Die internationalen Tourismusexperten gehen mit Griechenland hart ins Gericht. Das Land habe es verpasst, die Trumpfkarte «Olympische Spiele» in einen wirtschaftlichen und touristischen Boom umzumünzen, ähnlich wie es die früheren Olympiastädte Barcelona und Sydney vordemonstriert hätten. Das Gastgeberland im östlichen Mittelmeer profitierte vom sportlichen Grossevent anfänglich auch nur wenig. Speziell im Olympiajahr und unmittelbar danach zeigte sich bei den Besucherzahlen keine Aufwärtstendenz. Doch das hat sich in der jüngsten Vergangenheit gewandelt. Eine zweistellige Zuwachsrate und neue Rekordwerte bei den einreisenden Gästen für das letzte Jahr stimmen Tourismusminister Aris Spiliotopoulos optimistisch. «Ich glaube, dass Griechenland speziell im touristischen Sektor einen Wettbewerbsvorteil hat», sagt er gegenüber der «Handelszeitung». Das Land sei sicher, modern und gastfreundlich.

Städtereisen

Mit einer zeitlichen Verzögerung schickt sich das EU-Mitglied nun an, die erste Neupositionierung für den Mega-Event von 2004 im touristischen Bereich noch konsequenter auszubauen. Die öffentliche Infrastruktur wird auf Vordermann gebracht. Neue Strassen werden gebaut, und Thessaloniki wird schon bald eine Untergrundbahn besitzen. Die zweitgrösste Metropole im Norden des Landes rückt damit neben Athen zu einer attraktiven Destination für Städtereisen auf. Mit dem New Akropolis Museum, das im kommenden September die Pforten öffnet, erhält die griechische Hauptstadt ein kulturelles Aushängeschild, das über die antiken Schätze hinaus durch eine zeitgenössische Architektur besticht. Tourismusminister Spiliotopoulos will die Hotelkapazität sukzessive erhöhen, ohne dabei das Landschaftsbild zu zerstören und die kulturelle Identität preiszugeben. «Wir ermutigen private Investments.» Grosse Hoffnungen setzt er in Projekte, die von Public Private Partnerships realisiert werden. Zwar gibt es auch da bürokratische Hindernisse zu überwinden, aber Spiliotopulos verspricht, die über sein Ministerium hinausreichenden Probleme zu lösen. Der «One-Stop-Shop» scheint für ausländische Investoren in Griffweite zu liegen. Wichtige Projekte wie integrierte Ferienresorts, Kongresszentren und Golfplätze sind über eine touristische Gesamtplanung garantiert. Mit diesem Trade-up versucht sich Griechenland einen höheren Marktanteil im hochwertigen Tourismussegment zu sichern. «Wir brauchen den Vergleich mit den fortschrittlichen Destinationen in Europa nicht zu scheuen», ist Spiliotopoulos überzeugt. Was er nicht sagt: Sein Land will die negativen Erfahrungen mit den hässlichen Retortenstädten an Spaniens Mittelmeerküsten nicht machen.

Damit sich die ambitiösen Wachstumsprognosen mit über 20 Mio Besuchern am Ende dieses Jahrzehnts konkretisieren, muss sich Griechenland neue Märk- te erschliessen. Im Vordergrund stehen Osteuropa, die Länder um das Baltische Meer, Lateinamerika und der Ferne Osten. Ein spezielles Augenmerk wird auf die neue städtische Mittelschicht in Russland und China gerichtet. «Bei diesen aufstrebenden Reisekunden wollen wir uns einen markanten Anteil holen», sagt Spiliotopoulos.

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Über 300000 Schweizer

Die traditionellen Märkte wie die Schweiz, Grossbritannien, Deutschland, Italien, Frankreich, Skandinavien und die USA sollen deswegen nicht vernachlässigt werden. Aus diesen Ländern stammt die Mehrheit aller Gäste, und entsprechend intensiv ist die Promotionstätigkeit der lokalen griechischen Tourismuszentralen. «Wir sind sehr glücklich, dass die Schweizer Besucher unser Land im Vergleich zu anderen Destinationen am Mittelmeer bevorzugen.» Über 300000 Schweizer haben Griechenland im letzten Jahr bereist, vor allem die Inseln im Ägäischen und Ionischen Meer. Negative Auswirkungen von den Waldbränden in Corinthia und Elia im letzten Spätsommer erwartet Spiliotopoulos nicht. Die Regierung habe alles unternommen, um die Schäden zu beseitigen und sofort mit der Wiederaufforstung zu beginnen.

NACHGEFRAGT 
«‹Grüne Investments› haben positiven Einfluss»

Aris Spiliotopoulos, Griechischer Tourismusminister

Griechenland ist eine klassische Touristendestination. Wie fällt die Bilanz für das abgelaufene Jahr aus?

Aris Spiliotopoulos: Mit 17 Mio Ankünften war 2007 für uns das erfolgreichste Jahr in der Tourismusgeschichte. Bereits in den drei vorangegangenen Jahren hat sich die Zahl der eingereisten Gäste jeweils zwischen 7 und 10% jährlich erhöht.

Ist dies auch die Folge der verstärkten Marketinganstrengungen?

Spiliotopoulos: Ja, wir haben realisiert, dass die Früchte nicht zu ernten sind, wenn wir zuvor nicht kräftig investieren. Die internationale Konkurrenz schläft keineswegs. Mit unserer Promotionskampagne wollen wir das moderne Image des Landes mit all seinen Erneuerungen aufzeigen.

Dann sind die Ziele für die kommende Sommersaison entsprechend hochgesteckt?

Spiliotopoulos: Ein stetiges Wachstum soll uns nicht nur in den nächsten Monaten, sondern über die kommenden Jahre hinweg in eine Spitzenposition bei den globalen Rankings bringen.

Wird die Entwicklung vom Staat speziell gefördert?

Spiliotopoulos: Wir streben eine qualitative Revolution beim Service und der Infrastruktur an. Die Promotion über die digitalen Verkaufskanäle wird verstärkt. Gleichzeitig wollen wir aber eine umweltbewusste Investitionspolitik betreiben. «Grüne Investments» haben einen positiven Einfluss auf den künftigen Touristenstrom, davon sind wir überzeugt.

Spielen da auch die Gelder von der Europäischen Union eine Rolle?

Spiliotopoulos: Ja, diese Subventionen sind für uns sehr wichtig. Bereits beim bisherigen EU-Programm zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit konnte der griechische Tourismussektor bis im letzten Herbst über 700 Mio Euro beanspruchen. Auch im neuen Programm bis 2013, das auf den Umweltschutz ausgerichtet ist, können wir mit rund 550 Mio Euro rechnen.

In welchen Bereichen wollen Sie in erster Linie vorankommen?

Spiliotopoulos: Die Ausweitung und Diversifikation des gesamten touristischen Angebotes steht im Vordergrund. Dazu gehören neue Kongresszentren, Luxushotels, Wellnessanlagen, Golfplätze und moderne Jachthäfen.

Wie stufen Sie die wirtschaft- liche Bedeutung der Branche ein?

Spiliotopoulos: Der Tourismus geniesst eine nationale Priorität. Jeder fünfte Arbeitsplatz entfällt auf diesen Sektor. Die Fortschritte bei der touristischen Erschliessung haben dem Land, speziell auch der jungen Generation, tausende an neuen Jobs eingetragen. Gegen eine Million Leute leben direkt oder indirekt vom Tourismus.