Wie lange können Printmedien noch rentabel sein?» Das hat sich das Management um CEO Marc Walder von Ringier Schweiz gefragt. Und ist zum Schluss gekommen: «Wir brauchen in Zukunft noch andere, neue Einnahmequellen.» So steigt Ringier auf Anfang 2010 ins Ticketgeschäft ein, wird Veranstalter von klassischer Musik, und bald schon soll in einer Partnerschaft eine Agentur für Stars geschaffen werden. Zurzeit wird mit Tempo auch an einer Fashionweek in Zürich und an einer Energy Fashion Night gearbeitet. Die Diversifikation von Ringier ist mit der Beteiligung an Betty Bossi und am Konzertveranstalter Good News schon vor langer Zeit eingeleitet worden.

Gewinn mit Sandwiches

Mit der Strukturkrise der Printmedien mutiert Ringier nun zum Entertainmentkonzern, bei dem Bereiche ausserhalb der klassischen Medien massiv verstärkt werden. Im vergangenen Sommer gründete Ringier Schweiz als Folge der neuen strategischen Ausrichtung den Geschäftsbereich «Entertainment, Electronic Media & Events». Der neue Bereich umfasst Engagements bei Eventim CH, Teleclub, Classical Company, Rose d’Or, Energy Zürich, Radio BE1, Sat 1 Schweiz, Presse TV, Good News sowie das TV- und Filmproduktionsangebot von Ringier TV.

Walder ist überzeugt, mit dieser Strategie den Ausweg aus der Krise zu finden: «Während der Werbemarkt eingebrochen ist, haben Good News und Betty Bossi ein sehr gutes Jahr hinter sich», sagt er - ohne das aber mit Zahlen zu belegen. Betty Bossi gehört je zur Hälfte Ringier und Coop.

«Ringier verdient nicht nur an den Printprodukten von Betty Bossi, sondern auch am Verkauf von Küchengeräten und am Lizenzgeschäft», sagt Walder. Konkretes Beispiel: Jedesmal, wenn Coop ein Sandwich mit Betty-Bossi-Logo verkauft, verdient Ringier mit.

Auch das Engagement bei Good News baut auf Partnerschaft. Der Konzertveranstalter gehört je zur Hälfte Ringier und der Deutschen Entertainment AG. Beflügelt durch den Erfolg von Good News, die hierzulande Marktführerin ist, gründen die beiden Partner nun den Veranstalter The Classical Company, der auf klassische Konzerte spezialisiert ist.

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Ganze Wertschöpfungskette

Diese Agentur will populäre Stars wie Operndiva Anna Netrebko in die Schweiz holen. «Bereits konnten wir den Pianisten Lang Lang für drei Konzerte im Februar gewinnen», frohlockt Walder.

Ein Dorn im Auge ist Ringier, dass Ticketcorner bei jedem gros-sen Konzert im Hallenstadion in Zürich mitverdient. Nachdem eine Beteiligung an Ticketcorner wegen eines zu hohen Preises scheiterte, gründet Ringier zusammen mit dem europäischen Ticketvermarkter CTS Eventim einen neuen Schweizer Ticketprovider. «Damit will Ringier zum führenden Schweizer Ticketing-Unternehmen werden.» Walder zielt auf die gesamte Wertschöpfungskette - von der Promotion in den eigenen Medien über das Billettgeschäft bis zur Konzertveranstaltung. Für 2010 sind Good News im Verbund mit Ringier aber die Hände gebunden, denn solange läuft noch der Vertrag mit Ticketcorner.

Ist eine solche Wertschöpfungskette nicht auch gefährlich? Und verträgt sich das mit gutem Journalismus? Werden Ringier-Medien kritisch über Veranstaltungen und ihre Stars berichten können, wenn sie damit dem neuen Geschäft schaden? Walder sieht da kein Problem. «Unsere Medien sind journalistisch unabhängig.»

Walder hat als Journalist die Nöte von Stars und Sternchen kennen gelernt, die sich über mangelnde Betreuung beklagen. «Das hat mich auf die Idee gebracht, zusammen mit einem Partner eine Ringier-Agentur für Künstler und Sportler zu gründen.» Noch ist die Agentur aber nicht spruchreif.

Unter Hochdruck wird auch an einer Fashionweek gearbeitet. «In Zürich wird sehr viel Geld für Mode ausgegeben. In allen grossen Metropolen der Welt organisiert IMG Fashion Weeks, nur in Zürich nicht - hier liegt unsere Chance.» Bekannte Models wie Gisele Bündchen, Kate Moss und Heidi Klumm laufen für IMG. Solche Modewochen möchte Walder zusammen mit IMG auch in Zürich präsentieren. Doch lässt sich damit auch Geld verdienen? «Ja, mit drei, vier grossen Sponsorpartnern wie beispielsweise Mercedes - und natürlich mit dem Ticketerlös.» Zusätzlich zur Fashionweek möchte Wabler eine Energy Fashion Night im Zürcher Hallenstadion organisieren: Ein Lifestyle-Event mit junger Mode, Musik und Happening, der über Ringier-Medien gepuscht und medial ausgeweidet werden kann. Laut Walder soll Ringier in Zukunft auf drei gleich starken Säulen stehen. Die erste Säule sind die klassischen Medien mit der «Blick»- Gruppe, «Schweizer Illustrierten», «Glückspost», «Bolero», den welschen Printmedien und den Druckereien. Sie generiert als Kerngeschäft heute drei Viertel des Umsatzes. Die zweite Säule baut auf transaktionsbasierten Internetseiten wie Geschenkideen und Scout24 und macht heute rund 10% des Umsatzes aus. Und die dritte Säule bildet der neue Geschäftsbereich Entertainement, Electronic Media & Events mit rund 15% Anteil am Umsatz. «In zehn Jahren werden diese Bereiche gleichwertig sein und je ein Drittel von Ringier Schweiz umsetzen», glaubt Walder. Das Projekt ist wegweisend: «Das neue Geschäftsmodell von Ringier Schweiz spielt auch Vorreiterrolle für die osteuropäischen Länder, in denen Ringier tätig ist.»