In Sachen Weiterbildung ist die Schweiz ein geteiltes Land. Vor allem gut ausgebildete Männer in guten Positionen profitieren vom heutigen System. Verschiedene Untersuchungen zeigen das gleiche Bild: Besser ausgebildete Personen nehmen häufiger an Weiterbildung teil als weniger gut ausgebildete, Männer mehr als Frauen, Vollzeitangestellte mehr als Teilzeitangestellte, Angestellte in Grossbetrieben häufiger als Angestellte in Kleinbetrieben.

Nicht für alle gleich möglich

Das Schweizer Stimmvolk hat im vergangenen Jahr mit der Annahme der neuen Bildungsverfassung dem Bund carte blanche gegeben, weil damit der Bund die Grundsätze über die Weiterbildung festlegt, die Weiterbildung fördern kann und die Bereiche und Kriterien definiert. Für Travail.Suisse hat der Volksentscheid ein paar Schönheitsfehler. Die Chancengleichheit für alle Bevölkerungsschichten existiert in der Weiterbildung nicht. Denn Selbstverantwortung in Weiterbildung ist nun einmal nicht für alle gleich möglich. Nicht alle Arbeitnehmenden verfügen über die gleichen persönlichen Ressourcen und über die gleiche Unterstützung durch das Umfeld, um selbstverantwortlich weiterbildungsaktiv zu werden, kritisiert Travail.Suisse. Für den Arbeitnehmer-Dachverband ist klar, dass jemand, der die Selbstverantwortung als Grundprinzip der Weiterbildungspolitik propagiert, damit zugleich aussagt, dass er nicht möchte, dass sich alle Arbeitnehmenden weiterbilden.

KMU mit zu wenig Planung

Weiterbildung kann nur machen, wer zeitliche, finanzielle, organisatorische und die Motivation betreffende Hürden überspringen kann. Das System, das auf Selbstverantwortung aufbaut, produziert eine eigentümliche Situation, so das Fazit von Travail.Suisse: Jene Personen, die im Durchschnitt über weniger persönliche Ressourcen verfügen, erhalten im Schnitt auch weniger Unterstützung vom Umfeld.
Die Schelte trifft insbesondere KMU. Eine empirische Studie der ETH über KMU und die Rolle der Weiterbildung deckt grosse Defizite auf: Nur 11% der Betriebe betreiben eine Weiterbildungsplanung, die in ihre Firmenstrategie integriert ist. Wo Weiterbildung kein Thema ist, ist die Gefahr gross, dass Weiterbildungswünsche torpediert werden, folgert die Studie.
Es ist zu erwarten, dass der Bundesrat im Herbst dem BBT die Aufgabe überträgt, das neue Weiterbildungsgesetz zu entwickeln. Ein System, das auf Selbstverantwortung aufbaut, zementiert nach Meinung von Travail.Suisse die Ungleichheit. Ein Systemfehler, der nach Meinung des Verbandes im neuen Gesetz unbedingt korrigiert werden muss.

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