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Reale Erfolge für neues virtuelles Login

Dank seinem Internetpassport mit Fingerabdruck-Erkennung will das Bieler KMU den Zugang in die elektronische Welt sicherer machen. Nach der Berner Kantonalbank nutzen nun auch die Steuerverwaltung des

Von Urs Walter
am 07.07.2010

Nach einer fünfmonatigen Einführungsphase hat die Berner Kantonalbank als erste Schweizer Bank den Axsionics Internet Passport (AIP) am 1. Juli 2010 für ihre Kunden lanciert. Im August folgt der Zugang zum Tax-Me-Portal der Steuerverwaltung des Kantons Bern sowie im September zu den Dienstleistungen des Krankenversicherers KPT oder zum Multimedia-Anschluss von Quickline. Damit haben alleine im Kanton Bern ab diesem Herbst über 500 000 Kunden die Möglichkeit, den AIP für einen einfachen und sicheren Zugang zu diversen Online-Diensten zu nutzen. Er hat die Grösse einer Kreditkarte.

Elektronische Verbindungen bedeuten immer Unsicherheit, ob das virtuelle Gegenüber wirklich die gewünschte Person ist und ob die angezeigte Information vom gesuchten Absender stammt oder am richtigen Ort landet. «Vertrauen und Gewissheit über die Identität des Gegenübers bleiben auch im Internet die Basis aller Beziehungen», sagt Alain Rollier, Mitgründer und Verkaufsverantwortlicher von Axsionics. «Unser AIP bringt dafür die Voraussetzung. Er ist, dank Fingerabdruck biometrisch geschützt und ohne komplizierte Passwörter, für eine Vielzahl unabhängiger Anwendungen einsetzbar; alles in einem kleinen Gerät.»

Sichere Verbindungen garantiert

Die Idee dazu reifte am Bieler Standort der Berner Fachhochschule (BFH); spezialisiert auf Mikrotechnik und Elektronik. Im Axsionics Internet Passport (AIP) finden sich ein kleiner Bildschirm für 90 Zeichen, die Photosensoren, Einschalttaste, der Leser für den Fingerabdruck sowie viel Software. Sicherheit bringt ein mehrstufiger, doch einfacher Zugangsprozess. Herkömmlich identifiziert werden Kunden nur am Anfang, ehe bei Axsionics ihr persönlicher, nummerierter AIP bestellt wird. Danach geben sie für den Aufbau jeder sicheren Verbindung via Computer, Notebook oder Smartphone auf der gewünschten Internetseite die Nummer des AIP ein. Dort wird dann ein einmaliges Passwort als bewegtes grafisches Muster (Flickering) angezeigt. Diesen Code lesen die Photosensoren des AIP. Zu entschlüsseln vermag es aber einzig der AIP, der auf das aufgerufene Benutzerkonto registriert ist.

Klartext wird das Flickering jedoch erst, wenn der Benutzer sich mit seinen Fingerlinien gegenüber dem AIP authentifiziert hat. Und nur sein Gerät zeigt dieses Passwort oder die Aufforderung, eine Transaktion zu bestätigen, Bestellungen aufzugeben - oder dereinst vielleicht elektronisch abzustimmen. So werden Diebstahl oder Kopieren von Passwörtern oder Kontoangaben verhindert, ebenso der Betrug mit dazwischengeschalteten falschen Internetauftritten. Auf dem gleichen Weg können zudem Kleinbeträge bezahlt, vertrauliche Kurznachrichten ausgetauscht und andere Informationen sicher angezeigt werden.

Verkauf an ICT-Konzern denkbar

Bis zur ersten Realisierung hatten die Initianten von Axsionics einen langen Weg. Neun Auszeichnungen gaben Auftrieb - vom Venture 2002 von McKinsey und ETH Zürich über das CTI Start-up Label 2005 und den Swiss Technology Award 2007 bis hin zum European Identity Award 2009. Auch ein Fernsehbeitrag half, Mittel zu erhalten. Heute bilden Core Capital und die Zürcher Kantonalbank zusammen mit den Gründern und Mitarbeitern das Aktionariat. Einen späteren Börsengang sieht Rollier kaum: «Eher die Einbindung in ein weltweit tätiges ICT-Dienstleistungsunternehmen.»

Wichtig war die über lange Zeit unentgeltliche Entwicklungsarbeit der Gründer Lorenz Müller, Marcel Jacomet und Roger Cattin - allesamt BFH-Professoren - sowie von Alain Rollier selber. Die erste Anwendung mit Sun Microsystems war eine militärische, später folgte eine Partnerschaft mit Siemens. «Entscheidend war die Berner Kantonalbank als Pilotprojekt. Jetzt funktioniert das System einfach und sicher, ohne Installation beim Benutzer und physische Verbindung für den Datenaustausch.» Axsionics übernimmt den Betrieb der Sicherheitslösung, dieser kann aber auch in die Informatikumgebung des jeweiligen Serviceanbieters integriert werden.

Für einmal gelten die Propheten im eigenen Land viel: «Ecosystem» nennt Rollier diese Netze von vielen unabhängigen Anbietern und unzähligen Anwendern, die für das Verwalten ihrer Identität im Internet alle nur ihren persönlichen Internetpassport benötigen. Das unterscheidet den AIP von den anderen Hilfsmitteln, ob die Lesegeräte von PostFinance und vielen Schweizer Banken oder der USB-Stick mit einem gesicherten Programm für den Datentransfer, die immer nur für eine Eins-zu-eins-Beziehung gelten.

Nur ein Internetpassport für sämtliche Anwendungen sei ökonomisch sowie ökologisch vorteilhaft und bringe volkswirtschaftlichen Nutzen, so Rollier weiter. Vor allem aber erleichtere es die Nutzung von Internetdienstleistungen oder den Zugang zu Online-Unternehmensdaten: Ein Gerät, eine Nummer, ein Fingerabdruck - sich statische Passwörter zu merken, gehöre schon bald der Vergangenheit an.

Das Verbreiten und Unterhalten von Token (Werbebotschaften oder anderen Inhalten) gehört laut Rollier nicht zu den Kernaufgaben von Online-Anbietern. Mit der Möglichkeit, jeden AIP mit über 100 unabhängigen Anbietern zu registrieren, biete Axsionics die Plattform als Service an, wobei die Unabhängigkeit des Anbieters und Anwenders jederzeit gewährleistet bleibe. Der Einstieg in den Massenmarkt brächte grosse Serien und tiefe Stückkosten.

100 Millionen Franken umsetzen

Gelingt so der Durchbruch bei weiteren Anbietern, sieht Rollier einen jährlichen Umsatz von 100 Mio Fr. als Ziel. Anwender finden sich neben Bern bereits in Deutschland, Italien und Hongkong. Die fast unbeschränkten Einsatzmöglichkeiten fordern aber das Management. «Wir dürfen der Marktentwicklung nicht zu weit voraus sein und müssen uns fokussieren.» Produziert werden die Geräte übrigens in Sri Lanka - in einer von einem Berner gegründeten Firma, wie Rollier lachend anfügt.

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