Herr Schaller, noch sechs Wochen bis Sommerbeginn: Kann sich ein Mensch, der im Winter mehr an der Fonduegabel als in der Folter­kammer aktiv war, bis am 21. Juni noch in Topform bringen?

In Form: Das geht. In Topform – das wird schwierig. 



Welche Arbeiten müsste man auf der ­Baustelle Body jetzt umgehend ausführen?

Einerseits den individuell richtigen Rhythmus finden aus Herz-Kreislauf- und Krafttraining. Und anderseits auf eine ver­nünftige Ernährung umstellen. Wobei hier eine gewisse Ungerechtigkeit des Lebens spielt. 



Welche Ungerechtigkeit?

Manche Menschen werden nur schon beim Betrachten eines Kuchens dick. Andere nehmen sich fünf Stück davon und legen kaum zu. Genetik, Ernährung und Training – dieses Trio macht es aus. Wer zwei- bis dreimal wöchentlich trainiert, ist auf gutem Weg. 


Rainer Schaller

Rainer Schaller ist Chef und Gründer der Rainer Schaller Global Group, vormals McFit Global Group. Der 50jährige, Wohnort Berlin, ist gelernter Einzelhandelskaufmann, begann bei Edeka und gründete 1997 das erste McFit-Studio in Würzburg. 2006 wurde McFit mit über 400'000 Mitgliedern die grösste Fitnesskette Deutschlands, ein Jahr darauf schluckte es den Hauptkonkurrenten Fit24, 2011 wurde es zur grössten Fitnesskette Europas.

Von 2006 bis 2010 war Schaller auch Geschäftsführer der Lopavent, welche die Loveparade durchführte.

Bei drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche: Schon mal ausgerechnet, wie viel Gewicht der Rainer Schaller in seinem ganzen Leben verschoben hat?

Nein. Wobei eine andere Frage viel inte­ressanter wäre: Wie könnte man diese Energie nutzbar machen? Wir haben schon mit vielen Geräteherstellern gesprochen ...



... um Mucki-Energie in Licht und Strom und heisses Wasser umzusetzen?

Genau. Schauen wir uns das einmal an: Ein gut trainierter Kraftsportler drückt auf der Bank zehnmal hundert Kilo. Macht eine Tonne. Wenn er vier Sätze hinlegt, hat er in zehn Minuten schon vier Tonnen ­bewegt. Da müsste doch etwas zu machen sein. Allerdings braucht es dazu nicht nur die Fitnessindustrie. Wir müssten von ­anderen Branchen lernen, wie etwa von der Energieversorgung. 


Was andere Branchen von der Fitness­industrie lernen können: wie man Geld ­verdient mit Leuten, die keine Kunden sind. 

Das verstehe ich jetzt nicht ganz.

Fitnessstudios leben am besten von jenen Kunden, die zwar ein Abo gelöst haben – aber nie auftauchen im Studio. Richtig?

Nicht ganz richtig. 



Aber auch nicht ganz falsch?

Also bei uns spielt das nicht gross. Über alle Konzepte hinweg haben wir fast keine Karteileichen; die Zahl jener, die nicht ­regelmässig ins Studio kommen, bewegt sich kaum über 20 Prozent. Die Kunst in unserem Geschäft ist es, einfach gesagt, einen Umsatz zu erzielen, der die Kosten deckt. Was dann drüber ist: prima. 

«Steht denn bei einen Golfspieler ständig ein Trainer nebendran, der korrigierend eingreift? Nein.»

Das Tiefpreiskonzept McFit wird auch «Aldi der Fitnessstudios» genannt. Okay für den Ex-Edeka-Einzelhändler Schaller? 

Für mich ist es ein Lob, weil es bedeutet: unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis. Wobei ich McFit heute bezüglich Lifestyle und Design eher als den Zara der Fitnessbranche sehe. 



