BILANZ: Der Anteil deutscher Professoren gibt zu reden.

Ralph Eichler: Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung: Die ETH Zürich hat sich in den internationalen Rankings über die letzten Jahre konstant verbessert. Heute liegen wir weltweit auf Rang 20, in Kontinentaleuropa gar auf dem ersten Rang. Eines der Kriterien ist gerade die Internationalität der Professorinnen und Professoren.

Angelsächsische Hochschulen liegen vor der ETH.

Einige ja. Weil das Betreuungsverhältnis – das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten – an der ETH relativ schlecht ist. Das heisst, wir bräuchten zur Qualitätssteigerung weniger Studenten oder mehr Professoren. Doch wir haben klare Vorgaben: Wir dürfen die Studenten nicht auswählen und haben einen Bildungsauftrag. Gemäss einer Studie vor ein paar Jahren hat rund ein Drittel der Kader der Schweizer Wirtschaft einen ETH-Abschluss, mehr noch als von der HSG St.  Gallen.

Wie hoch ist der Anteil der ETH-Professoren aus Deutschland?

In den letzten zehn Jahren rekrutierten wir 43 Prozent der Professoren aus der Schweiz, 22 Prozent kamen aus den USA, 21 Prozent aus Deutschland. In der Tendenz ist der Anteil der Deutschen eher abnehmend, jener aus den USA und anderen Ländern dagegen nimmt zu.

Steckt dahinter eine bewusste Rekrutierungspolitik?

Nein, Qualifikation ist das einzige Kriterium. Der Grundsatz ist klar: Die Schweizer sind nicht dümmer, wir sind bloss ­weniger. Das Rekrutierungsgebiet Schweiz für eine global ­tätige Volkswirtschaft wie die unsere ist einfach sehr beschränkt. Bemerkenswert ist: Einem kleinen Land wie der Schweiz gelingt es, eine ganze Reihe internationaler Top-Hochschulen zu betreiben. Darüber sollten wir uns freuen. Schliesslich profitiert die Wirtschaft in hohem Mass davon.

Was müsste getan werden, um den universitären Mittelbau der Schweiz zu fördern?

Die Schweizer Wirtschaft bietet attraktive Stellen mit oft höheren Löhnen. Da muss man für eine akademische Karriere schon angefressen sein. Nützlich ist zweifellos, dass der Nationalfonds akademische Karrieren von Schweizern fördert, auch im Ausland. In Akademia hat man heute kaum eine Chance, wenn man nicht im Ausland gewesen ist. Früher waren die USA das Mekka, heute gibt es einen Trend zu Asien: Man geht für ein erstes Post-Dok nach China, Korea oder Japan. Wenn ich jeweils einen hoch qualifizierten Doktoranden hatte, riet ich ihm dringend, ins Ausland zu gehen. Hat er sich dort zum zweiten Mal bewährt, holen wir ihn nach Möglichkeit wieder zurück in die Schweiz.

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60 Prozent der Doktoranden an der ETH sind Ausländer.

Diese Leute sind ein Segen für die Wirtschaft. Sie decken ­Lücken in der Schweiz ab, oder sie gründen Firmen in der Schweiz. Mit Blick auf Spin-off-Firmen, die aus unserer Forschung hervorgehen, stellen wir fest: Der Anteil von Firmengründern unter den ausländischen ETH-Abgängern ist höher als unter den Schweizern. Oder dann gehen diese Leute nach Studienabschluss zurück nach Shanghai oder Tokio und arbeiten für die Niederlassung einer Schweizer Firma. Für die Schweiz ist das auf jeden Fall ein Gewinn.

Professor Ralph Eichler ist Physiker und seit 2007 ­Präsident der ETH in Zürich. Er studierte in Basel, Zürich, Hamburg und Stanford.