Als Kapitän Francesco Schettino vor der Insel Giglio die Costa Concordia beinahe versenkte, zuckte die Branche kurz zusammen. Doch mehr als ein Zucken war es auch bei den potenziellen Kunden nicht – Schlagzeilen schrieben schnell wieder andere Themen, das Schiff begann im Mittelmeer vor sich hin zu rosten. Parallel dazu zogen die Buchungen für Fahrten auf den Meeresriesen und Flusskreuzern wieder an. Branchenkenner rechnen mit jährlich rund 150'000 Buchungen aus der Schweiz. Tendenz steigend.

Für die Reedereien sind die Schiffe mit Baukosten zwischen 680 Millionen und knapp 1 Milliarde Franken wahre Goldgruben. Hochglanzprospekte versprechen Luxus und Natur. Nur gibt es auch eine Welt abseits von Kapitänsdinner, blinkenden Lichtern und schönen Landschaften.

Schlimme Umweltverschmutzung

Die schwimmenden Ferienparadiese sind Dreckschleudern übelster Sorte. Das Kreuzfahrt-Ranking des deutschen Naturschutzbundes (Nabu) lässt aufhorchen: Von den 20 zwischen 2013 bis 2016 vom Stapel laufenden Schiffen erfüllt keines die moderneren Anforderungen an die Abgasreinigung. «Ein einziges modernes Kreuzfahrtschiff stösst täglich rund 450 Kilogramm Russpartikel, 5250 Kilogramm Stickoxide und 7500 Kilogramm Schwefeldioxide aus», schreibt der Nabu zu seiner neusten Untersuchung, die Ende September veröffentlicht wurde. Diese Zahlen entsprechen den Emissionen von rund fünf Millionen Mittelklasse-Autos.

Handlungsbedarf erkannt

Bei Reiseveranstaltern ist das Problem bekannt. «Um Druck auf die Reedereien auszuüben, ist der hiesige Markt zu klein», sagt Anja Dobes, Verantwortliche für Nachhaltigkeit bei Hotelplan Suisse. «Die Schweiz hat bei den verschiedenen Anbietern zu wenig Passagiervolumen.» Bis Ende Jahr will Hotelplan ein Abgaskompensationsprogramm zusammen mit «Myclimate» für Kreuzfahren im Angebot haben.

Andrea Altorfer von der Stiftung «Myclimate» bestätigt: «Wir versuchen mit dem Angebot bis Ende Jahr startklar zu sein.» Doch um ein Angebot für die Kreuzfahrtkunden zu errechnen, wären konkrete Daten zu den Abgasen der Schiffe nötig. Nur da machen die Reedereien nicht mit. Es scheint gar, als ob die Schiffseigner das «Myclimate»-Angebot torpedieren wollen. «Die Reedereien zeigen sich auf unsere Bemühungen hin unkooperativ und liefern keine Daten zu ihren Schiffen», heisst es bei «Myclimate».   

Energiebedarf wie eine Kleinstadt

Selbst wenn die Kreuzfahrtschiffe nicht in voller Fahrt sind, laufen die Generatoren und Motoren auf Hochtouren. Die Schiffe haben zum Teil einen Energiebedarf wie eine Kleinstadt. Laut Nabu sind Naturschönheiten wie der Geirangerfjord in Norwegen massiv belastet, weil meist gleich mehrere Schiffe die Sehenswürdigkeit anlaufen.

Die Fronten sind verhärtet. Auf die Nabu-Berechnungen angesprochen, schreibt die grösste in der Schweiz ansässige Reederei MSC: «Wir möchten hier festhalten, dass die Nabu-Kampagne falsche Fakten verwendet und irreführende Vergleiche zieht». Und MSC führt weiter aus: «Viele Reedereien, darunter auch MSC Kreuzfahrten, gehen mit ihren Umweltschutzmassnahmen bereits über die gesetzlichen Regulierungen hinaus.»

Gegenseitige Schuldzuschiebung

Diese Argumentation ist bei den Nabu-Verantwortlichen bestens bekannt und werde laut dortigen Aussagen seit Jahren vorgetragen. So sind denn auch im MSC-Unternehmensportrait zahlreiche ISO-Zertifizierungen für den Umgang mit Abwässern und Müll aufgeführt. Doch beziehen sich diese laut Nabu nicht auf Emissionen der schweren Verbrennungsmotoren für den Antrieb oder die Energiegewinnung.

Betreffend die «Myclimate»-Bemühungen heisst es bei MSC: «Zurzeit unterstützt MSC Cruises kein ‹Myclimate›-Programm, was nicht heissen soll, dass wir gegenüber diesem Progamm abgeneigt sind. Über eine zukünftige Zusammenarbeit mit ‹Myclimate› haben wir zu diesem Zeitpunkt jedoch keine näheren Informationen.»

Auch die Hafenstädte leiden

Läuft ein Schiff einen Hafen an, wird der Antrieb mit Schweröl heruntergefahren. Dann wird mit «normalem» Schiffsdiesel die Energieversorgung sichergestellt. In Venedig protestierten vor wenigen Wochen die Einwohner mit einer Menschenkette gegen die Kreuzfahrtschiffe – damals lagen 13 Stück gleichzeitig in der Lagune und verpesteten die Luft.

In Hamburg wird über ein Projekt beraten, bei welchem die Kreuzfahrtschiffe im Hafen an die Steckdose müssen und die Motoren ganz abgeschaltet werden sollen. Die Anlage würde laut «Spiegel» über 14 Millionen Euro kosten. Der Druck zur Veränderung ist gross, denn auch in der Hansestadt regt sich Widerstand gegen die Abgase der schwimmenden Freizeitkolosse.

Die Reederei Aida Cruises habe die Zeichen der Zeit erkannt, heisst es beim Nabu. Für 100 Millionen Euro will die Reederei ihre Schiffe abgastechnisch nachrüsten. Bis dahin blasen die Kreuzfahrtschiffe die Abgase weiter ungefiltert in den Sonnenuntergang.

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