«ZSC 3, HCD 1, aus dem Hallenstadion Walter Scheibli». So heisst es bei Radio 24 künftig kaum mehr. Neuerdings machen weitgehend Computer das Abendprogramm. Ab 19 Uhr gibt es beim grössten Privatradiosender der Schweiz keine Livemoderationen mehr. Und die Sportübertragungen - lange ein Eckpfeiler und Aushängeschild - werden praktisch gestrichen.

Beim Sender sieht man es freilich anders. «Die News werden nach wie vor live gesendet und zwar mit einem Medienschaffenden in der Redaktion», sagt Geschäftsführerin Karin Müller. Sonst werde oft auf das so genannte «Voicetracking» gesetzt. Will heissen: Die Moderation ist voraufgezeichnet. Auch Sportübertragungen werde es noch geben. «Es wird aber nicht mehr chronologisch jedes Spiel abgearbeitet, sondern gewichtet», so Müller.

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Nummer eins wackelt

Klar ist: Radio 24 muss sparen. Denn der Werbemarkt ist rückläufig. Zudem verliert der Sender an Beliebtheit. Der Tag der Wahrheit wird der 19. Juli. Dann werden die neuen Hörerzahlen veröffentlicht. Dabei zeichnet sich eine Katastrophe für die erfolgsverwöhnte Führung des Traditionsradiosenders ab. Gegenüber dem ersten Quartal 2012 dürfte der Sender gemäss gut unterrichteten Kreisen 12 Prozent an Hörern einbüssen und auf eine Reichweite von rund 270'000 Hörer abstürzen.

Der Vorsprung von Radio 24 auf den Verfolger Radio Energy würde damit auf weniger als 15'000 Hörer schrumpfen. Auch Radio Energy wird verlieren, aber mit einem erwarteten Minus von 6 Prozent deutlich weniger. Der Sender dürfte mit kleinerem Sendegebiet 255'000 Hörer ausweisen.

Massiver Sparzwang

Zu den Gewinnern dürfte für einmal Roger Schawinskis Radio 1 zählen, mit einem voraussichtlichen Plus von rund 10 Prozent. Der Sender ist aber mit 136'000 Hörern noch immer massiv kleiner. Auch Radio 1 hat wie Radio 24 angekündigt, am Abend keine Live-Moderation mehr zu senden – und sogar die Nachrichten werden voraufgezeichnet. Die Technik machts möglich, der Sparzwang dankt es.

«Ich bin betroffen, denn die jüngste Nachricht ist schlecht für das Medium und die Branche Radio als Ganzes. Leider sind unsere privaten Mitbewerber offensichtlich nicht in der Lage, so viel Geld zu erwirtschaften, dass sich die aufwändige Programmierung von Radio-Randstunden rechtfertigen liesse», sagt Pascal Scherrer einstiger Radio-24-Redaktionsleiter und heute publizistischer Leiter bei SRF3.

«We've got a Radio to run»

Der Sport war und ist seit jeher bei Radio 24 ein wichtiges Element. Sendergründer Roger Schawinski ist ob des Entscheides auch «konsterniert», wie er sagt. «Ich war schockiert. Ich habe das eingeführt und Walter Scheibli zum Radio geholt. Das war meiner Meinung nach das letzte Alleinstellungsmerkmal von Radio 24. Dass man das jetzt preisgibt, weil man kurzfristig Kosten sparen will, ist für mich nicht nachvollziehbar.»

In seinem Sender kommen die Sendungen mit Ecken und Kanten am Besten bei den Hören an: «Roger gegen Roger» oder «Doppelpunkt». «Mit solchen Sendungen heben wir uns von den anderen Sendern ab» sagt der Radio-1-Chef und fügt an: «Ich habe das Radio immer als journalistisches Medium verstanden. Doch seit meinem Verkauf von Radio 24 sind die Leistungen unter dem Aspekt der Kosteneinsparungen kontinuierlich abgebaut worden», stichelt Schawinski gegen die Konkurrenz.

Radio-24-Chefin Karin Müller will sich dazu nicht äussern: «Mitbewerber zu kommentieren ist nicht der Stil von Radio 24. We've got a Radio to run.» Und sie bekommt auch Unterstützung. Der ehemalige Radio-24-Programmleiter Peter Brun findet es richtig, am Abend zu kürzen. «Diese Entscheidung ist richtig. Als ich von 1999 bis 2005 Programmleiter war, sah ich mit dem Aufkommen des Internets und der starken Stellung des Fernsehens am Abend diese Entwicklung kommen.»

Abwerbung von Moderator Hässig

Der schleichende Abbau der publizistischen Leistung begann indes bereits in den letzten Jahren. Schon lange schreiben bei den grossen Sendern sogenannte Moderationsuhren peinlichst genau vor, wann zwischen der Musik noch gesprochen werden darf und wie lange. Der Sport musste da warten – egal ob es im Hallenstadion oder auf dem Fussballrasen gerade spannend war oder nicht. Drei oder vier Musikhits am Stück zu unterbrechen, das geht im heutigen Radioverständis nicht mehr. «Heute wird das Radio nicht mehr als journalistisches Produkt gesehen, sondern man schaut nur, dass man mit wenig Geld möglichst viel Werbung generieren kann», sagt Radio-1-Chef Schawinski.

So wie es sich abzeichnet wird sich die Hartnäckigkeit, mit der Radio Energy sein Programmschema verfolgt, auszahlen. Der Sender wird wohl noch dieses Jahr Nummer eins der Schweiz. Denn mit der Abwerbung von Moderator Patrick Hässig gelang Energy auch ein personeller Coup.