Es war ein Dezember in Zürich. Überall glänzten und glitzerten die Christbäume. Eine besonders grosse Tanne stand in der Lobby des Nobelhotels Park Hyatt. Es war ein besonderer Baum: An den Ästen hingen dutzende Päckchen, die Gäste für einen guten Zweck erwerben konnten – der Betrag ging an Waisenkinder. Viele der gut betuchten Gäste griffen gleich ins Portemonnaie – nicht so der russische Oligarch Viktor Vekselberg (51). Der Milliardär, der ebenfalls im «Hyatt» logierte, nahm seinen Fahrer beiseite und bat ihn, am 23. Dezember nochmals beim Hotel vorbeizufahren. Hingen dann noch Päckchen am Baum, solle er alle kaufen – er, Vekselberg, wolle nicht, dass ein Kind zu kurz käme.

Solch anrührende Geschichten über den russischen Grossindustriellen gibt es viele. Offensichtlich hat Vekselberg, im Vergleich zu anderen russischen Oligarchen, eine ausgeprägtere philantropische Ader. Das Business verliert der promovierte Mathematiker dennoch nie aus den Augen.

1988 erkannte er frühzeitig die Zeichen der Zeit und gründete die Kompanie Vekselberg. Geschäfte machte er damals unter anderem mit seinem Studienkollegen Len Blavatnik. Der emigrierte 1978 in die USA und gründete dort die Beteiligungsfirma Access Industries, die später unter anderem in Shell, BASF und Warner investierte.

Vekselberg, der in Russland blieb, zog ein lukratives Geschäft mit Kupferrecycling auf – bis der Staat seine Aktivitäten unterband. Danach importierte die Firma Computerhardware aus dem Westen. Mit seiner ersten Million stieg Vekselberg ins Aluminiumgeschäft ein. 1990 gründete er die Vorläufergesellschaft der heutigen Renova in Russland.

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Mittlerweile gehören Vekselbergs Industrieimperium Ölkonzerne, Metallurgiebetriebe, Aluminiumschmelzen, Stromerzeuger, Maschinenbauer (OC Oerlikon) und Industriezulieferer (Sulzer). Insgesamt kontrolliert Renova rund 50 Firmen mit über 100000 Angestellten.

Der Energiebereich gehört zu den wichtigsten strategischen Sektoren von Renova. In Russland ist die Gruppe, vertreten durch Integrated Energy Systems, den führenden Stromanbieter des Landes. In Europa agiert Renova über die Firma Avelar. Die vor rund eineinhalb Jahren gegründete Tochter mit Sitz in Zürich soll Nischen im Energiebereich ausfindig machen – etwa in der Windenergie – und Beteiligungen aufbauen. Im vergangenen November bildete Avelar mit der Schweizer Atel eine Gemeinschaftsfirma in Italien. Ein nächstes Investment will Avelar in Kürze bekannt geben.

Nicht geplant ist jedenfalls der Aufbau eines integrierten, international agierenden Stromkonzerns.

Streit um Ölkonzern TNK-BP

Zu den Kronjuwelen des Vekselbergschen Imperiums gehören neben dem 7,8%-Anteil am weltgrössten Aluminiumproduzenten Rusal die mehrere Milliarden schwere 12,5%-Beteiligung an Russlands viertgrösstem Ölkonzern TNK-BP (siehe Grafiken). Hier zeichnen sich allerdings markante Veränderungen ab.

Seit einigen Monaten schwelt ein Streit zwischen dem russischen Aktionärskonsortium AAR und dem britischen Partner BP um die strategische Ausrichtung des Konzerns. Involvierten Kreisen zufolge fordert AAR Reinvestitionen im grossen Stil, um TNK-BP auch international zu positionieren. Die Briten dagegen halten sich TNK-BP Beteiligten zufolge als Cashcow und zeigen wenig Interesse an den russischen Expansionsgelüsten. Seit der Streit vor wenigen Wochen eskalierte, kursieren wilde Gerüchte über das weitere Schicksal des Konzerns. Involvierten Kreisen zufolge kommt ein Verkauf der AAR-Beteiligung nicht in Frage.

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Spekuliert wird nun, ob der Kreml ein Machtwort spricht – etwa indem er BP «nahe legt», die 50%-Beteiligung zu veräussern, beispielsweise an Marktleader Gazprom. Beteiligte dementieren allerdings vehement, dass der Kreml sich einzumischen gedenke.