Das Städtchen Arbon am Bodensee ist seit elf Jahren eine Strom-Insel: 2002 klinkte sich die Arbon Energie AG aus dem Netz des Elektrizitätswerks des Kantons Thurgau (EKT) aus, ­beteiligte sich an der SN Energie AG in St. Gallen und bezieht seither den Strom über eine eigene Leitung ab Rorschach. «Im Prinzip sind wir seitdem ein eigenes ‹kleines Kantonswerk›», erklärt Jürgen Knaak, Direktor der Arbon Energie AG.

Die Arboner waren die Ersten. Sie star­teten bereits 2005 das Projekt Smart Metering, um mit neuer Messtechnik den Lastgang von Industrie und Gewerbe zu erfassen und dem Vorlieferanten präzisere Bezugsprognosen zu liefern. Anstatt neue Stromzähler ab Stange zu kaufen, entschied sich Arbon für die Entwicklungszusammenarbeit mit Siemens. Nach mehrjähriger Arbeit schafften Smart Grid und Smart Metering den Sprung in den praktischen Alltag. So wurde Arbon weltweit zum ersten Einsatzort der neuen Smart Meters von Siemens, mithin die «verlängerte Werkbank von Siemens» – so Knaak. Inzwischen sind 8420 der insgesamt 8760 Stromzähler durch moderne Smart Meters ausgetauscht und ersetzt worden. Arbon wird in diesem Jahr die erste Stadt in der Schweiz mit einer flächendeckenden Smart-Meter-Infrastruktur sein.

Das Strommanagement digitalisiert

Die Digitalisierung des Strommanagements ist ein Quantensprung in der Stromversorgung. Wo früher Elektrotechniker vor dem Tableau sassen, haben in Arbon IT-Experten vor drei riesigen Bildschirmen Platz genommen. Vor sich breitet sich online die städtische Stromlandschaft vom Zähler bis zum Unterwerk aus. Per Mausklick beheben sie Ausfälle oder Erdschlüsse und garantieren so höchste Versorgungssicherheit. Sie klicken im Bedarfsfall säumige Stromkunden weg und sind künftig imstande, dem Lastverlauf zuliebe kurzzeitig Elektroboiler und Wärmepumpen vom Netz zu nehmen. Rund um die Uhr erfassen 8400 Messgeräte viertelstündlich Leistung und Spannung; jede Nacht erreichen mehr als 800000 Datenpakete die EDM-Firma.

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Schon heute offeriert Arbon seinen ­Industrie- und Gewerbekunden den Strom in vier Preisstufen – Monatsrechnung inklusive. Davon sollen in absehbarer Zeit auch die knapp 8000 Haushaltskunden profitieren. Die zeitnahe Erfassung des Netzzustandes eröffnet zudem neue Möglichkeiten, die Haushalte in trendig auf­bereitete Motivationsprogramme – Apps inklusive – einzubinden. Knaak präferiert derzeit das «Oscar»-Programm der Bernischen Kraftwerke (BKW).

Neues Feld für Telekomanbieter

Die Strombranche steht nach der Entkopplung der physikalischen von finanziellen Flüssen und dem Handel an kontinentalen Strombörsen die nächste Revolution ins Haus: Die Schaffung virtueller Kraftwerke, sogenannter Energy Clouds als Innovation der Telekommunikations-Dienstleister. Als die «Handelszeitung» letzten Winter als erste Zeitung über den Einstieg von Swisscom ins Stromgeschäft berichtete («Handelszeitung» Nr. 48 vom 29. November 2012), ging noch ein Raunen durch die Branche. Heute lotet die Swisscom Energy Solutions zusammen mit Partnern aus der klassischen Strombranche und der nationalen Netzbetreiberin Swissgrid die Chancen eines neuen Marktes aus, der ohne die durchgreifende Digitalisierung des Netzmanagements gar nicht erst möglich geworden wäre. Er nimmt zusehends Gestalt an – Risiken und Unbekannte inbegriffen. Unlängst mahnte René Huber zur Vorsicht vor Smart Meters. Der Datenschützer des Kantons Zug erklärte, das ständige detaillierte Erfassen des Stromverbrauchs mache das Leben hinter den eigenen vier Wänden weitgehend durchsichtig. Knaak teilt solche ­Befürchtungen. Er hofft, dass die künf­tigen Schnittstellen zwischen Stromversorger, Telekom-Anbietern und Kunden «wasserdicht» daherkommen. Knaak: «Alles andere wäre russisches Roulette.»

Digitalisierung: Erwartungen sind ganz unterschiedlich

Wunschliste
Die Digitalisierung des Strommanagements weckt mannig­fache Erwartungen. Sie reichen von der präzise kontrollierten Einspeisung ­dezentral erzeugter Energie – etwa Photovoltaik – über die Motivation der Endkunden, mit Energie effizienter ­umzugehen, bis hin zu virtuellen ­Kraftwerken, den sogenannten ­Smart-Clouds, die durch den Abwurf unsensibler Strombezüger im Haushalt ­sogenannte negative Tertiärenergie entstehen lassen. Diese kann als Regelenergie an die Schweizer Netzbetreiberin Swissgrid zu guten Preisen verkauft werden.

Ziele und Interessen
Diese sind innerhalb der Smart-Technologie-Szene ­unterschiedlich: Die Stromverteiler ­streben mehr Versorgungssicherheit an, die Energiepolitik erhofft sich einen technologischen Schub fürs Stromsparen im Haushalt, und die neuen Mitspieler aus der Telekommunikationsbranche – etwa Swisscom – errichten sich im Smart Market ein neues Geschäftsfeld mit guten Renditeerwartungen.

Pilotprojekte
Zurzeit spüren gegen 50 Pilotprojekte landauf, landab den Möglichkeiten der neuen digitalen Energiewelt nach. Als Folge davon haben ­unlängst 13 namhafte Netzbetreiber den Verein Smart Grid Schweiz (VSGS) gegründet. Er hat diesen Frühling das erste «Weissbuch Smart Grid» herausgegeben, das eine hilfreiche Auslegeordnung des vielschichtigen Themas vornimmt.