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Rezyklierter Kult: Endress+Hauser

Apple-Laden in Schanghai: Mit Seltenen Erden aus den Trümmern alter iPhones lässt sich viel Geld verdienen.

Das neue iPhone kommt für den Technologiekonzern wie gerufen. Mit der Verwertung der alten Smartphones verdient er Millionen.

Von Bernhard Fischer
am 12.09.2012

Kaum stellt Tim Cook die neueste Generation der Apple-Gadgets vor, erlangen sie schon Kultstatus. Die Besitzer wollen ihr altes iPhone schnellstmöglich gegen ein neues, cooleres ersetzen. Das ist die Stunde von Endress+Hauser (E+H). Was Apple zusammenbaut, das hilft das Reinacher Unternehmen später zu zerlegen.

Eine Fraktioniermaschine häckselt auch das neueste iPhone in Hunderte murmelgrosse Einzelteile. Auf einem Förderband werden die Metallstücke mit ­einem Magnet vom Kunststoff getrennt. Anschliessend kommen die Metalle in eine Lösung. Das gröbere Material sinkt ab, die feineren Teile schwimmen an der Oberfläche. Übrig bleiben Edelmetalle wie Gold, Palladium, Silber und Beryllium.

Das Schweizer Industrieunternehmen E+H liefert die Mess- und Automatisierungstechnik für die Fraktioniermaschine. Grosse Abnehmer wie Aurubis und Alba in Deutschland oder Outotec in Finnland verdienen mit der Extraktion von Kupfer, Metallen und Seltenen Erden aus elektronischen Altgeräten Millionen. Aus einem Gerät werden Rohstoffe im Wert von 80 Rappen gezogen.

Starkes Wachstum mit Recycling

Was Trendforscher lässig als «Urban Mining» bezeichnen, bedeutet für die Lieferanten der dazu notwendigen Prozesstechnologien ein gutes Geschäft. Denn die Smartphones sind kleine Rohstofflager. Aus Teilen eines iPhones wird später eine Zahnfüllung, ein Ehering oder ein neues Handy.

Mittlerweile gibt es Hunderte Unternehmen, die sich auf das Recycling von Mobiltelefonen spezialisiert haben. Das sind die Kunden von E+H. «Mit den Geräten, die wir dafür liefern, setzen wird derzeit zwar nur einen einstelligen Millionenbetrag um, aber es ist ein heisser Markttrend», sagt Vertriebschef Michael Ziesemer. Er geht für die nächsten Jahre von zweistelligen Wachstumsraten aus. In der Vergangenheit wurden Handys vorwiegend von Kinderhänden in Westafrika auseinandergenommen. Das führte zu ethischen und sozialen Problemen. Deswegen werden die Prozesse nun automatisiert.

E+H sucht nach neuen Geschäftsfeldern wie diesem. Denn seit 2011 hat das Familienunternehmen an mehreren Fronten zu kämpfen. Von 2010 auf 2011 stieg der Gruppenumsatz zwar um 16 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. An diese Zahlen dürfte der Konzern dieses Jahr jedoch nicht anknüpfen. Gerechnet wird mit einem Umsatzplus von 11 Prozent.

Gründe für den Rückgang gibt es einige. Die Atomkatastrophe in Japan sowie Überschwemmungen in Thailand zerstörten Mikroprozessoren für die E+H-Geräte. Auch wenn die Produktionsengpässe weitgehend behoben wurden, drohen andernorts neue Probleme.

In Nigeria schnürt die Regierung für Ölfördergesellschaften wie Shell und deren Unterlieferanten – darunter E+H – das Korsett enger, um die Wertschöpfung im Land zu halten. Der Ölkonzern Shell verkaufte seine 30-Prozent-Beteiligung im Wert von 400 Millionen Dollar an der Oil and Mining Lease 34 im Niger-Delta an die lokale ND Western Limited, um die neuen Regierungsauflagen zu erfüllen. E+H hat für diese Region einen Fünfjahresvertrag im oberen einstelligen Millionenbereich mit Shell. «Bei diesem Projekt dauert es noch Jahre, bis sich das in den Geschäftszahlen niederschlägt», sagt Gruppenchef Klaus Endress. Der Beteiligungsverkauf werde sich auch auf E+H auswirken.

Zudem beschloss die Regierung Kirchner in Argentinien – ein ebenso wichtiger Wachstumsmarkt für E+H –, dass nur noch importierende Firmen exportieren dürfen. «Viele unserer Kunden haben dichtgemacht, jetzt müssen wir unser Geschäftsmodell überdenken», sagt Endress.

Anpassung der Strategie

Aufgrund dieser Probleme passt die Konzernführung in den nächsten Wochen beim jährlichen Meeting ihre Strategie an. Endress verrät die Eckpunkte: «Wir werden in Argentinien auf Direktimporte umstellen, und die Kunden, welche die Ware von uns kaufen, sollen die Geräte exportieren. Im Gegenzug verlangen wir eine Provision.»

Auch in China laufen die Geschäfte nicht so wie erwartet. Viele Grossprojekte wurden sistiert. «Was noch läuft, sind Wasserkraftanlagen, die nachbetreut werden müssen», sagt Endress. Andere Projekte seien rückläufig. Künftig wolle man sich kleineren Geschäften und Dienstleistungen widmen. Dafür brauche es zwar mehr Leute im Vertrieb, aber die Margen seien höher.

Marketing und Projektmanagement werden deshalb zusammengelegt und gruppenweit von der Schweiz aus geleitet. Dafür soll eine neue Management-Posi­tion am Firmensitz in Reinach BL geschaffen werden. Der neu berufene Top-Manager muss sich nicht nur mit Problemen im Ausland herumschlagen. Auch in der Schweiz gibt der Atomausstieg Endress zu denken. «Investitionen in diesem Bereich sind aufgrund kurzfristiger politischer Entscheidungen versenkt», sagt Endress. Die schwindenden Geschäftsaussichten für E+H sollen durch Komponenten für Gas- und Dampfkraftwerke kompensiert werden.

Der starke Franken bremst den Ausbau in der Schweiz zusätzlich. «Die Währung ist ein Drama. Der Frankenkurs von 1.20 ist immer noch sehr ungünstig.» Dennoch will Endress die Entwicklung im Land halten. Die geplanten Bauten in Reinach für rund 15 Millionen Franken werden fertiggestellt. Doch der Standort wird «entlastet» und mit dem zusätzlichen Ausbau im Elsass und damit im günstigeren Euro-Raum kompensiert.

Biotech als weiteres Standbein

Günstiger ist für das Unternehmen auch der Dollar. In den USA erwarb E+H 40 Prozent an der Biotechfirma Finesse Solutions in Kalifornien. Es besteht die Absicht, Finesse vollständig zu kaufen. Damit hat der Konzern in einer weiteren Wachstumsbranche den Fuss in der Tür. Endress rechnet nicht nur beim Recycling, sondern auch in der Biotechnologie mit hohen zweistelligen Millionenumsätzen.

Denn bis zur nächsten iPhone-Generation könnten wieder zwei Jahre vergehen. In der Zwischenzeit schlummern Milliarden ausgedienter Handys weltweit noch in den Schubladen der Konsumenten.

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