Ende Juni ist das Kaba-Geschäftsjahr zu Ende. Sind Sie zufrieden?

Rudolf Weber: Ja, denn der positive Trend hat sich fortgesetzt. Allerdings verläuft die Umsatzerholung nicht linear. Gewisse Bereiche hellen sich auf, andere dagegen befinden sich nach wie vor in einem schwachen Umfeld.

Verliert Kaba weiter Umsatz? Weber: Unser Ziel war es, von Januar bis Juni 2010 keinen Umsatz auf Stufe Lokalwährungen mehr einzubüssen. Das dürfte gelingen.Hat Kaba die Rezession überwunden?

Weber: Nein, das glaube ich nicht. Unsere Visibilität ist sehr gering und jede Woche lesen wir neue Negativmeldungen von der Konjunkturfront. Es ist für mich ausgeschlossen, dass wir nach dem scharfen Einbruch 2008 und 2009 jetzt einfach zur Normalität zurückkehren. Es gibt so viele Gegenkräfte, die den Aufschwung abbremsen. Eine rasche und kräftige Erholung kann aus meiner Sicht unmöglich nachhaltig sein. Deshalb bleiben wir mit unseren eigenen Prognosen vorsichtig.

Wann kehrt Kaba zu normalen Wachstumsraten zurück?

Weber: Ich gehe davon aus, dass wir ab 2011 wieder zwischen 4 und 6% pro Jahr organisch zulegen. Das wird natürlich nur eintreffen, wenn keine zweite Rezession folgt.

Wie hat sich Kaba in den einzelnen Weltregionen entwickelt?

Weber: Der Wohnbaumarkt in den USA hat sich leicht erholt, das hat einen positiven Einfluss auf unsere chinesische Tochtergesellschaft Wah Yuet. Diese liefert fast ausschliesslich in die USA. Im vergangenen Jahr rutschte sie tief in die Rezession und musste Umsatzeinbussen von bis zu 30% hinnehmen. Nun ist Wah Yuet wieder mit recht positiven Zahlen unterwegs. Anständig laufen in den USA auch das Sicherheits- und das kommerzielle Wohnbaugeschäft. Sehr negativ hat sich dagegen das Hotelgeschäft entwickelt, der Markt leidet nach wie vor unter der Rezession.

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Wie läuft es in Europa?

Weber: Unsere Schlüsselmärkte Schweiz, Deutschland und Österreich haben sich sehr gut gehalten. Sie sind stabil oder wachsen sogar wieder leicht. Nicht erholt hat sich hingegen das Geschäft mit der Betriebsdatenerfassung, hier liegen die Umsätze nach wie vor um bis zu 35% tiefer als zu unseren besten Zeiten. Die Unternehmen haben ihre Investitionen nach hinten verschoben. Im Bereich der Zutrittserfassung dagegen sehen wir wieder positive Zeichen.

Wie entwickelt sich Asien?

Weber: Hier haben sich unsere Umsätze zu keinem Zeitpunkt negativ entwickelt, die «schlechtesten» Zuwachsraten lagen um die 10% anstatt bei 20 oder 30% wie in den Boomzeiten.

Unter den einzelnen Geschäftsbereichen gab die Sparte Door Automation, die automatische Schiebetüren herstellt, immer wieder zu reden. Die Zahlen stimmten nicht. Haben Sie mittlerweile Fortschritte gemacht?

Weber: Ein Sorgenkind war die Sparte nie. Wenn eine Division eine Ebit-Marge von 6% bringt, kann man nicht wirklich von einem Problemfall sprechen. Aber es ist schon so, dass die Leistung von Door Automation im Vergleich zu anderen Sparten, die 15% bringen, weniger gut aussieht. Es ist uns gelungen, deutliche Verbesserungen zu erzielen. In Grossbritannien haben wir erfolgreich restrukturiert und schreiben seit zwei, drei Monaten positive Zahlen. Dasselbe haben wir in Italien erreicht. Das Doors-Servicegeschäft im deutschsprachigen Europa läuft nach wie vor gut. Zusammengefasst heisst das, dass die Sparte in diesem Geschäftsjahr klar besser abschneiden wird.

Wie hat sich das klassische Schlüsselgeschäft von Kaba entwickelt?

Weber: Die Sparte Key Systems ist sehr gut unterwegs. Das frühzyklische Geschäft wurde bereits im Juli 2008 vom Abschwung getroffen und litt 2009 heftig unter der Rezession. Nun ist der Markt wieder zurück, auch hier werden wir gute Zahlen vorlegen können.

Wie wirkt sich die Euro-Krise auf Kaba aus?

Weber: Beim Einkauf und Verkauf können wir die Währungsschwankungen weitgehend ausgleichen. Nur bei der Umrechnung in Schweizer Franken sehen wir einen Effekt. Negative operative Auswirkungen hat der schwache Euro nicht, im Gegenteil: Produkte, die wir aus dem Euro-Raum exportieren, sind jetzt wettbewerbsfähiger.

