Zur mangelnden Attraktivität als Wohnort haben sowohl gottgegebene Rahmenbedingungen wie die periphere Lage, eine gebirgige Topographie und eine starke Kammerung des Geländes beigetragen als auch hausgemachte Nachteile wie eine überdurchschnittlich hohe Steuerbelastung und eine Neigung zu regulatorischen Eingriffen in das Marktgefüge. So wird in der Kantonsverfassung nicht nur ein Recht auf Arbeit und ein Streikrecht explizit anerkannt, sondern auch ein Recht auf eine Wohnung zu tragbaren Bedingungen. Die topographische Ausgangslage hat die verkehrstechnische Erschliessung des Kantons massiv erschwert, weshalb der Jura sehr ländlich geblieben ist. Als einzige Gemeinde erfüllt der Kantonshauptort Delsberg mit rund 11500 Einwohnern die Kriterien als Stadt.

Baulandpreise auf tiefem Niveau

Das begrenzte Interesse äussert sich in für Schweizer Verhältnisse sehr günstigen Immobilienpreisen. Ein durchschnittliches Einfamilienhaus für weniger als 450 000 Fr. ist in der Schweiz nur noch im Jura erhältlich. Letztlich sind es die tiefen Baulandpreise, welche die Immobilienpreise im Kanton Jura auf tiefem Niveau halten und damit auch vielen Haushalten aus dem Mittelstand den Kauf eines Einfamilienhauses ermöglichen. Gemessen am Einkommen eines Durchschnittshaushaltes belaufen sich die laufenden Wohnkosten auf nur 18% im Gegensatz zu schweizweit gültigen 24%. Kehrseite der Medaille ist, dass kaum Wertsteigerungen zu verzeichnen sind. In den letzten 15 Jahren haben die Preise von Einfamilienhäusern im Kanton Jura stagniert. Real, das heisst unter Berücksichtigung der Teuerung, resultierte ein Wertverlust von 12%. Der Erwerber eines Einfamilienhauses kann also nicht damit rechnen, dass ihm der Wertzuwachs auf dem Landwert die altersbedingte Entwertung seiner Liegenschaft kompensiert. Insofern ist der Käufer gut beraten, den Besitz eines Hauses als eine Form des Konsums und nicht als eine Anlageform zu betrachten.

Das hat der Beliebtheit von Wohneigentum jedoch keinen Abbruch getan. Während in den Agglomerationen der Grosszentren die Baulandpreise und die Bestrebungen zu verdichtetem Bauen praktisch nur noch den Bau von Eigentumswohnungen zulassen, investierten die Haushalte im jüngsten Kanton der Schweiz im Jahre 2008 86,4 Mio Fr. in freistehende Einfamilien- häuser, was 1238 Fr. pro Einwohner entspricht und markant über dem Schweizer Mittelwert von 844 Fr. liegt, wobei hier die Kosten für den Erwerb des Landes nicht mit eingerechnet sind. Nicht zuletzt deswegen wird die jurassische Wohneigentumsquote mit geschätzten 54% nur vom Kanton Appenzell Innerrhoden und vom Kanton Wallis übertroffen.

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Fluch und Segen zugleich

Die tiefen Preise sind jedoch Fluch und Segen zugleich. Einerseits positioniert sich der Jura als günstiger Wohnkanton für die umliegenden und um einiges teureren Regionen. Mit dem fortschreitenden Bau der Transjurane (A16) dürfte dieser Vorteil noch stärker seine Wirkung entfalten. Andererseits verzerren die tiefen Baulandpreise das Anreizsystem insofern, als sich die Sanierung der vor allem in den Ortskernen vorhandenen Altbaustruktur nicht gegen den günstigen Neubau auf der grünen Wiese durchsetzen kann, was die Gefahr einer schleichenden Verlotterung der Ortskerne in sich birgt.