Die Managerin des Weltstars Prince ist andere Umgebungen gewohnt als Winterthur-Seen. Die schwarze Mercedes-Limousine kroch durch eine Tempo-30-Zone immer weiter den Berg hinauf, vorbei an typischen Schweizer Einfamilienhäusern. Kurz bevor der Wald beginnt, hielt der Chauffeur. Das Auto stand vor einem Komplex aus vier architektonisch eigenwilligen Gebäuden, die wie auf Steinpfählen stehen.

Auf dem untersten Klingelknopf steht der Name einer Firma, Purple Music. Mit ihr soll die Managerin im Auftrag von Prince eine Zusammenarbeit vereinbaren. Jamie Lewis öffnete die Tür. Das Treffen fand vor gut einem Jahr statt und war erfolgreich. Denn am 21. November darf Jamie bereits die zweite Single «Rock and Roll Love Affair» herausgeben nach «Dance 4 me».

Aus dem Scherz wird Ernst

Das Treffen hätte aber um ein Haar nicht stattgefunden. Jamie war mit seiner Frau Manuela gerade auf einer Tour in Italien. Sie checkte die Mails und fand eines mit «Betreff: Prince» vor. Sie wollte es ­gerade löschen, als Jamie sie bat, doch ­ mal reinzuschauen. Das Management von Prince, der gerade durch Europa tourte, bat um einen Termin zwecks Kooperation und um eine Handynummer. Manuela und Jamie glaubten an einen Scherz, antworteten aber dennoch. Ein paar Tage später sass ihnen die Managerin von Prince gegenüber und erklärte, dass der Musiker nur noch mit unabhängigen Labels zusammenarbeite. Bei einer Internetrecherche sei sie auf Purple Music gestossen.

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Der Label-Besitzer Jamie heisst eigentlich Cem, ist in Winterthur geboren und Sohn eines Türken und einer Griechin. Er ist ein international erfolgreicher House-DJ, Produzent und Party-Veranstalter. Der 44-Jährige hat Spass daran, Erwartungen nicht zu erfüllen. Zum Beispiel, dass DJs Drogen nehmen, um gut drauf zu sein. Als er 13 Jahre alt war, zog er mal an der Zigarette seines Vaters. Seitdem nahm er nie wieder eine in den Mund. «Nicht mal einen Joint», wie er versichert.

Zusammen mit seiner Frau Manuela gründet Jamie 1997 Purple Music. Er ist der kreative Kopf, Manuela managt seinen Terminkalender, begleitet ihn auf Gigs, ­organisiert Interviews, Flüge, Hotels und Treffen mit Clubbesitzern. «Jamie hat etwa 100 Gigs pro Jahr», sagt die gebürtige Mailänderin, während sie in einer kleinen ­ledernen Agenda blättert, deren Seiten über und über voll geschrieben sind. Angestellte haben sie keine. Ein paar Freelancer gibt es, die in Spitzenzeiten mit ­anpacken. Ansonsten managen die beiden den Laden lieber selbst. «Ich bin der Motor, Manuela ist das Benzin. Wir funk­tionieren nur gemeinsam», sagt Jamie und schaut dabei ganz ernst drein.

Bereits in der Schule nahm er nachmittags aus dem Radio mehrere Titel auf ­Kassette auf, schnitt sie zu einem Lied ­zusammen und spielte es seinen Freunden vor. House ist seine Musik, seine Passion. Seinen Eltern zuliebe lernte er Maschinenmonteur. «Sie wollten, dass ich etwas Anständiges lerne. Die Maschinenfabrik von Rieter war gleich gegenüber.» Nach der Lehre hielt ihn nichts mehr im Betrieb. «Seit damals bin ich nie wieder irgendwo angestellt gewesen.» Er übernimmt einen Plattenladen und lernt so seine Frau kennen.

Damals war sie bei einem grossen ita­lienischen Musiklabel tätig. Jede Woche telefonierte sie ihre Kunden ab, um ihnen die neusten Titel vorzuspielen. Darunter war Jamie. Sie drückte auf «Play» und hielt den Hörer an die Lautsprecher. Jamie bestellte oder eben auch nicht. Sein Shop war einer der ersten, der US-Importe verkaufte. Das sprach sich herum, die Musikszene traf sich bei ihm im Laden. Er begann, als DJ aufzulegen.

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Tagsüber arbeitete Jamie im Laden, nachts legte er auf. 1993 eröffnete er seinen eigenen Club. Wenn es um House-Music geht, gibt es wohl keinen DJ, der länger im Geschäft ist als er. Heute ist Jamie zu 95 Prozent im Ausland tätig. «Das Interesse in der Schweiz ist geringer als im Ausland. Erst wenn der Erfolg da ist, springen auch die Schweizer Radios auf.» Es sei, als traue man seinen eigenen Künstlern hierzulande nicht.

Er ist auch schon für einen Auftritt nach Australien geflogen, 24 Stunden Hinreise, zwei Stunden Gig, 24 Stunden Rückreise. Das macht er heute nicht mehr. «Ich kann mir leisten, manche Gigs abzulehnen.» Aber das kommt selten vor. «Mit zwei Gigs verdienen wir so viel wie mit drei Wochen Büroarbeit fürs Label. Da überlegst du es dir schon.»

Alles rennt wegen Prince

Das könnte sich durch die Zusammenarbeit mit Prince nun ändern. «Wenn du für einen Superstar wie Prince arbeitest, musst du 24 Stunden online sein. Wenn er etwas will, dann rennen alle. Wir auch. Weil es eine Ehre ist, mit ihm arbeiten zu dürfen», sagt Manuela, «aber mitunter ist es auch anstrengend.» Den Plattenladen und den Club hat Jamie inzwischen verkauft. In seinem Laden ist heute ein Hörgeräte-Fachgeschäft. Die Arbeit als DJ, Produzent und Label-Besitzer nimmt ­Jamie und Manuela genug in Beschlag.

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Es ist wohl diese Mischung aus Begeisterung und Gelassenheit, die den Erfolg der beiden ausmacht. Sie schnappen nicht über, selbst wenn einer wie Prince an ihre Glastür klopft. Persönlich getroffen haben sie ihn noch nicht, nur gemailt. Einmal wollte Prince mit Jamie telefonieren, um Mitternacht wollte er anrufen. Doch Prince rief nicht an. Um zwei gingen sie ins Bett. Um drei Uhr klingelte das Telefon. Die beiden gingen nicht mehr ran. Prince hatte sicher etwas anderes erwartet.

 

Musikmarkt: Die drei Grossen dominieren

Anfänge
1887 gründet der in die USA emigrierte Deutsche Emile Berliner die erste Plattenfirma, die American Gramophone Co. In den USA folgen 1888 Edison Amberol und Columbia Records sowie 1901 die Victor Talking Machine Company. 1899 entsteht in London His Master’s Voice.

Aktuell
Heute wird der Markt von drei grossen Konzernen beherrscht: Universal Music Group, Warner Music Group und Sony Music Entertainment.

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Absatz
Japan, die USA und Deutschland sind die umsatzstärksten Länder für die Musikindustrie. In der Schweiz lag der Umsatz 2011 bei 124 Millionen Franken. Im Branchenverband IFPI sind 31 Musiklabels zusammengeschlossen.