Bei Roland und Karin Lenz scheint die Zeit nie stillzustehen. Zurzeit erweitern sie gerade den Wohntrakt ihres 1998 im Weiler Iselisberg erbauten Gutsgebäudes. Im Herbst sollen dann die auf der Nordseite gelegenen Kellerräumlichkeiten ausgebaut werden. Und dann sind da noch die 12 ha Rebland, die mit 14 verschiedenen Rebsorten bestockt sind, zu kultivieren, die geernteten Trauben zu keltern und in über 20 Weine zu verwandeln.

Seit zehn Jahren auch in Chile

Doch damit nicht genug: Vor zehn Jahren hat das initiative Winzerpaar in Chile ein Weingut erworben, zu dem nicht nur 30 ha Rebland gehören, sondern auch ein Gastronomie- und Agri-Tourismus-Betrieb. Auf ihrem Viña Chillán genannten Gut (chillán heisst in der Mapuche-Sprache dort, wo die Sonne bleibt) werden aus den elf vornehmlich roten Traubensorten 15 Weine erzeugt.

Angefangen hatte alles 1993. Damals bot sich dem Jungwinzer Roland Lenz die Möglichkeit, in seiner Thurgauer Heimatgemeinde Uesslingen am Rebhügel Iselisberg 8 ha Rebland zu kaufen. Solche Gelegenheiten bieten sich einem nicht alle Tage, sagten sich Roland und Karin Lenz. Sie packten die Gelegenheit beim Schopf, obwohl Roland Lenz sein Önologie-Studium in Wädenswil abbrechen musste. Doch hatte er in den Jahren zuvor, während der Winzerlehre und dem anschliessenden Arbeitseinsatz im Wallis, genügend Berufserfahrung gesammelt, um ein eigenes Weingut führen zu können.

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In den ersten Jahren verkauften sie einen Grossteil der geernteten Trauben, da sie noch nicht über geeignete Kellerräumlichkeiten verfügten. Erst seit 1998, mit dem Bau des neuen Kellereigebäudes auf dem Iselisberg, konnten sie die gesamte Ernte selber vinifizieren und in eigener Regie verkaufen.

Nach dem Zukauf von zusätzlichem Rebland und der Neubestockung diverser Parzellen ist heute die Hälfte des Reblandes mit Pinot-noir-Reben bestockt. Auf der anderen Hälfte wachsen die weissen Sorten Müller-Thurgau, Sauvignon blanc, Pinot gris, Rheinriesling, Viognier und Gewürztraminer sowie die roten Varietäten Zweigelt und Garanoir. Vervollständigt wird die Palette durch krankheitsresistente interspezifische Sorten wie die weissen Solaris und GF 48-12 (eine pilzresistente Kreuzung zwischen Villard blanc und Bacchus) und die roten Regent und Léon Millot.

Schulkollege leitet Viña Chillán

«Wer nicht das Unmögliche verlangt, kann nicht das Mögliche erreichen», sagten sich Roland und Karin Lenz und beschlossen 1999, in Chile ein zweites Weingut zu erwerben und zu betreiben. Auf einer Reise hatte die beiden das Land kennen und schätzen gelernt. «Uns hatte die wilde und ursprüngliche Natur fasziniert», erinnert sich Roland Lenz. Angetrieben von jugendlichem Übermut und Abenteuerlust, kauften sie in der zur Region Bío-Bío gehörenden Gemeinde Bulnes, unweit der rund 400 km südlich von Santiago gelegenen Stadt Chillán, Land und errichteten eine Bodega samt Restaurant und Gästehaus.

Das Gut Viña Chillán wird von Rudolf Rüesch, einem Jugendfreund und Schulkollegen von Lenz, geleitet, der mit seiner Familie dort lebt. Auch das Winzerpaar Lenz hatte einst mit dem Gedanken gespielt, nach Chile auszuwandern, doch dann aus praktischen und familiären Gründen die Idee verworfen.

Heute reist Lenz, der für die Weinbereitung zuständig ist, dreimal pro Jahr nach Chile. Auf der Viña Chillán sind die Rebflächen vor allem mit Rotweinsorten bepflanzt wie Carmenère, Malbec und Uva País, aus der im Allgemeinen einfache Trink- und Verschnittweine gekeltert werden, sowie den internationalen Varietäten Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Shiraz und Zinfandel. «Zu unserem Gut gehört ein 12 ha grosser Rebberg, der 1901 angelegt wurde und auf dem noch die damals gepflanzten Uva-País- und Malbec-Reben stehen. Aus den Trauben dieser Reben erzeugen wir je eine reinsortige Reserva.»

So mutig der unternehmerische Einsatz von Roland und Karin Lenz ist, so ambitioniert ist auch ihr Engagement in Rebberg und Keller. «Wir wollen Qualitätsweine erzeugen, und das geht nur, wenn wir gesunde Reben haben und gesunde, reife Trauben ernten können», erklärt Lenz. Deshalb arbeiten sie in den Reben so naturnah wie möglich. «In Chile sind wir ein 100%iger Bio-Betrieb, auf unserem Thurgauer Gut, wo die klimatischen Verhältnisse schwieriger sind, kultivieren wir zurzeit einen Viertel der Rebfläche nach den Richtlinien der Bio-Suisse, den Rest nach den Richtlinien der Integrierten Produktion (IP). Ende dieses Jahres werden wir eine Standortbestimmung vornehmen und entscheiden, ob wir auch hier ganz auf Bio-Produktion umstellen wollen.»

Produktion von 200000 Flaschen

Zwei Weingüter auf zwei Kontinenten mit insgesamt 42 ha Rebfläche, 23 kultivierte Traubensorten, aus denen nicht weniger als 40 Weine (darunter zahlreiche Cuvées) erzeugt und jährlich rund 200000 Flaschen abgefüllt werden, da stellt sich unweigerlich die Frage, wie das Winzerpaar mit der anfallenden Arbeit zurechtkommt. «Wir machen ja die Arbeit nicht allein», antwortet Roland Lenz «wir haben gute Leute, die uns als Festangestellte und in Teilzeitarbeit helfen. Und zudem sind wir noch jung genug, um auch gelegentlich aufkommende Hektik gut durchzustehen.»