Mit der Euro-Krise verknüpft sind dramatisch hoch verschuldete Staatshaushalte. Hier werden Sie mit Sicherheit unter den Folgen leiden.

Weber: Sie haben recht, die betroffenen Staaten werden deutlich weniger investieren, weil sie sparen müssen. Und ja, das hat negative Folgen für Kaba. Wir liefern doch zu einem beachtlichen Teil für die öffentliche Hand, etwa Flughäfen, Spitäler oder Ministerien. Hier werden wir sicher eine sinkende Nachfrage sehen.

Passen Sie Ihr Unternehmen der sinkenden Nachfrage in Europa an?

Weber: Nein, Europa ist ein nach wie vor attraktiver Markt für uns. Kurzfristig werden die Budgetsenkungen der Staaten die Investitionsfreudigkeit dämpfen, mittelfristig aber sind wir sehr zuversichtlich.

Irgendwie müssen Sie die Rückgänge kompensieren, auch wenn diese nur vorübergehend sind.

Weber: Durch Mehraufträge von privaten Abnehmern und durch Innovationen. Sicherheit kann nicht vom Budget abhängig gemacht werden, ein gewisses Mass davon braucht es einfach. Diese Investitionen werden nicht aufgeschoben, gerade in den USA. Dort sehen wir im Übrigen noch sehr viel Potenzial. Etwa durch den Einsatz von Hochsicherheitsschlössern reduziert man die Kosten für Wachpersonal.

Was für Innovationen haben Sie in der Pipeline?

Weber: Sie können die Situation der Kunden mit Computer-Benutzern vergleichen: Ein Betriebssystem muss laufend aufdatiert werden. Übersetzt heisst das: Wer über ein elektronisches Sicherheitssystem verfügt, benötigt regelmässige Upgrades. Indem wir konstant verbesserte Produkte bieten, können die Kunden ihre Sicherheit erhöhen und gleichzeitig ihre Betriebs- kosten senken.

Wie entwickeln sich die Rohmaterialpreise?

Weber: Mittlerweile ist der Courant normal eingetreten, die Volatilität ist bedeutend geringer als auch schon. Das ist gut für uns, denn wenn Preise stark und in kurzen Abständen schwanken, können wir die Veränderungen nicht sogleich an unsere Kunden weitergeben. Zudem müssen wir unsere Lagerbestände nonstop neu bewerten, was zusätzlichen Aufwand bedeutet.

Werfen wir einen Blick auf die Ebit-Marge: Bereinigt lag sie im 1. Halbjahr bei 13,3%. Was brachte das 2. Semester?

Weber: Normalerweise ist unsere Ebit-Marge im 2. Halbjahr schwächer als im ersten, in den vergangenen fünf Jahren lag sie im Schnitt um 150 Basispunkte tiefer. Im Ausnahmejahr 2008/09 lag sie 300 Punkte tiefer. Das ablaufende Geschäftsjahr war wieder deutlich besser, sodass man im 2. Semester mit einer leicht tieferen Ebit-Marge im Rahmen der früheren Jahre rechnen kann.

Fällt das Gesamtjahr 2009/10 besser aus als das Vorjahr? Weber: Ja. Im 1. Halbjahr hat Kaba Schulden abgebaut. Arbeiten Sie weiter daran?

Weber: Ja, obwohl wir sehr solide finanziert sind. Wir verfügen über einen syndizierten Kredit über 570 Mio Fr., der noch drei Jahre läuft. Unsere Nettoverschuldung lag Ende 2009 noch bei 300 Mio Fr., wir sind also in einer komfortablen Lage. Unser operativer Cashflow beträgt im Schnitt rund 10% des Umsatzes, daran wird sich nichts ändern. Das heisst, dass unsere Schuldenlast weiter sinkt.

Das verschafft Ihnen Möglichkeiten für Akquisitionen. Gehen Sie nach drei Jahren Zurückhaltung wieder auf Einkaufstour?

Weber: Als die Rezession 2008 einsetzte, stoppten wir unsere Akquisitionsprojekte. Jetzt haben wir die Gespräche mit Zielgesellschaften wieder aufgenommen und möchten gerne zukaufen.

Wie viele Mittel stehen zur Verfügung?

Weber: Grosse Akquisitionen sehen wir nicht, denn wir sind bereits sehr gut aufgestellt. Zudem gibt es gar keine grossen Gesellschaften, die zu kaufen wären. Möglich sind aus meiner Sicht Zukäufe in der Grössenordnung von 50 bis 100 Mio Fr., um geografische Lücken zu schliessen oder unser Portfolio abzurunden.

Könnte Kaba in völlig neue, benachbarte Geschäftsbereiche einsteigen, etwa in die Haustechnik?

Weber: Nein, das halte ich aus heutiger Sicht für ausgeschlossen.

Kaba hält derzeit einen Weltmarktanteil von 4% und ist damit die Nummer drei. Wohin wollen Sie?

Weber: Mittel- bis langfristig halte ich eine Verdopplung des Umsatzes für möglich. Damit würde unser Weltmarktanteil auf 7 bis 8% steigen.