Bei den grossen Schweizer Reiseveranstaltern ist der Ausdruck Last Minute verpönt. Mit Frühbucherrabatten haben sie dem Kurzfristgeschäft, das wegen günstiger Aktionspreise kaum Renditen bringt, vor Jahren den Kampf angesagt und diesen laut eigenen Aussagen gewonnen. «Der Anteil an Last-Minute-Buchungen ist bei uns konstant rückläufig», heisst es etwa bei Kuoni. Gerade in diesem Geschäft überdurchschnittlich erfolgreich ist die auf Last Minute spezialisierte Reisevermittlerin L’Tur, deren Zahl der Filialen in der Schweiz steigt kontinuierlich. Zurzeit werden hierzulande 11 LTur-Shops betrieben, in einem Jahr sollen es 14 sein.

34 Prozent mehr umgesetzt

Die Expansion beruht auf einem anhaltenden Ansturm der Schweizer Kundschaft. In den ersten vier Monaten 2008 hat LTur gemäss eigenen Angaben das Schweizer Geschäft gegenüber dem Vorjahr um 34% verbessert und wird heuer den Umsatz auf gegen 50 Mio Fr. steigern. Offizielle Umsatzzahlen für die Schweiz werden nicht bekannt gegeben. An LTur sind Tui (46%), Thomas Cook (10%) sowie der Firmengründer Karlheinz Kögel (44%) beteiligt. Der Konzern verzeichnet seit Jahren markante Zuwachsraten und setzte 2007 mit insgesamt 165 Reisebüros in sechs europäischen Ländern fast 600 Mio Fr. um.

Das LTur-Konzept beruht auf einer Verknüpfung von kurzfristig verfügbaren Flugsitzen mit Hotels zu Ferienarrangements, die ab zwei Wochen bis wenige Stunden vor Abreise verkauft werden. Der mittels ausgeklügeltem IT-System weltweit vernetzte Reisevermitt-ler kann minütlich auf die freien Kontingente von 130 Fluggesellschaften und über 10000 Hotels zurückgreifen und daraus jeden Tag über 2 Mio kurzfristig verfügbare Ferienangebote zusammenstellen. «Diese gehen zu Preisen über den Ladentisch, die nicht selten 50% unter den Tarifen in Ferienkatalogen liegen», sagt Andreas Kindlimann, Schweiz-Chef von L’Tur. Das Geheimnis liegt in der Kurzfristigkeit und einem grossen eigenen Hoteleinkauf.

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Schweizer erziehen um

Diese Einkaufsmacht fehlt den Schweizer Veranstaltern. Sie haben mit ihren Frühbucherrabatten den Anteil des kurzfristigen Geschäfts reduziert und verschiedene Last-Minute-Schnäppchenjäger offenbar zu einer früheren Reservation umerzogen. Bei Tui Suisse beträgt der Last-Minute-Anteil noch zwi-schen 3 und 5%, bei Hotelplan immerhin 10%.

Zu einer Eindämmung der kurzfristigen Buchungen hat auch eine von Vernunft getriebene Reduktion der Kapazitäten im Charterflugbereich geführt. Die Veranstalter sind heute weniger darauf angewiesen, grosse Mengen von bereits eingekauften Sitzen in letzter Minute zu Dumping-Tarifen zu verramschen.

Von einem Ende des Last-Minute-Booms bei den Konsumenten kann dennoch nicht die Rede sein. Eine aktuelle Erhebung des Marktforschungsinstituts GfK bestätigt, dass rund 30% von 97 Mio in Deutschland unternommenen Ferientrips weniger als drei bis vier Wochen vor dem Abreisedatum gebucht worden sind. Bei der Hälfte davon, Tendenz zunehmend, lag das Reservationsdatum sogar zwei Wochen und näher am Abreisetag.

Last Minute im Luxussegment

Auch die grossen Schweizer Veranstalter können nicht gänzlich auf das Last-Minute-Geschäft verzichten. «Last Minute ist ein fixer Bestandteil jedes Volumen-Veranstalters», sagt Roberto Luna, Bereichsleiter bei Hotelplan. Es gebe nach wie vor eine nicht kleine Kundengruppe, die mit der Ferienbuchung bewusst zuwarte.

Ähnlich tönt es bei Kuoni: «Um die Rentabilität zu steigern, verkaufen wir bereits eingekaufte Flugsitze lieber günstig an Last-Minute-Kunden als gar nicht», bestätigt Sprecher Peter Brun. Die anspruchsvollen Gäste bevorzugten allerdings eine frühzeitige Buchung, weil kurzfristig bestimmte Zimmerkategorien oft nicht mehr erhältlich seien.

Kindlimann von L’Tur macht andere Erfahrungen mit Last-Minute-Kunden. «Bei L’Tur buchen mittlerweile fast zwei Drittel der Kundschaft ein Vier- oder Fünfsternhotel.» Last Minute sei nicht mit billig gleichzusetzen.

Ohne Neid, sondern wohlwollend wird der Erfolg der Schwestergesellschaft L’Tur von Tui Suisse beurteilt. «L’Tur ergänzt unsere Strategie, die auf frühzeitigen Buchungen basiert, in idealer Weise und wird wohl auch künftig von der nach wie vor grossen Last-Minute-Fangemeinde profitie-ren», ist CEO Martin Wittwer überzeugt.