Zara ist das Flaggschiff der schnellen Mode, McFit das Flaggschiff des schnellen Rückenschadens. In den McFit-Studios gibt es kaum Betreuung und so muten viele Kunden ihrem Körper schnell zu viel zu. 

Nun, so einfach ist es dann doch nicht. Wir beschäftigen alleine in Deutschland 200 Studenten, die ihr Fitnessstudium bei uns absolvieren. 



Die Stiftung Warentest sieht das allerdings regelmässig anders: Da wird gemosert, dass es nicht optimal stehe um die ­Betreuung bei McFit.

Es gibt Betreuung bei uns. Und natürlich für jeden Kunden eine Einführung, so es gewünscht wird. 


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Aber bei McFit kann wohl nicht jeder ­ Kunde individuell betreut werden. Sonst wärs kein Discount-Konzept mehr. 

Kein einziges Fitnesskonzept dieser Erde kann jeden Kunden ständig individuell betreuen. So wie es auch keine Einzelsportart mit Dauerbetreuung gibt. Steht denn bei einem Golfspieler ständig ein Trainer nebendran, der korrigierend eingreift? Nein. Diesen Service muss man sich auf dem Golfplatz dazukaufen. 


Rainer Schaller McFit

«Vernünftige Ernährung»: Rainer Schaller mein «Handelszeitung»-Interview

Quelle: Thomas Schweigert

Warum eigentlich ist das Thema Fitness, begleitet von einem eigentlichen Körperkult, in den letzten zwei Jahrzehnten so wichtig geworden?

Zwei Gründe: Erstens ist Fitness konkurrenzlos. Kein anderer Sport ist in der Lage, individuelle Körperbedürfnisse so ideal zu erfüllen. Der eine möchte etwas abnehmen, der andere am Bizeps arbeiten. Die eine möchte Bauch, Beine und Po trainieren, die andere ihren schlaffen Oberarm – Fachbegriff «Winkearm» – optimieren: Dafür kommt nur Fitness infrage, weil man hier ganz gezielt eines oder mehrere Themen angehen kann. 


Und der zweite Grund?

Obama, Putin, Macron: alles austrainierte Staatsmänner. Das hat Vorbildfunktion. Schauen wir ins Wirtschaftsleben: Zwei Personen bewerben sich um einen Job, sie sind aufgrund ihrer Skills genau gleich gut. Die eine Person hat 30 Kilo Übergewicht, die andere ist in Topzustand – wer kriegt den Job? Ich glaube, ich weiss es. Körperliche Fitness sendet Signale bezüglich Leistungsbereitschaft und Dynamik.


McFit startete vor 22 Jahren klitzeklein in Würzburg. Wann konnte man merken, dass daraus ein grosses Ding wird?

Der Durchbruch gelang im Ruhrgebiet. Das ist der grösste Ballungsraum in Deutschland. Als es 2001 in Bochum und Oberhausen funktionierte, da wusste ich: Es klappt. 


«Die eine Person hat 30 Kilo Übergewicht, die andere ist in Topzustand – wer kriegt den Job?»

Wenn du es im Ruhrgebiet schaffst, dann schaffst du es überall?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: ja. 



Gab es so etwas wie einen Höhepunkt in der bisherigen Karriere?

Als wir 2011 bezüglich Mitgliederzahlen zur grössten Fitnesskette Europas wurden, war das schon ein Meilenstein. Mit genau dieser Vision war ich 1997 gestartet – allerdings ohne einen Schimmer, wie ich das schaffen sollte. 



Der Karrieretiefpunkt war dann wohl Duisburg 2010. 

Wenn wir über dieses Thema sprechen, muss ich dazu in einen anderen Raum wechseln in meinem Kopf. Können wir das ans Ende des Interviews legen?


Einverstanden. Es gibt ja noch einige ­Dinge bezüglich Naming zu klären: McFit erinnert an McDonald’s. So gewollt? 
Überhaupt nicht. 



Wie kam es zu dem Namen?

