Am 1. November 1983 brach in der Schweiz ein neues Zeitalter an. Der Äther stand nicht mehr alleine der SRG, sondern auch den privaten Stationen zur Verbreitung ihrer Programme offen. Heute gibt es 51 Lokalradios, die sich über Werbung und die vom Bund ausgeschütteten Gebührengelder finanzieren. Gemessen am Kuchenstück des Branchenleaders DRS1 – 40% – sind die Marktanteile der Privatstationen marginal: Radio24, das erfolgreichste unter den Lokalradios etwa, kommt gerade mal auf 2,5%.

Von einer medialen «Randerscheinung» allerdings will Jürg Bachmann, Präsident des Verbandes Schweizer Privatradios (VSP), nichts wissen. Im Gegenteil: «Klar, ein Privatradio ist ein Unterhaltungsmedium. Aber es hat auch einen Leistungsauftrag. Was die Information anbelangt, ist der Lokalsender ein Primärversorger.»

Im Unterschied zu den Ketten der SRG dürfen die Privaten Werbung senden. Der Anteil am Kuchen allerdings ist auch hier sehr klein (siehe auch «Nachgefragt»). «Da ist eindeutig noch Potenzial vorhanden», so Bachmann, der Privatradios immer mehr auch als eigenständige Marken sieht, die mit Zusatzangeboten, etwa Konzertveranstaltungen, sogenannte Communities um sich scharen.

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Gerangel in Zürich und im Aargau

Pünktlich zum 25-Jahr-Jubiläum der privaten Lokalradios wartet das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) mit einer Änderung der Spielregeln auf. Die Neugestaltung des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) sieht eine diversifizierte Aufteilung der Sendegebiete vor. Zudem müssen sich neu sämtliche Stationen um die bis 2019 gültigen Konzessionen bemühen – und nicht wie bis anhin nur die Frischlinge. 52 private Sender buhlen nun um die insgesamt 41 ausgeschriebenen Konzessionen, die den Zugang zum UKW-Netz ermöglichen. Das Bakom respektive das übergeordnete Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) von Bundesrat Moritz Leuenberger will noch in diesem Frühjahr über die Verteilung der Konzessionen entscheiden.

Während das Bewilligungsprozedere beispielsweise in den Regionen Bern oder Zentralschweiz, wo sich die bestehenden Veranstalter um die gleichbleibende Zahl an Sendebewilligungen bewerben, kaum Staub aufwirbelt, droht im Aargau, in Graubünden und in Zürich ein Verteilkampf. Verantwortlich dafür: Roger Schawinski, einst Radiopirat, heute Medienmillionär. Der 62-Jährige will nach eigenen Worten «die verkrustete Schweizer Radiolandschaft aufbrechen». Etwas, das ihm vor einem Vierteljahrhundert mit Radio24, der Mutter aller Lokalradios, bereits einmal gelungen ist.

Mit Radio AG beabsichtigt Schawinski das Rüebliländer Monopol der AZ Medien Gruppe (Radio Argovia) zu knacken, Radio Südost, an dem er eine Minderheitsbeteiligung hält, soll dem zur Südostschweiz Mediengruppe gehörenden Radio Grischa die Konzession streitig machen und im neu definierten Raum Zürich-Glarus, dem drei Konzessionen zustehen, tritt der Ex-Sat1-Chef gegen die Platzhirsche von Radio24 (Tamedia), Radio Zürisee (Zürichsee Medien) und Energy Zürich (Ringier) an.

Wider den «Einheitsbrei»

Einer wird also über die Klinge springen müssen. Ein bestehender Sender – oder der neue? In der Branche will sich dazu niemand öffentlich äussern. Die Furcht vor der Retourkutsche in Form einer Konzessionsverweigerung ist zu gross. Auch der Medienrechtler Urs Saxer möchte auf keinen der vier Bewerber eine Wette abschliessen: «Die mit der Konzessionierung verknüpften Bedingungen sind klar, erfüllt werden sie wohl von allen vier Privatradios.»

