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Skandal
Rechnete Novartis Diovan-Wirkung schön?

Novartis-Hauptsitz in Basel: Erneutes Ungemach für den Pharmariesen. (Bild: ZVG)

Zwei vom Basler Pharmamulti mitfinanzierte klinische Studien zum Blutdruck-Blockbuster sind offenbar fehlerhaft. Ein Angestellter in Japan war an den Untersuchungen beteiligt – inkognito.

Von Marcel Speiser
am 03.05.2013

Diovan gehört zu den absoluten Umsatzrennern von Novartis und war bis 2011 der weltweit am meisten verkaufte Blutdrucksenker. Obwohl das Medikament seit 2011 Konkurrenz durch Generika hat, erwirtschaftete Novartis mit ihm auch letztes Jahr noch einen Umsatz von 4,7 Milliarden Dollar. Zeitweise waren es gar über 6 Milliarden Dollar pro Jahr. In der Schweiz ist das Mittel seit 1998 auf dem Markt. Kein anderes Medikament zuvor hat die Kassen des Basler Konzern je stärker klingeln lassen.

Jetzt steht Diovan im Mittelpunkt eines wissenschaftlichen Skandals, der sich zusehends ausweitet. Bereits haben zwei wissenschaftliche Journale Studien, die unter der Ägide der japanischen Kardiologie-Kapazität Hiroaki Matsubara durchgeführt worden waren, als fehlerhaft zurückgezogen. Matsubara selbst musste im Februar von seiner Professur an einer japanischen Medizinfakultät zurücktreten. Zudem stellte sich diese Woche heraus, dass einer von zwei an den Studien beteiligten Statistikern ein Novartis-Angesteller war. In den publizierten Studien allerdings wurde diese Tatsache – entgegen allen wissenschaftlichen Gepflogenheiten – unterschlagen. Der Novartis-Mann präsentierte sich bloss als Angestellter einer Universität.

Novartis zahlte rund eine Million

In den beiden zurückgezogenen Studien wurde gemäss der englischsprachigen japanischen Zeitung «Mainichi» unter anderem geprüft, ob der Blutdrucksenker Diovan  auch das Herzinfarktrisiko der Patienten reduziert. Novartis soll die Forschung mit umgerechnet rund 1 Millionen Franken mitfinanziert haben. Für das Unternehmen waren die günstigen Herz-Eigenschaften ein wichtiges Verkaufsargument des Medikaments. 2003 zum Beispiel überschrieb der Basler Konzern eine Pressemitteilung zu Diovan so: «Wegweisende Megastudie mit Diovan weist lebensrettende Vorteile für Herzinfarktpatienten nach.»

Novartis nimmt die Angelegenheit «sehr ernst», wie das Unternehmen in einer Stellungnahme schreibt. «Wir haben eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Unabhängige externe Experten nehmen die Vorwürfe unter die Lupe.» Weiter betont der Konzern, die beiden umstrittenen Studien seien nicht für die Zulassung von Diovan verwendet worden. Das Medikament sei seit 15 Jahren auf dem Markt und für Millionen von Patienten verschrieben worden. Diverse Studien ausserhalb Japans hätten gezeigt, dass Diovan einen Zusatznutzen jenseits der Blutdrucksenkung haben. In den USA und der EU sei Diovan der einzige Blutdrucksenker, der für Infarktpatienten zugelassen sei.

Regelmässiger Rückzug von Studien

Dass bereits publizierte Studien zurückgezogen werden müssen, kommt in der medizinischen Forschung regelmässig vor. Das Problem ist, dass einmal veröffentlichte Studien auch nach ihrem Rückzug in wissenschaftlichen Kreisen weiterhin wahrgenommen und zitiert werden – sie leben also weiter. Das liegt im Interesse der Konzerne. Denn die von Pharmafirmen mitfinanzierte Forschung wird in den meisten Fällen nur dann publiziert, wenn die positive Wirkung des untersuchten Medikaments erhärtet wird. Im Klartext: Selbst später umstrittene Erkenntnisse leben weiter.

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