FINANZKRISE. Spitzenbanker sehen die Krise an den weltweiten Finanzmärkten noch längst nicht ausgestanden. Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzender Josef Ackermann beobachtet nach den jüngsten Ankündigungen weiterer Abschreibungen von US-Banken und einiger europäischer Adressen eine «in den letzten Tagen merklich erhöhte Nervosität». Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller sagte auf der gleichen Veranstaltung in Frankfurt: «Es ist noch viel zu früh, um bei diesem Thema Entwarnung zu geben.» Einige US-Banken, wie die Bank of America und Bear Stearns, hatten in der Vorwoche weitere Wertberichtigungen für das 4. Quartal 2007 in Milliardenhöhe angekündigt.

Analysten von Goldman Sachs trugen am Montag mit der Einschätzung zur Unruhe bei, dass allein die grösste US-Bank Citigroup in den kommenden Monaten noch einmal 15 Mrd Dollar abschreiben muss.

Turbulenzen weiten sich aus

Für zusätzliche Nervosität sorgte die Erkenntnis, dass die Probleme in Zusammenhang mit den Turbulenzen bei US-Immobiliendarlehen nicht mehr nur auf Banken beschränkt sind. Der weltgrösste Rückversicherer Swiss Re überraschte zu Wochenbeginn ebenfalls mit hohen Abschreibungen. Die Kurse von Finanzaktien sanken daraufhin auf breiter Front und zogen den Deutschen Aktienindex Dax mit nach unten. Demgegenüber erhöhten sich die Notierungen am Anleihenmarkt, weil Investoren derzeit Risiken scheuen und ihr Geld möglichst sicher anle-gen. «Wirklich klar sehen werden wir erst, wenn testierte Jahresabschlüsse der Institute im kommenden Frühjahr vorliegen», sagte Müller, der auch Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken ist. Experten gehen davon aus, dass der weltweite Abschreibungsbedarf bei 200 bis 250 Mrd Euro liegt. Bislang addieren sich die von Finanzinstituten ausgewiesenen Wertberichtigungen erst auf rund 50 Mrd Euro. Die anlässlich der «Euro Finance Week»-Konferenz versammelten Branchenvertreter sehen für heimische Kreditinstitute keinen Anlass zu besonderer Sorge. Heinrich Haasis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, machte aber deutlich, dass «kaum ein Institut von den Marktveränderungen gänzlich unbeeinflusst bleibt» – dezentrale Gruppen wie Sparkassen und Genossenschaftsbanken «sicherlich deutlich weniger als international orientierte Institute». Die Gefahr für die Weltkonjunktur wird allgemein aber als gering eingeschätzt. Eine globale Rezession hält Ackermann für «nicht wahrscheinlich». Er verwies auf die guten Unternehmenserträge und das solide Wachstum in vielen Schwellenländern, den Öl exportierenden Staaten und Europa. Die Bundesbank geht in ihrem Monatsbericht zwar davon aus, dass nicht zuletzt die Finanzmarktkrise die Konjunkturrisiken in Deutschland erhöht habe. «Die positive Grundtendenz für die kommenden Monate ist dennoch nicht in Frage gestellt», betont Ackermann. Dafür sorge vor allem die Industrie. Der Auftragsbestand reiche drei Monate voraus und befinde sich auf einem ungewöhnlich hohen Niveau.