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Luftfahrt
Reiseverband gegen Swiss: «Gibt kein back to normal»

Die Economy-Class im neuen Swiss-Flieger: Gibt Anlass zu Beanstandungen. Swiss

Wegen einer Buchungsgebühr stehen Reiseveranstalter mit dem Lufthansa-Konzern auf Kriegsfuss. Die Fluggesellschaft stellt Neuigkeiten in Aussicht. Ein Frieden zeichnet sich so schnell aber nicht ab.

Von Marc Iseli
am 04.03.2016

Der Graben zwischen dem Lufthansa-Konzern und hiesigen Reiseveranstaltern ist tief. Seit einem halben Jahr zahlen Kunden eine Extragebühr von 16 Franken für Buchungen über sogenannte globale Vertriebssysteme (GDS). Drittanbieter wie Reisebüros oder Internetportale wie Swoodoo nutzen diese Systeme. Das Resultat: Wo immer möglich, lassen Reiseveranstalter die Swiss und ihre Mutter Lufthansa links liegen, wie die «Handelszeitung» im Oktober berichtete.

Anfänglich gab es Hoffnung, dass sich der Streit bald legen werde. Doch diese Hoffnung ist verflogen. «Das Verhältnis bleibt belastet», sagt etwa Hotelplan-Sprecherin Prisca Huguenin. «Solange diese diskriminierende Gebühr erhoben wird, gibt es kein ‹back to normal›», sagt auch der Chef des Schweizer Reiseverbandes (SRV), Walter Kunz.

Verhärtete Fronten

Der Streit hat sich mittlerweile derart zugespitzt, dass viele Reiseveranstalter nur noch hinter vorgehaltener Hand sprechen möchten. Wie brisant das Thema ist, hat sich im letzten November an der SRV-Generalversammlung gezeigt. Sieben Mitglieder forderten den Ausschluss von Swiss, Lufthansa und Edelweiss. Von fehlendem Respekt gegenüber den Reisebüros war die Rede. Oder von Arroganz, die den Unternehmern entgegengebracht werde. Swiss habe die Partnerschaft mit Füssen getreten, hiess es.

Dem Votum war letztlich kein Erfolg beschieden. Nur knapp über 20 Reiseveranstalter wollten die Fluggesellschaften aus dem Verband hauen, der Grossteil sprach sich für deren Verbleib aus. Das Klima aber war vergiftet, der Ton hart, die Forderung an sich ein Unikum in der Historie des Verbandes.

Beschwerde bei der Weko hängig

Mittlerweile sind einige Monate ins Land gezogen, die Flammen des Streits lodern aber weiter: Die Wettbewerbskommission (Weko) ermittelt, weil der Reiseverband Beschwerde eingereicht hat. Denn die Swiss erhebt keine separate Gebühr, wenn Kunden direkt bei der Fluggesellschaft buchen. Die Reisebüros sehen darin eine Benachteiligung.

Dem Vernehmen nach haben die Berner Wettbewerbshüter auch schon bei der Airline angeklopft. Die Fluggesellschaft hat aber um mehr Zeit gebeten, um ihren Standpunkt darzulegen. Die Beschwerde ist hängig. Wann mit einem Weko-Entscheid zu rechnen ist, bleibt offen. Die Bundesbehörde wollte sich nicht dazu äussern. Die Swiss nehme zu einem laufenden Verfahren keine Stellung, heisst es auch seitens der Airline.

Neue Vorwürfe

Gegen die Swiss werden überdies neue Vorwürfe erhoben. Der Helpdesk, der ab Juli 2016 kostenpflichtig werden soll, sei nur noch ein Schatten seiner selbst. Mittlerweile sei es fast unmöglich, bei Problemfällen Unterstützung zu erhalten. Zudem sei für die Reisebüros der Ablauf einer Buchung viel komplizierter, seitdem der Lufthansa-Konzern versucht, mit zusätzlichen Leistungen und Produkten Geld zu machen: Die Sitzplätze müssten separat eingebucht und bezahlt werden, so die Kritik. Das gleiche Regime herrsche für Gepäck auf Europa-Flügen.