Bei der Gründung überlegten wir uns drei Sitzungen lang unter Einbezug einer Werbeagentur einen Namen. Nichts taugte. Da sagte meine damalige Freundin beiläufig: «Nehmt doch McFit.» Und das taten wir dann auch. 

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John Reed Fitness Club

Jetzt in der Schweiz: John-Reed-Fitnessclub – Mix aus Musik-Club, englischem Pub und Lounge.

Quelle: Bild: zvg

Jetzt startet die Rainer Schaller Global Group mit John Reed in der Schweiz. So hiess der Gentleman, der 1919 die kommunistische Partei der USA gründete ...

... und ein Ehrengrab in Moskau erhalten hat, ich weiss. Aber das ist nicht unser John Reed. Der Name steht für eine fiktive Figur, die ein Gefühl und einen Lifestyle ausdrückt. Übersetzt in unsere Welt: ein Fitnessclub für Weltoffene und design­affine. Ein Ort auch, wo DJs zweimal ­wöchentlich live auflegen. 


John Reed wird als «Schickimicki-Muckibude» oder als «Englisches Pub mit Hantelbank» beschrieben. Was nervt mehr?

Erfolg führt nun mal zu Polarisierung. Für mich ist nur eines wichtig: dass sich un­sere Kunden wohlfühlen. 


Wer ist die Zielgruppe?

In der Regel stehen unsere Fitnessclubs ­allen ab 15 offen. John Reed spricht ein ­etwas erwachseneres Publikum an, ich sehe die Zielgruppe zwischen 25 und 45. Diese Clubs sind mehr als Orte der Kraftverrichtung. Es sind Social Hubs, wo man trainiert und sich auch trifft. 


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«Für mich ist Werner Kieser ein Vorbild. Weil er sich über Jahrzehnte treu geblieben ist.»

John Reed wird jetzt in der Schweiz ­lanciert. Könnte man das Land per Billiglinie McFit nicht stärker durchrütteln?

Wenn ich in mein Ferienhaus nach Luino am Lago Maggiore reise, führt der Trip immer durch die Schweiz. Mir fällt stets auf: Die Schweizer haben einen gewissen Anspruch an Design und Lifestyle. Da wird viel mit Beton, Glas und Holz gearbeitet, ich schaue mir die Häuser immer gerne an. Da sind wir besser beraten, mit einem Design-Konzept wie John Reed zu starten. 



Warum erst jetzt in der Schweiz?

Zwei Gründe: Zum Ersten gab es lange Zeit ein Schweizer Konzept namens McFit mit einem Standort im Zürcher Hauptbahnhof. Der Betreiber hatte uns die Namensrechte für ganz Europa verkauft, nicht aber für die Schweiz. Wir konnten also rein rechtlich gesehen gar nicht loslegen in der Schweiz und John Reed gab es damals noch nicht. Zum Zweiten war es so, dass wir zu Beginn der Expansion andere Wachstumsmärkte vorzogen. Was auch mit den Mieten in der Schweiz zusammenhängt. Die liegen für gute Standorte durchaus auf der Höhe von Paris oder Los Angeles.



Deshalb der Schweizer Start im schwach trendigen Zürich-Oerlikon?


Das ist jetzt mal unser Beginn. Wobei ich auch sagen darf: Wir geben nie auf, wenn es Schwierigkeiten gibt. Aufgeben gabs noch nie. Wir haben noch nie einen Standort geschlossen. 


Rainer Schaller Andreas Güntert

«Wir haben noch nie einen Standort geschlossen»: Rainer Schaller im Gespräch mit «Handelszeitung»-Redaktor Andreas Güntert.

Quelle: Thomas Schweigert
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Wie sieht die Strategie aus für die Schweiz?

So, wie wir das auch in anderen Märkten wie Tschechien, Ungarn oder der Türkei machen: Wir kommen mit einem ersten Club an und schauen zunächst einmal, wie wir angenommen werden. Wenn der John-Reed-Club in Zürich-Oerlikon erfolgreich ist, bietet sich die Schweiz aber natürlich schon als Wachstumsmarkt an. 