Schawinski, der 8 bis 10 Mio Fr. in sein Radio1 investiert und spätestens in drei Jahren den Breakeven erreichen will, ist überzeugt, dass sein «Radio nur für Erwachsene» bei den Hörern und vor allem bei Medienminister Leuenberger auf offene Ohren stossen wird. «Wenn alle das Gleiche machen, gibt es Platz für jemanden, der etwas anderes macht», wirbt Schawinski für seinen Sender und spielt damit auf den häufig monierten «Einheitsbrei» bei den privaten Lokalradios an.

Für den Fall, dass auf eine Konzession mehrere gleichwertige Bewerbungen kommen, will das Uvek gemäss RTVG jenen Antragsteller berücksichtigen, der «die Meinungs- und Angebotsvielfalt im entsprechenden Versorgungsgebiet am meisten bereichert». Ebenfalls berücksichtigt werden sollen «die inhaltliche Ausrichtung der Bewerbung» und «die Unabhängigkeit des Bewerbers».

Dieser Passus dürfte noch für Diskussionen sorgen. Saxer: «Ein unabhängiger Radiomacher wie Schawinski tritt in Zürich, Aargau und Graubünden gegen die Stationen grosser Verlagshäuser an – es wird von Interesse sein, für wen sich das Uvek entscheidet.» Saxer geht davon aus, dass das Rennen um die einzelnen Konzessionen im einen oder anderen Fall erst vor Bundesverwaltungsgericht entschieden wird.

 

NACHGEFRAGT
«Die Beträge für Radiospots stagnieren seit Jahren»

René Grossenbacher, Gründer und VR-Delegierter Publicom AG in Kilchberg

Zeitungen, Fernsehen, Internet – wofür stehen eigentlich die lokalen Privatradiostationen innerhalb des medialen Angebots in der Schweiz?

René Grossenbacher: Privatradios sind Tagesbegleiter. Dem Hörer, der Hörerin werden die wichtigsten Nachrichten vermittelt. Und sie sind beruhigt, wenn sie wissen, dass die Welt noch steht. Dann drehen sie den Knopf auf leiser – oder lauter, je nachdem, ob ihnen der Klangteppich behagt. Rund 70% des Programms eines Privatsenders macht die Musik aus, Popmusik, um genau zu sein. Im Programmaufbau hebt sich heute kaum mehr ein Privatradio vom anderen ab.

Es herrscht Einheitsbrei?

Grossenbacher: Das möchte ich so nicht formuliert haben. Aber als die Politik vor 25 Jahren den privaten Sendern den Zugang zum UKW-Netz bewilligt hat, ist sie sicher von einer breiteren Vielfalt ausgegangen. Aus einem nicht ganz uneigennützigen Grund: Manch ein Politiker hat sich ausgerechnet, durch die Schaffung vieler «kleiner SRG» mehr Möglichkeiten zu erhalten, seinen Standpunkte darzulegen. Die Rechnung ist nur teilweise aufgegangen. Zwar bieten die Privaten den Politikern eine Plattform, die politische Meinungsbildung vollzieht der Bürger aber kaum am Lokalradio.

Und wie sieht es mit der Treue der Hörerinnen und Hörer zu ihren lokalen Radiostationen aus?

Grossenbacher: Bis Mitte der 1990er Jahre war, was die Wahl der Radiostation anbelangt, das sogenannte Zapping praktisch inexistent. Seit einigen Jahren jedoch wird tüchtig am Suchlauf herumgeschraubt. Heute hat der Hörer in der Regel fünf Sender programmiert, zwischen denen er hin- und herschaltet. Von Hörertreue zu einem Sender kann da heute sicher nicht die Rede sein.

Privatradios leben auch von der Werbung. Wie attraktiv sind die Stationen als Werbetransporteure?

Grossenbacher: Nur 3 bis 4% der Werbeinvestitionen fliessen hierzulande in Radiospots, das sind jährlich etwa 150 Mio Fr. Die Beträge stagnieren seit Jahren.

Wie viele Privatsender werden in der Schweiz überhaupt rentabel betrieben?

Grossenbacher: Ohne Konzessionsgelder? Ich schätze einmal, knapp die Hälfte.