Um den aktuellen Herausforderungen der globalen Wirtschaftskrise zu begegnen, müssen sich Supply Chains verändern: Eine optimierte regionale Aufstellung der Supply-Chain-Netzwerke, höhere Flexibilität sowie ein straffes Risikomanagement und eine systematische Steuerung des Nettoumlaufvermögens sind die zentralen Erfolgsfaktoren.

Das geht aus der aktuellen Studie «Excellence in Logistics 2008/09» hervor, der grössten Untersuchung ihrer Art in Europa. Im Rahmen der Studie hat die European Logistics Association (ELA) in Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung A.T. Kearney 150 Unternehmen aus acht Branchen und 18 europäischen Ländern inklusive der Schweiz befragt.

Trendumkehr bei Logistikkosten

Nach vielen Jahren stetig sinkender Logistikkosten zeigt die Studie eine klare Trendumkehr: Seit 2003 sind die Logistikkosten europaweit um knapp 20% von 6,1 auf 7,3% des Nettoumsatzes angewachsen. Der Anstieg verteilt sich gleichmässig auf die drei Kostenkomponenten Transport, Lagerbetrieb und Lagerbestandskosten. Ein wichtiger Wachstumsfaktor ist die Globalisierung. Der als Mass für die Globalisierung der Supply Chain zugrunde gelegte Warenverkehr hat von 2003 bis 2008 deutlich zugenommen, und zwar pro Jahr um rund 10% auf der Einkaufsseite und um rund 11% auf der Marktseite.

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Unternehmen stehen künftig vor der Herausforderung, Supply- Chain-Kosten und Lagerbestände inklusive des darin gebundenen Kapitals so niedrig wie möglich zu halten, während auf der anderen Seite die Anforderungen der Kunden hinsichtlich Lieferzeiten, Lieferfähigkeit und Lieferzuverlässigkeit steigen. Diesen Zielkonflikt aufzulösen, ist in Zeiten der Wirtschaftskrise wichtiger denn je. Das strategisch richtige Vorgehen verbessert die Wettbewerbsposition und hilft, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Weniger Lager in Zukunft

Vorteile lassen sich über eine Konsolidierung und Regionalisierung der Supply Chain erzielen. Die Experten erwarten, dass die Anzahl der Produktions- und Lagerstandorte in den nächsten Jahren deutlich zurückgehen und sich der gesamte Supply-Chain-Footprint konsolidieren wird. Im Zuge der Wirtschaftskrise wird sich diese Entwicklung beschleunigen. Experten rechnen mit einer Straffung des Produktionsnetzwerks um rund 20% bis 2013. Zusätzlich wird erwartet, dass sich die Struktur der Produktion hin zu einer stärkeren regionalen Aufstellung verschiebt: In Zukunft werden die meisten Produktionsstandorte regionale Märkte bedienen, die absolute Anzahl sowie der Anteil der Standorte, die nur lokal oder global liefern, wird auf Kosten dieser regionalen Kernwerke zurückgehen. Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei Eingangs- bzw. Distributionslogistik ab: Bei den Eingangslagern wird bis 2013 eine Reduktion von rund einem Drittel erwartet, bei den Distributionslagern um etwa 20%.

Rückenwind erhält die Regionalisierung von Supply Chains durch das Thema Nachhaltigkeit. Dieses für die Supply Chain relativ neue Thema ist mittlerweile bei 60% der befragten Unternehmen auf der Agenda. Den Experten zufolge wird es bis 2013 erheblich an Bedeutung gewinnen und auch den Einsatz möglichst CO2-effizienter Transportmittel fördern.

Verschiebung von pull zu push

Unerschlossenes Potenzial liegt in einer weiteren Flexibilisierung der Supply Chain. In der angespannten wirtschaftlichen Lage ist es immanent wichtig, dass Unternehmen die Reaktionsfähigkeit ihrer Supply Chain erhöhen, um so schnell auf die schwankende Marktnachfrage reagieren zu können. «Push statt pull» lautet das Gebot der Stunde, das heisst, kundenspezifisch statt für das Lager zu produzieren. Die Untersuchung hat allerdings gezeigt, dass die Mehrzahl der Befragten noch über keine konsequente «Pull-SupplyChain» verfügt. Als Folge der zurückliegenden Boomjahre konnte man 2008 im Vergleich zu 2003 sogar einen leichten Anstieg der «Push»-Produktion hin zu mehr «Make to Stock» beobachten. Dabei zeigen sich bei den untersuchten Branchen allerdings grosse Unterschiede. Obwohl die globale Automobilindustrie als Vorreiter bei der Implementierung von neuen Produktionsphilosophien betrachtet werden kann, stehen derzeit etwa 20 Mio «Push-Fahrzeuge» auf Halde. In der «Fast Moving Consumer Goods Industrie» und im Handel dominieren fast ausschliesslich die Fertigung auf und der Abverkauf vom Lager. Mittelfristig erwarten die befragten Unternehmen aber eine deutliche Zunahme des Trends hin zu Pull-Supply-Chains.

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Liquidität maximieren

In Zeiten der Wirtschaftskrise sollten Unternehmen alle Möglichkeiten ausschöpfen, kurzfristig Mittel freizusetzen und ihre Kapitalposition zu verbessern. Dem aktiven Management des Nettoumlaufvermögens, d.h. von Lagerbeständen, Forderungen und Verbindlichkeiten, kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Für SupplyChain-Verantwortliche kommt es jetzt darauf an, dass sie ihre Lagerbestände senken, etwa durch einen systematischen Umbau der Supply Chain hin zu einer Pull-SupplyChain. Zudem sollte das Forderungsmanagement auf Optimierungschancen untersucht werden und etwa durch eine schnelle und fehlerfreie Lieferung sowie Rechnungsstellung den «Cash to Cash Cycle» verkürzen. Ebenso wichtig in der Krise ist ein funktionierendes Supply-Chain-Risikomanagement, mit dem Zahlungs- und Kreditrisiken gesteuert werden. Auch hier besteht Verbesserungspotenzial: Aktuell verfügt nur ein Drittel der befragten Unternehmen über ein Supply-Chain-Risikomanagement. Wichtig ist, Transparenz über die Leistungsfähigkeit der Supply-Chain-Prozesse zu schaffen und diese stetig zu verbessern.

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