Wohl dem, der in diesen Tagen Öl-Analyst ist. Waren in den 90er Jahren die Aktien-Profis die Stars der Finanzwelt, so verlieren sie diesen Kult-Status mehr und mehr an die Rohstoff-Experten. Denn diese sind es, die permanent neue Rekordstände vermelden können und ihre Kursziele Monat für Monat nach oben schrauben. Am Donnerstag, den 17. März, blickten die Anleger einmal mehr gebannt auf die Notierungen des Schwarzen Goldes: Der Preis für Öl der Nordseesorte Brent kostete erstmals in der Geschichte mehr als 56 Dollar. Damit notierte der Energieträger zum dritten Mal in Folge auf einem Allzeithoch.

Nachdem sich der Aktienmarkt lange Zeit robust gezeigt hatte, lastet der Höhenflug der Energiekosten zunehmend auf der Stimmung. «Beim Ölpreis ist längst der Punkt überschritten, jenseits dessen es der Wirtschaft und der Börse wehtut», kommentiert Lars Kreckel, Stratege bei ABN Amro, die jüngste Schwäche bei Dividendenpapieren. «Sollten Öl und andere Rohstoffe ihre Rallye fortsetzen, müssen wir mit weiteren Rückschlägen am Aktienmarkt rechnen».

Börse hat sich daran gewöhnt

Tatsächlich könnten die jüngsten Kursverluste am Aktienmarkt erst der Anfang einer Ölpreis-bedingten Korrektur sein. Manche Akteure fühlen sich an den Sommer 2004 erinnert. Damals bescherte das Hochschnellen der Brent-Notierungen von 33 auf 45 Dollar dem Deutschen Aktienindex (Dax) ein Minus von 10%. Angesicht der Tatsache, dass der Energieträger sich in den letzten fünf Wochen ebenfalls um 12 Dollar verteuert hat, mutet die bisherige Reaktion der Aktienmärkte sehr moderat an. «Die Börse hat sich schon daran gewöhnt, dass der Ölpreis immer neue Marken knackt, ausserdem rechnet die Mehrheit der Marktteilnehmer ohnehin damit, dass Brent weiter nach oben tendiert», sagt Kai Stefani, Analyst beim Dit. Eine Aktien-Baisse sei aber nicht zu befürchten, da Dividendenpapiere dank der günstigen Bewertung nach unten abgesichert erscheinen.

Für Sandra Ebner, Rohstoff-Expertin bei der Deka Bank, gibt es noch ein anderes Argument dafür, dass der teure Energieträger die Aktienhausse nicht in einen Bärenmarkt umkehren kann: «Gemessen an der Kaufkraft liegen die heutigen Ölnotierungen immer noch deutlich unter denen vom Anfang der 80er Jahre.» Real, also in heutiges Geld umgerechnet, habe der Preis des fossilen Brennstoffs zwischen 1979 und 1982 zwischen 60 und 80 Dollar gelegen. Bis das Öl Firmen und Verbraucher genauso belaste wie seinerzeit, sei also noch viel Platz nach oben ­- «zumal die ökonomische Abhängigkeit vom Öl nur noch halb so hoch ist wie damals», wie Ebner zu bedenken gibt.

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So weit die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Marktbeobachter sehen kaum Chancen, dass der Preis des Energieträgers für den Rest des Jahrzehnts noch einmal auf 25 bis 30 Dollar zurückfällt wie im Verlauf der 80er Jahre, also der Zeit des Aktien-Bullenmarkts. «Die Futures zeigen an, dass der Ölpreis bis 2010 wohl kaum merklich unter 50 Dollar sinken dürfte», resümiert Ebner, «die nächsten Jahre werden eine Zeit teurer Energie sein.» Wegen des bei steigender Nachfrage knappen Angebots rechnen andere Experten sogar damit, dass der Ölpreis auch real bald neue Rekordstände erklimmen wird: Sowohl technische als auch fundamental basierte Projektionen lassen Notierungen von 100 bis 150 Dollar pro Fass nicht unmöglich erscheinen.

Firmen bleibt weniger Gewinn

Es scheint also nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die hohen Rohstoffkosten massiv auf die Gewinne der Unternehmen und die Kauflaune der Verbraucher durchschlagen. Stefani sieht dann vor allem Konsumwerte unter Druck kommen: «Diese Firmen werden sowohl von der Kosten- als auch von der Einnahmenseite her Probleme bekommen.» Kreckel sieht neben Einzelhändlern vor allem Autobauer als Opfer der Ölpreishausse. Überraschenderweise könnten klassische Industrietitel hingegen relativ immun sein: «Hier beobachten wir, dass die Firmen die höheren Kosten gut an ihre Kunden weitergeben können.» Das schütze sie vor allzu hohem Margendruck. Die grossen Gewinner werden derweil natürlich die Ölkonzerne sein. Viele von ihnen sind mit einem niedrigen zweistelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis bewertet, Dividendenrenditen von 4% bis 8% sind keine Seltenheit. «Die Gewinnschätzungen basieren oft auf der kaum noch realistischen Annahme, dass der Ölpreis 2005 im Schnitt niedriger ist als 2004», so Kreckel. Der Stratege rechnet mit zahlreichen positiven Gewinnrevisionen bei Aktien von Ölkonzernen und empfiehlt, den gesamten Sektor überzugewichten.

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Daniel Eckert, Berlin