Nachdem Asiens Konjunktur in den letzten Jahren stark zum Wachstum der europäischen und amerikanischen Wirtschaft beigetragen hat, soll ihre Dynamik die grossen Industrienationen vor der Rezession retten. Die Hoffnungen, die in Asien gesetzt werden, sind begreiflich: Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben im Juli für die USA für 2009 eine Zunahme des realen Bruttoinlandproduktes von 0,8% und für die Eurozone von 1,2% vorhergesagt. Das sind Werte nahe der Rezessionsschwelle.

Die sich entwickelnden Nationen Asiens sollen hingegen mit 7% wachsen, wobei für China 9,8% und für Indien 8% erwartet werden. Allerdings sind diese Prognosen mit Risiken behaftet. Denn Warnsignale für Asiens Volkswirtschaften sind überall auszumachen. Am kondensiertesten im vorauseilenden Konjunkturindikator der OECD für die fünf grössten Industrienationen.

Chinas Wirtschaft: Vierjahrestief

Dieser Index ist in einen steilen Abwärtstrend übergegangen (siehe Grafik). Das passt zur Tendenz in Asiens Aktienmärkten. So ist der Shanghai Composite Index vom 19. Oktober 2007 von 6124 bis auf 1802 (19. September) abgestürzt. Der Dow Jones Asian Titans 50 Index ist seit dem 2. November 2007 36% gesunken. Was sich in den Konjunkturindikatoren und den sensibel reagierenden Aktienmärkten zeigt, reflektiert sich auch in Wirtschaftsmeldungen aus Asien.

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So schätzt Chinas Regierung, dass die Wirtschaft im 4. Quartal 2008 mit 9,5% expandiert, was der tiefste Wert seit vier Jahren ist. In Taiwan ist das Wachstum für Aufträge für die Exportindustrie im Juli mit 5,52% gegenüber dem Vorjahr auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gesunken. Grund ist eine schwächere Nachfrage aus den USA, aber auch aus China. Somit verwundert es wenig, dass die Experten der Asian Development Bank (ADB) eine ganz andere Sichtweise der Dinge haben. In dem am 16. September 2008 veröffentlichten Asian Development Outlook nennen sie eine «sich hinziehende Wachstumsverlangsamung in den wichtigen Industrienationen» als eine der Risiken für Asiens Konjunktur.

Die Region sei hinsichtlich der Exporte sehr stark von den industrialisierten Nationen abhängig und habe sich nicht von deren Wirtschaftszyklen entkoppeln können. Asiens Volkswirtschaften haben noch mit anderen Problemen zu kämpfen. Die beiden wichtigsten und miteinander zusammenhängenden sind die hohen Inflationsraten und die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise. Letztere werden nicht nur als Gefahr für die Preisstabilität angesehen, sondern auch für die Konjunktur. So sagte der Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Jean-Pierre Roth, anlässlich der geldpolitischen Lagebeurteilung im Juni, die hohen Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise schmälerten die Einkommen in Asien drastisch. Damit stehen Asien Notenbanker wie ihre Kollegen in den Industrienationen vor der Frage, was zuerst gesichert werden muss: Die Preisstabilität oder das Wachstum.

Immerhin sind in Indien die Grosshandelspreise im August 12,34% gestiegen, und in den Philippinen hat sich das Geld, gemessen am Konsumentenpreisindex, im August um 12,3% entwertet. Chinas Notenbank beginnt derweilen, das Steuer wieder Richtung einer lockereren Geldpolitik herumzuwerfen, und Indiens Zentralbank steht unter Druck, die Zügel stärker anzuziehen.

Erinnerungen an die 90er Jahre

Chinas Schwenker dürfte nicht nur durch die Sorge um die Wirtschaft ausgelöst worden sein, sondern auch durch die zunehmenden Risiken, die von fallenden Aktienkursen und sinkenden Immobilienpreisen ausgehen. So berichtet die «Shanghai Securities News», die Preise für neue Häuser seien in Schanghai im Juli gegenüber Juni 24% eingebrochen. Die anderen offenen Flanken der Volkswirtschaften Asiens sind steigende Budgetdefizite, sinkende Leis-tungsbilanzüberschüsse und schwächelnde Währungen. Das sind Konstellationen, die an die Asienkrise der späten 90er Jahre erinnern.

Korrektur bei Investitionsgütern

Allerdings: Im Vergleich zu damals sind Asiens Regierungen vorsichtiger geworden. So wurden in einigen Nationen die Subventionen für Treibstoffe gekürzt, als klar wurde, dass die Defizite ausser Kontrolle zu geraten drohten. Ein weiteres Plus für Asiens Volkswirtschaften dürfte sein, dass deren Banken sich weniger stark im US-Immobilienmarkt engagiert haben als jene der westlichen Industrienationen. Allerdings bleiben für Asiens Banken die Risiken in ihren eigenen Volkswirtschaften.

Bei der Abwägung der unterschiedlichen Faktoren muss realistischerweise davon ausgegangen werden, dass Asiens Wirtschaftswachstum gefährdet ist. Dass Asien nun einfach in eine Krise wie Ende 90er Jahre schlittert, erscheint auch wenig realistisch. Die gröss-ten Schwierigkeiten dürften für Firmen aus den Industrienationen auftauchen, die im Bereich der Produktion von Investitionsgütern tätig sind. Hier dürfte es zu den stärksten Anpassungen kommen, wurde doch der Boom durch zuvor billiges Geld angeheizt.