Die Lage für den britischen Ölkonzern BP wird immer bedrohlicher. Eine Expertenkommission der US-Regierung hat geschätzt, dass die Menge des auslaufenden Öls im Golf von Mexiko doppelt so hoch ist wie bisher angenommen. Statt knapp 19 000 Barrel (je 159 l) könnten es gemäss den Wissenschaftlern zufolge bis zu 40 000 Barrel pro Tag sein, die aus der Ölquelle sprudeln. Etwa 15 000 Barrel davon werden allerdings seit einiger Zeit täglich von einem Tankschiff aufgesaugt. Das auslaufende Öl pro Tag entspricht der Ladung von 14 500 Tankwagen.

Rekordhohe Ölmenge

Nach der aktuellen Schätzung sind seit der Explosion der Plattform Deepwater Horizon am 20. April 160 Mio bis 380 Mio l Öl ins Meer geflossen.

In den vergangenen sieben Wochen seit Beginn der Ölpest könnte demnach fast sechsmal so viel Öl ins Wasser geraten sein wie nach dem Unglück des Tankers «Exxon Valdez» 1989 vor der Küste Alaskas. Bis zum Untergang der Deepwater Horizon galt die Havarie des Exxon-Tankers als die grösste Ölpest der US-Geschichte.

Das zusätzliche Öl ist nicht nur für die Umwelt eine Katastrophe, sondern auch für BP. Denn jeder entwichene Liter mehr erhöht die Kosten des Ölkonzerns. Bislang zahlte BP 1,4 Mrd Dollar für Reinigung und Entschädigungen. Neben den blossen Folgekosten der Ölpest kann die US-Regierung auch Strafzahlungen von BP verlangen. Gemäss US-Gesetz darf die Regierung pro Barrel maximal 4300 Dollar erheben. Bei 40 000 Barrel am Tag wären dies 172 Mio Dollar täglich.

Anzeige

Der demokratische Kongressabgeordnete Ed Markey warf dem Konzern deswegen vor, zur Menge des Öls bewusst gelogen zu haben.

Desolater Sicherheitsbericht

BPs Glaubwürdigkeitsproblem wird immer grösser, zumal sich der Konzern offenbar kaum vorbereitet hat. Wie jetzt bekannt wurde, war ein vor einem Jahr abgegebener Sicherheitsbericht für die gesunkene Ölplattform Deepwater Horizon gespickt mit Fehlern. BP hat also wesentlich weniger Sorgfalt im Bereich Unfallschutz walten lassen als behauptet. Dafür müssen nun die Tiere und Menschen an den Küsten von Louisiana, Alabama und Florida bezahlen. Reporter von Associated Press haben einen Notfallschutzplan für die BP-Bohrinseln im Golf von Mexiko analysiert. Der 582-Seiten-Bericht wurde 2009 der US-Regierung vorgelegt und von dieser abgenickt.

Schockierenderweise ist darin so ziemlich alles falsch, was falsch sein kann. Als Naturschutzberater für eine mögliche Ölpest ist etwa Professor Bob Lutz mit seinen Kontaktdaten an der Universität Miami aufgeführt. Lutz arbeitete aber schon seit 20 Jahren nicht mehr in Miami und verstarb vier Jahre bevor der Bericht genehmigt wurde. Auch die Namen und Telefonnummern von Meeresbiologen der Universität Texas waren falsch. Die angegebenen Büros des Tierhilfsdienstes in Louisiana und Florida sind schon lange geschlossen. Als zu schützende Tiere werden Walrosse, Seeotter, Seelöwen und Robben genannt. Keines dieser Tiere lebt im Golf von Mexiko.

In dem Bericht wurde die Gefahr für Tiere und Umwelt jedoch ohnehin als gering eingeschätzt. Selbst bei dem Zehnfachen der heute tatsächlich ausfliessenden Menge würde das Öl niemals bis zur Küste gelangen: «Wegen der Entfernung bis zur Küste (48 Meilen) und der eingesetzten Schutzvorrichtungen sind keine signifikanten Folgen zu erwarten», hiess es in dem Bericht. In der Realität erreichte das Öl neun Tage nach der Explosion der Plattform die Küste. Durch den Golfstrom gelangte das Öl sogar bis zur Küste Floridas. Der Golfstrom ist überhaupt nicht im Notfallschutzplan erwähnt. Mehr als 400 mit Öl verschmutzte Vögel wurden mittlerweile behandelt, Dutzende wurden tot angeschwemmt. Zu den verendeten Tieren gehören auch mehr als 200 Schildkröten und einige Delfine.

Als für die Hilfe bei der Reinigung zuständige Firma nennt BP im Bericht die Marine Spill Response Corp. Der Link zur angegebenen Website führt zu einer nicht mehr existierenden Internetseite in japanischer Sprache. Für den Katastrophenfall behauptete BP in ihrem Bericht, bis zu 540000 Barrel Öl pro Tag aus dem Meer saugen zu können. De facto konnte der Konzern in den ersten sechs Wochen gar kein Öl abfangen und schafft seit Anfang dieser Woche rund 15 000 Barrel pro Tag. Das entspricht weniger als 3% der versprochenen Menge.

Ein BP-Sprecher wollte sich nicht direkt zum fehlerhaften Schutzplan äussern. Die US-Behörden untersuchten den Unfall und die Schuldfrage, hiess es. Dabei werde dann auch der Schutzplan geprüft.