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Raiffeisen: Programmiertes Scheitern

Raiffeisen: Vieles wird im Schatten besprochen.
Patrik Gisel: Der Bankchef verkauft das vom Vorgänger Pierin Vincenz gekaufe Institut.Quelle: Keystone Images

Die Wachstumsstory Notenstein blieb ein unerfülltes Versprechen. Es wäre an der Zeit, dass Raiffeisen personelle Konsequenzen zieht.

Kommentar  
Von Sven Millischer
am 24.05.2018

Die Idee war gut, die Ausführung grottenschlecht. Die Rede ist von Raiffeisens Versuch, das Geschäft breiter aufzustellen. Konkurrenten wie BCV oder die Zürcher Kantonalbank haben es, nach einigem Lehrgeld, vorgemacht, wie es geht. Diversifikation wäre auch für das Genossenschaftsinstitut unter Risikoaspekten zwingend notwendig.

Denn Raiffeisen hat sich im letzten Jahrzehnt zur grösste Hypothekenbank der Schweiz aufgebläht. Am Roten Platz in St. Gallen gehen Gisel & Co eine ganz grosse Zinswette ein. Und dies, ohne zweites, ernstzunehmendes Ertrags-Standbein zu besitzen.

Ein veritabler Coup

Es hätte das Vermögensverwaltungs-Geschäft der Notenstein La Roche werden sollen. Der Versuch startete im 2012 mit einem veritablen Coup, ganz nach Pierin Vincenz’ Kragenweite: Dem Kauf der Wegelin. Die traditionsreiche St. Galler Privatbank war nach dem Steuergefecht in den USA bereits klinisch tot, als der Bündner Raiffeisenboss zum Defibrillator griff. Schliesslich sollten die Wegelin-Vermögen die Basis einer eigenen Privatbanken-Strategie in St. Gallen bilden.

Der Grundstein fürs zweite Standbein schien gelegt, mit dem Blitz-Kauf übers Wochenende. Doch was die Raiffeisen-Spitze um Vincenz, Gisel & Co als schlaue Opportunität verkauften, war von Anbeginn zum Rohrkrepieren verurteilt. Die bodenständige Bauernbanker und die sophistizierten Wegelin-Bankiers konnten nicht miteinander.

Bis zuletzt ein Fremdkörper

Und schlimmer noch: Auch die gutbetuchten Raiffeisen-Kunden, meist aus KMU-Milieu, wussten nichts mit dem konzerneigenen Private Banking namens NotensteinLaRoche anzufangen. Der Transfer vermögender Kundschaft aus den 255 Raiffeisenbanken in die St. Galler Bankenboutique funktionierte bis zuletzt nicht.

Statt sich organisch und über Zeit ein eigenes Premium-Segment in der Vermögensverwaltung aufzubauen, und zwar unter der allseits beliebten Marke «Raiffeisen», hat sich das Genossenschaftsinstitut mit der Wegelin einen Private-Banking-Boutique eingekauft, die bis zuletzt ein Fremdkörper blieb.

Ein unerfülltes Versprechen

Entsprechend dümpelten die verwalteten Vermögen vor sich hin. Die von Raiffeisen-Management propagierte Wachstumsstory der Notenstein blieb bis zuletzt ein einziges Versprechen. Insofern ist der jetzige Verkauf an Vontobel das späte Eingeständnis, dass die Privatbanken-Strategie von Pierin Vincenz und jene seines Nachfolgers Patrik Gisel auf der ganzen Linie gescheitert ist. Es wäre nun an der Zeit, dass Raiffeisen auch personelle Konsequenzen aus dem Vermögensverwaltungsabenteuer zieht.

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