Die Wertschöpfung des Finanzplatzes werde sich halbieren, wenn die Schweiz ihr Bankgeheimnis preisgebe, prognostiziert der Genfer Privatbankier Ivan Pictet. Doch je länger, je mehr steht Pictet mit dieser Einschätzung allein da. Angesichts des wachsenden Drucks melden sich immer mehr Stimmen aus der Wirtschaft zu Wort, welche die ökonomische Bedeutung des Bankgeheimnisses in seiner heutigen Form relativieren.

Privatbanken: Front bröckelt

Für die Basler Privatbank Sarasin etwa wären die Folgen bescheiden, würde künftig nicht mehr zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung unterschieden - dem Dreh- und Angelpunkt der laufenden Debatte zum Schweizer Bankgeheimnis. «Es wären Kundenvermögen im einstelligen Prozentbereich betroffen», erklärt Sarasin-CEO Joachim Strähle gegenüber der «Handelszeitung».

Er fordert jetzt von der Schweizer Politik, dass die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung überprüft wird, um dem Missbrauch des Bankkundengeheimnisses entgegenzuwirken und die bestehenden Rechtsmittel der Amtshilfe und Rechtshilfe zu stärken. «Im Gegenzug könnte eine Erleichterung des grenzüberschreitenden Angebots von Finanzdienstleistungen ausgehandelt werden», schlägt Strähle vor.

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Ähnlich äussert sich die junge Privatbank EFG International, die laut eigenen Angaben nur «marginal» betroffen wäre, würde die Unterscheidung Steuerbetrug und Steuerhinterziehung hinfällig werden.

Für Christian Camenzind, CEO der Privatbank Sal. Oppenheim Schweiz und Mitglied des Vorstandes der Schweizer Auslandbanken, ist zentral, dass sich der Schweizer Finanzplatz gegenüber dem Ausland grundsätzlich verhandlungsbereit zeigt. Camenzind: «Auf der anderen Seite muss auch klar festgehalten werden, dass das Bankgeheimnis einen automatischen Informationsaustausch ausschliesst und wir den gläsernen Kunden nicht wollen.»

Schützenhilfe erhalten die Privatbanker von Oswald Grübel, dem neuen CEO der Grossbank UBS. Er vertritt die Auffassung, dass sich das Schweizer Bankgeheimnis «den Marktverhältnissen anpassen» werde. Zudem sei es «fraglich, ob das Bankgeheimnis auch in Zukunft Steuerhinterzieher schützen» könne.

Grossbanken sind vorbereitet

Wird die Bedeutung des Bankgeheimnisses in seiner heutigen Form für die Wirtschaft also überschätzt? Ja, denn das wichtige Vermögensverwaltungsgeschäft der Banken hat mehr zu bieten als bloss Schutz vor Verfolgung von Steuerhinterziehern. Der Bankenplatz hat sich längst für die Zeit danach vorbereitet. Die grössten Probleme hätten am ehesten Kleininstitute, am wenigsten die Grossbanken, die bereits gut gerüstet sind.

Kein «gläserner Kunde»

Das Bankgeheimnis vollständig aufgeben - also ausländischen Staaten automatischen Informationsaustausch gewähren -, ist keine sinnvolle Option. Steuerexperten wie Hans-Lothar Merten, Autor diverser Standardwerke zum Thema Steueroasen, warnen: «Wenn man es fallen liesse, wäre der Finanzplatz Schweiz tot», sagt er, «und der Staat hätte Zugriff auf Informationen, die er überhaupt nicht zu wissen braucht.» Geld setzt Diskretion und den Schutz des Vertrauens voraus.