Mit Post und Raiffeisen stehen derzeit zwei Institutionen am Pranger, die bisher die bodenständige Schweiz verkörperten. Gegen beide laufen Strafverfahren wegen womöglich illegalen Bereicherungen.

Gestern Donnerstag trat Post-Präsident Urs Schwaller vor die Medien und versprach eine «lückenlose Aufarbeitung» der Geschehnisse. Heute Freitag trat der neue, interimistische  Raiffeisen-Präsident Pascal Gantenbein vor die Medien und versprach eine «lückenlose Aufarbeitung» der Geschehnisse.

Beide betonen, dass nur so das Vertrauen wieder hergestellt werden könne. Beide wollen eine externe Stelle beiziehen, um die internen Machenschaften vollständig aufzudecken. Und beide haben ein erstes Bauernopfer gefunden:

Bei Postauto musste sich der frühere Chef Daniel Landolt vorzeitig in den Ruhestand verabschieden. Bei Raiffeisen nahm der Wirtschaftsprofessor Johannes Rüegg-Stürm den Hut und übergab den Posten als Verwaltungsratspräsident interimistisch an Gantenbein – ebenfalls ein Wirtschaftsprofessor.

Ex-Präsident Rüegg wollte noch einmal kandidieren

An seinem letzten Auftritt als VR-Präsident sagte Rüegg, er habe am Donnerstag den Verwaltungsrat informiert, dass er sein Mandat an Gantenbein übergebe. Wenige Tage zuvor sagte er noch in der «NZZ am Sonntag», er werde im Juni nochmals für das Präsidentenamt kandidieren. Nicht nur deshalb ist stark anzuzweifeln, dass sein Rücktritt aus freien Stücken erfolgte.

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Zwar beharrt Raiffeisen auf der Freiwilligkeits-Version. Kritischen Fragen wollte sich Rüegg aber nicht stellen. Denn kurz nachdem er betonte, seine Integrität sei durch keine der laufenden Untersuchungen in Frage gestellt, trat er vom Rednerpult – und verliess eilig den Raum. Journalisten, die hinterher wollten, wurden abgewimmelt.

Nun kam der neue Präsident zu seinem ersten Auftritt. Er wolle die Vorkommnisse in der Ära Pierin Vincenz klären. «Es ist entscheidend für die Sicherstellung und Wiederherstellung unserer Gruppe, dass wir untersuchen, wem zu welchem Zeitpunkt welche Informationen vorgelegen sind.»

Vor allem aber – und das war die eigentliche Absicht der kurzfristig einberufenen Medienkonferenz – versuchte Gantenbein, Raiffeisen-Chef Patrik Gisel zu retten. Mehrmals sprach er ihm das Vertrauen aus – im Namen des gesamten Verwaltungsrates.

Was wusste Gisel?

Während jedoch Gisels Ziehvater Pierin Vincenz in Untersuchungshaft sitzt, verdichtet sich mehr und mehr, dass Gisel teils von den heiklen Transaktionen gewusst haben könnte. Vincenz steht im Verdacht der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Konkret: Ihm wird vorgeworfen, sich an der Investmentgesellschaft Investnet heimlich via Strohmänner beteiligt und beim späteren Kauf durch Raiffeisen persönlich abkassiert zu haben. Auch bei der Übernahme der Kreditkartengesellschaft Aduno soll er ein Doppelspiel getrieben haben, weshalb Aduno im Dezember Anzeige erstattete.

Heute Freitag veröffentlichte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» Auszüge eines von der Finanzmarktaufsicht (Finma) in Auftrag gegebenen Berichts des Wirtschaftsprüfers Deloitte. Untersucht werden darin die Vorgänge der Übernahme von Investnet. Der Auszug stellt die Frage, ob sich Gisel bei der Übernahme hat einspannen lassen. Gisel jedenfalls betonte vor den Medien, nichts von illegalen Deals gewusst zu haben. Zum Deloitte-Bericht schwieg er sich aus. Gantenbein betonte einzig, der Bericht komme zu keinen Anschuldigungen an Gisel.

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Gisel will Teil der Lösung sein

Ob Raiffeisen mit dem Festhalten an Gisel, das Vertrauen der 3,7 Millionen Raiffeisenkunden zurückgewinnt?

Die Post verspricht, bis im Sommer die Postauto-Affäre aufzuklären, die externen Untersuchungen zu veröffentlichen und dann personelle Entscheide zu treffen.

Bis wann Raiffeisen aufklären will, ist unklar. Offen ist auch, ob sie die nun angekündigten Untersuchungen veröffentlichen wird. Gisel jedenfalls betont: Er wolle alles dafür tun, seinen Beitrag in der Aufarbeitung der Ära Vincenz zu leisten.