glücksspielgegner zu bröckeln.

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Zwar gab es selbst im Regierungslager weiter hörbaren Widerspruch, und muslimische wie christliche Gruppen sprachen sich einträchtig gegen die Legalisierung aus. Doch die Befürchtung, sich durch zu viel Puritanismus von einer milliardenschweren Einnahmequelle abzukoppeln, wog am Ende schwerer. Nach einem mehrmonatigen Auswahlverfahren erhielt im Mai 2006 Las Vegas Sands, einer der Grossen im Geschäft mit Glück und Hoffnung, den Zuschlag für den Bau des ersten Casinos in Singapur. Allianz Global Corporate & Speciality, der Industrie- und Spezialversicherer der Allianz-Gruppe, gehört zu dem Konsortium, welches das vom israelisch-kanadischen Stararchitekten Moshe Safdie entworfene Projekt versichert.

Tropisches Musterländle

Der Casino-Komplex, der von offizieller Seite etwas verschämt als Integrated Resort (Integrierte Erholungs- und Freizeitanlage) umschrieben wird, ist nur eines in einer ganzen Reihe von Vorhaben, mit denen Singapur seinen Ruf als Einkaufszentrum mit Prügelstrafe vergessen machen will.

Die Stadt bietet als Wissenschaftsstandort Studenten und Forschern aus aller Welt schon heute beste Arbeitsbedingungen und gewinnt auch als Finanzplatz an Bedeutung. Eine besondere Rolle aber weist die Regierung der Tourismusbranche zu, die derzeit 5% zum Bruttoinlandprodukt beiträgt. Verliert Singapur gegenüber Dubai, Hongkong oder Bangkok als Reiseziel an Attraktivität, so die Befürchtung, hätte das langfristig Folgen für seinen Status als Drehkreuz im internationalen Flugverkehr – und damit für die gesamte Wirtschaft. Und so lässt das tropische Musterländle, in dem die Kriminalität gering und das Sicherheitsgefühl der Menschen hoch ist, nichts unversucht, seine Vorzüge herauszustellen: «Einzigartiges Singapur» ist der Titel der Charmeoffensive, mit der der Stadtstaat derzeit international die Werbetrommel rührt. Und einigen Erfolg kann es bereits verbuchen: Im September jagen erstmals Formel-1-Wagen an der Marina Bay entlang, beim ersten Nachtrennen in der Geschichte des Rennzirkus. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Sportzentrum Asiens ist die Ausrichtung der ersten Sommerolympiade der Jugend 2010. Bis 2015 will Singapur seine Besucherzahlen auf 17 Mio verdoppeln und den Umsatz der Fremdenverkehrsindustrie auf 30 Mrd Singapur-Dollar (rund 15 Mrd Euro) verdreifachen.

Frag nichts, sag nichts

Dafür nimmt die Regierung einiges in Kauf: Das Ministry of Sound, Londons berühmtester Nachtklub, und das Cafe del Mar, Ibizas Trendsetter in Sachen Musik und westlicher Lifestyle, haben mittlerweile Ableger in Sauberland. Auch das Revuetheater Crazy Horse aus Paris liess die Puppen tanzen, machte aber 2007 wegen zu geringer Zuschauerzahlen dicht. Selbst mit der einheimischen Schwulenszene hat Singapur seinen Frieden gemacht. Wenngleich sich das Parlament noch nicht dazu entschliessen mochte, Homosexualität endgültig als Straftatbestand aus dem Gesetzbuch zu streichen, so wird sie nach dem Vorbild der US-Armee («Dont ask, dont tell» – frag nichts, sag nichts) nicht mehr verfolgt. Mit den beiden Casinos, für die die Regierung Lizenzen erteilt hat – ein zweites entsteht auf Sentosa, der kleinen Insel mit Vergnügungs- und Freizeitpark vor den Toren Singapurs – will die Stadt endgültig den Sprung in die Riege der Weltmetropolen schaffen.

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«Wenn Glücksspiel das ist, was die Touristen wollen, dann sollten wir es ihnen gestatten», sagt Premier Lee Hsien Loong. Ansonsten drohe Singapur im weltweiten Standortwettbewerb zurückzufallen. Was für Kritiker ein Wagnis darstellt – sie befürchten die Zunahme von Kriminalität und Spielsucht –, verspricht aus Sicht der Befürworter eine sichere Wette zu werden. Las Vegas Sands geht davon aus, dass sein Integrated Resort ab 2010 1% des Bruttoinlandprodukts Singapurs einspielen wird. Das wären rund 1,5 Mrd Dollar pro Jahr. Die von der Regierung erteilte Betriebskonzession läuft 30 Jahre, und für die Dauer von 10 Jahren wird erst einmal keine weitere Casino-Lizenz erteilt. Seit eineinhalb Jahren wächst Singapurs neue Top-Attraktion aus dem Boden, einem künstlich aufgeschütteten Streifen entlang der Marina Bay, der die Ingenieure vor grosse Herausforderungen stellt.

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Zum Marina Bay Sands werden drei jeweils 50 Stockwerke zählende Hoteltürme gehören, die durch einen Dachgarten (Sky Park) miteinander verbunden sind. Dazu kommen ein Kongresszentrum, zwei Theater mit je 2000 Plätzen, ein Einkaufszentrum und ein futuristisches Kunst- und Wissenschaftsmuseum, dessen Dach der Form einer Lotusblume nachempfunden ist und das als Amphitheater für 3000 Besucher dienen soll.