Selbst für das neue Flaggschiff, die Boeing 777, hagelt es Kritik. Die Swiss hat zehn statt neun Sitze in einer Reihe eingebaut, der Sitzabstand gehöre mit 78 Zentimetern daher eher zu den «Gequetschten», wie es ein KMU-Vertreter beschreibt. «Es ist also nicht mehr nur die Strafgebühr, welche uns die Konkurrenz vorziehen lässt», so der Unternehmer, der namentlich nicht erwähnt werden will, weil er es sich nicht leisten könne, «von Swiss den Hahn abgedreht zu bekommen». Denn auf gewissen Strecken habe die Swiss ein Quasi-Monopol.

Swiss kontert Kritik

Mehr Aufwand für ein Ticket, weniger Komfort für den Passagier, dazu noch eine Strafgebühr – diese Bilanz ziehen hiesige Reisebüros. Die Swiss will sich das nicht gefallen lassen. Mit den Vorwürfen konfrontiert, schreibt Mediensprecher Florian Flämig: «Die Swiss hat ein Investitionsvolumen von mehreren Milliarden gestartet, um unter anderem ihre Flotte mit neun Boeing 777, 30 Bombardier CSeries und neuen Lounge-Konzepten zu erneuern.» Zudem kreiere die Airline hunderte neuer Arbeitsplätze im Heimmarkt Schweiz, «was aktuell eher gegen den Trend verläuft».

Die Reisebüros könnten von diesem Kapazitätsaufbau profitieren. Gleiches gilt für den Verkauf von Zusatzleistungen – im Fachjargon mit dem englischen Begriff «Ancillary Services» umschrieben. «Durch Ancillary Services wird das Airlineprodukt in der Tat vielschichtiger, von den zusätzlich generierten Umsätzen profitieren jedoch alle Partner. Die Lufthansa-Gruppe setzt alles daran, die Buchungsprozesse durch Investitionen in neue und den Ausbau bestehender Technologien so effizient und effektiv wie möglich zu gestalten», so Flämig.

Neue Informationen an der ITB

Die Swiss spielt auch die Intensität des Gebührenkriegs herunter. «Unsere Vertriebspolitik richtet sich nicht gegen Reisebüros, sondern orientiert sich an den Wünschen unserer Kunden nach unterschiedlichen Produkten», erklärt Flämig. «Glücklicherweise sehen einige Marktteilnehmer den aktuellen Wandel als Momentum für eine gestärkte Zusammenarbeit», fügt er an.

Die Airline stellt zwar in Aussicht, dass in dieser Angelegenheit schon bald neue Informationen folgen werden – anlässlich der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin, die am Mittwoch, 9. März ihre Türen öffnet. Gleichzeitig schreibt Flämig: «Gemeinsam mit der Lufthansa-Gruppe arbeiten wir weiter intensiv am Aufbau moderner, alternativer Distributionskanäle, die als direkte Anbindung an das Angebot der Lufthansa-Gruppe zu verstehen ist.»

«Falsche Richtung»

Eine Abkehr von der Gebührenpolitik und eine Annäherung an die Position der Reisebüros wäre also eine grosse Überraschung. Und eigentlich rechnet auch niemand mit einem schnellen Wandel. «Die Swiss verfolgt das Ziel, möglichst viele Kunden zu sich auf die eigene Webseite zu holen und ich kann mir nicht vorstellen, dass man das Konzept über Nacht ändert und uns Reisebüros auf einmal wieder lieb hat», heisst es etwa von einem KMU-Vertreter.

Noch deutlicher wird ein anderer Branchen-Player, der ebenfalls nur anonym zitiert werden möchte: «Der Konzern hat sich schon öfters bewegt – aber immer in die falsche Richtung.»

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