Novartis hat einen, Roche, Migros oder Coop auch, ebenso der weltgrösste Stromkonzern Electricité de France (EDF) oder die deutsche Stromgrösse RWE: Einen Umweltbericht, der heute zur Corporate Governance gehört. Anders in der Schweiz. Die Stromwirtschaft glaubte lange, sich und der Öffentlichkeit keine Rechenschaft über ihre Umwelteinwirkungen schuldig zu sein. Bis heute: Gegenüber der «Handelszeitung» kündigen die Verantwortlichen der grössten Energieversorger an, demnächst Umwelt- oder Nachhaltigkeitsberichte vorlegen zu wollen.

Der CEO der Nordostschweizer Axpo Holding AG, Heinz Karrer, bestätigt: «Wir bereiten eine Umweltberichterstattung vor. Aber der Teufel liegt im Detail.» Probleme bereitet etwa, wo Systemgrenzen beim Umweltverbrauch gezogen werden sollen, was Karrer besonders sorgfältig auszuarbeiten verspricht. Frage etwa: Wie werden die Natureinwirkungen von Wasserkraftanlagen gemessen?


Emissionen werden steigen

Beim Berner Elektrizitätsversorger BKW FMB Energie AG ist das Defizit identifiziert. Sprecher Antonio Sommavilla räumt ein: «Wir haben tatsächlich noch keinen Umweltbericht – aber die Planungen für einen Nachhaltigkeitsbericht haben wir intensiv an die Hand genommen.» Er macht auf einen weiteren Punkt aufmerksam, welcher die eidgenössischen Elektrizitätswerke noch beschäftigen dürfte: «In unmittelbarer Zukunft werden die Emissionen steigen, da die BKW die Energieträger Gas und Kohle nutzen wird.» Allerdings ist die BKW eines jener Werke, die seit langem die Umweltzertifikate der Naturemade-Organisation unterstützen. Einer Vereinigung von Umweltschützern und Energieverteilern, die mit
dem Zertifikatsystem Nature-made Star ökologische Mehrwerte versprechen. Dass der Mythos der eidgenössischen Strom-Umweltneutralität nicht so ganz den Fakten standhält, wird unterdessen auch den Stromverbrauchern klar. Seit der gesetzlichen Pflicht zur Stromdeklaration wundern sich Bezüger über die Anteile «unbekannter Herkunft». Selbst in Berggemeinden, zu angeblich 100% aus heimischer Wasserkraft versorgt, gibt es hohe Anteile «Stromherkunft unbekannt.» Im Schnitt macht er rund 25% des Bezugs aus, zuweilen viel mehr. Darüber fehlen vergleichbare Zahlen. Der unbekannte Teil steigt beständig, weil grosse Mengen Wasserkraft als Ökostrom ins übrige Europa verkauft werden. Das ist gut fürs Geschäft und das Image – aber dieser Strom fehlt hierzulande und wird durch Importe kompensiert.

Anzeige

Die Zahlen sind so irritierend, dass die Nachfrage nach robusten Daten täglich wächst. Zudem hat die Westschweizer EOS Holding kalkuliert, dass die angeblich emissionsfreie eidgenössische Elektroenergie bereits mit 12 g CO2 pro Kilowattstunde behaftet ist. Wenig im Vergleich mit den durchschnittlich 350 g/kWh in Europa, aber eben: CO2-frei ist anders.

Die Westschweizer, welche in Sachen Umweltschutz eher den Ruf von Laisser-faire haben, sind beim Umweltreporting den Deutschschweizern ein Stück voraus: Darauf macht Anne Favatier, Marketingbeauftragte der Services Industriels de Genève (SIG), aufmerksam. Favatier, die einen der wenigen Umweltberichte eines helvetischen Energieversorgers vorlegt, führt einen Teil der grossen Beachtung ihrer Ökoprodukte auf die hohe Glaubwürdigkeit der SIG in diesen Fragen zurück.