Welche Städte hat John Reed im Auge?

Grundsätzlich sollte eine Stadt über 100'000 Einwohner haben. Wenn das so ist, sind in einer Stadt mehrere Clubs möglich, für Zürich sehe ich im positiven Falle drei bis vier Clubs. Natürlich kommen in der Schweiz auch Städte wie Basel und Bern infrage. Über mittlere Frist sind bestimmt 15 Schweizer Standorte möglich. 


Die Billiglinie McFit kommt nicht?

Wir gehen erst einmal mit John Reed in die Schweiz und schauen, wie es anläuft. Wenn die Schweizer uns mögen, ist alles denkbar und möglich.



Die Schweiz brachte mit Werner Kieser ­einen Fitnesspapst hervor. Welche Rolle spielt er für Fitnesskönig Schaller?

Kieser war irgendwie schon immer da. Er hat grossartige Arbeit geleistet. Zum Beispiel hat er es geschafft, älteren Genera­tionen die Angst vorm Rücken- und Fitnesstraining zu nehmen und sie für die persönliche Arbeit an der Kraftmaschine zu begeistern. Für mich ist Werner Kieser ein Vorbild. Weil er sich über Jahrzehnte treu geblieben ist. 


Schallers nächstes Projekt: ein Fitness­center ohne Gebühren. Wie geht das?

In Oberhausen im Ruhrgebiet eröffnen wir Ende 2021 oder Anfang 2022 mit The Mirai das grösste Forschungs- und Entwicklungszentrum der Fitnesswelt, zusammen mit Partnern, unter anderen Kranken­kassen, Universitäten, Ausbildungsinstituten. Kunden trainieren auf über 55 000 Quadratmetern kostenlos, im Austausch erhalten wir sämtliche Daten, die wir für Forschung und Entwicklung zusammen mit Partnern auswerten können. 

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«Es gab einen Rainer Schaller vor Duisburg 2010. Und es gab einen danach.»

Ein Fitness-Facebook – das Muckibook?

Also mein Wort wäre das jetzt nicht. Aber bitte sehr. 



Auf 55'000 Quadratmetern reihen sich alle Schaller-Konzepte aneinander?

Überhaupt nicht. Dort wird keines unserer Fitnesskonzepte stehen. Es wird eine neutrale B2B-Plattform im realen Raum. The Mirai ist wie eine ständige Ausstellungsfläche; die Fitness-Player, die sich dort ­zeigen, sind die Gerätehersteller. Ein paar tausend Menschen werden gleichzeitig miteinander trainieren können. 


Duisburg 2010 ...

... ich wechsle jetzt den Raum in meinem Kopf.


An der Duisburger Loveparade 2010 ­starben 21 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Du warst Loveparade-Geschäftsführer.

Schlimmer geht es nicht. Der Prozess läuft immer noch und auch bald zehn Jahre später ist das immer noch eine riesige ­Belastung für die Angehörigen und Verletzten. Und alle weiteren Beteiligten. 



Was lief schief?

Es war keine Naturkatastrophe. Menschen haben Fehler gemacht. Aufzuklären, wer welche Fehler gemacht hat, ist Sache des Prozesses, bei dem ich als Zeuge aufge­treten bin. 


Was hat das Ereignis mit Rainer Schaller gemacht?

Es gab einen Rainer Schaller vor Duisburg 2010. Und es gibt einen danach. Der Rainer Schaller danach ist zurückgezogener, als es der Rainer Schaller davor war. Was mir im Umgang mit dem Thema im Alltag hilft, konnte mir ein Seelsorger beibringen: Sobald das Thema auftaucht, muss ich gedanklich in einen anderen Raum wechseln, um Abstand zu den aktuellen Themen zu bekommen. Von dort aus kann ich im Interview dann thematisch nicht mehr zurückwechseln. Daher ist es hier das letzte Thema.

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