Der Gedanke, für medizinische Behandlungen um den halben Globus zu reisen, um zu einem guten Preis das zu bekommen, was man will, ist bestechend. Warum nicht eine Herz-Bypass-Operation in Indien oder ein künstliches Hüftgelenk aus Thailand? Und dies in bester Qualität und nur 20% so teuer wie in Europa (siehe Tabelle).

Aber so einfach ist es nicht, wie die Studie «Mapping the market for medical travel» des Beratungsunternehmens McKinsey aufzeigt. Medizintourismus habe vielfältige Gründe, und kostengünstigere Behandlungen stünden nicht im Vordergrund (siehe Grafik). «Die meisten Leute reisen, weil sie eine bessere Qualität, die neusten Technologien oder eine raschere Behandlung wünschen.» Und genau das alles bietet - im Unterschied zu vielen andern Ländern - die Schweiz. Daher ist sie ein Zielland des medizinischen Tourismus und kein Ausgangsland. Das Potenzial der Schweiz, und insbesondere der luxuriösen Privatkliniken, ist enorm, «obwohl das Volumen zurzeit noch bescheiden ist», wie es in der McKinsey-Studie heisst. «Der Profit durch solche Patienten ist gross. Sie füllen nicht nur die Spitalbetten und steigern so den Umsatz pro Bett, sondern sie sorgen auch für einen Gewinn an Prestige.»

2 Milliarden Franken pro Jahr

Genau so sieht das auch Rémy Schleiniger. Er verdient mit seiner Firma Swixmed seit Jahren gutes Geld mit Gesundheitstouristen. Wie viel genau, will er nicht sagen. Aber er vermittelt und betreut pro Jahr mehrere Hundert Patienten aus dem Ausland. Seit der Finanzkrise stagniert zwar das Geschäft mit den Golfstaaten, aber der Zuwachs aus Russland beträgt dafür 5% - pro Monat, notabene.

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Auch Schleiniger sieht ein grosses Potenzial - für die Schweiz als Ganzes. Wenn es nach ihm ginge, müsste der Medizintourismus von den Institutionen der Standort- und Exportförderung aktiver propagiert werden. «Die Patienten wünschen sich ein touristisches Erlebnis, das weit über die medizinische Behandlung hinausgeht. Sie kommen in die Schweiz, weil sie es hier cool finden.»

Pro Jahr suchen knapp 45 000 Patienten aus dem Ausland eine Klinik in der Schweiz auf - Tendenz steigend (siehe Grafik). Gesundheitsexperten schätzen, dass rund die Hälfte davon aus medizinischen Gründen anreist und dabei insgesamt 1 bis 2 Mrd Fr. Umsatz generiert. Die andere Hälfte sind Feriengäste oder Geschäftsreisende, die wegen Unfall oder Krankheit hospitalisiert werden.

Fest steht: Wer extra anreist, hat höchste Ansprüche. Es sind wohlhabende Patienten, die sich vom Klinikpersonal verwöhnen lassen und auch bereit sind, dafür viel Geld auszugeben.

Tiefere Krankenkassenprämien

Indirekt könnten vom medizinisch bedingten Tourismus auch die Patienten aus der Schweiz profitieren. Nicht indem man sie ins Ausland schickt, um die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Das dürfte ein Wunschtraum einiger Versicherer bleiben - ganz abgesehen davon, was das Gesetz erlauben würde. Aber mit den Mehreinnahmen durch ausländische Patienten könnten Spitäler Anschaffungen schneller tätigen und modernste Diagnosegeräte kaufen. «Die Bevölkerung würde kostenmässig profitieren», ist auch Felix Schneuwly vom Verband der Krankenkassen, Santésuisse, überzeugt. Man müsse den Patienten aus dem Ausland aber «mindestens die Vollkosten» in Rechnung stellen.

Noch weiter geht Schleiniger von Swixmed. Er ist sich sicher, dass mit einem geschickten Marketing die Zahl von Gesundheitstouristen verfünffacht werden könnte, was einem Volumen von 5 bis 10 Mrd Fr. entsprechen würde. Dies könnte die Krankenkassenprämien für die Grundversicherung letztendlich - direkt mit den Gewinnen und indirekt mit finanzierter Infrastruktur - um mehrere Mrd Fr. oder rund 10% entlasten.