Die Internationalen Rechnungslegungsgrundsätze (IFRS) konnten sich in den letzten Jahren in der Finanzberichterstattung weltweit durchsetzen. Selbst die Börsenaufsichtsbehörde in den USA akzeptiert seit einigen Jahren IFRS-Jahresrechnungen ausländischer Unternehmen. Diese Entwicklung ist aufgrund der Globalisierung der Finanzmärkte zu begrüssen. Die Rechnungslegungsstandards bergen aber auch einige nicht zu unterschätzende Gefahren.

Die IFRS bewegen sich seit einiger Zeit weg vom Anschaffungs- oder Niederstwertprinzip hin zu einer Bewertung basierend auf aktuellen Marktwerten (Fair Value Accounting). Grundsätzlich ist nichts gegen eine Bewertung zu Marktwerten einzuwenden. Echte Marktwerte bedeuten in der Regel für den interessierten Leser von Jahresrechnungen bessere Informationen als beispielsweise alte Anschaffungskosten. Probleme ergeben sich jedoch immer dann, wenn Märkte nicht oder nicht mehr liquide sind und deshalb für die Bewertung auf wenig transparente und beeinflussbare mathematische Bewertungsmodelle zurückgegriffen wird. Die Aktiven und Passiven einer IFRS-Bilanz sind zudem alles andere als einheitlich bewertet. Das resultierende Eigenkapital als Differenz von Aktiven und Passiven entspricht somit einer eigentlichen Zufallsgrösse. Ein Beispiel unterschiedlicher Bewertungen sind die langfristigen Rückstellungen nach IAS 37, welche zum Barwert (dem aktuellen Marktwert) zu bewerten sind. Bei den mindestens ebenso langfristigen latenten Steuern unter IAS 12 ist eine Abdiskontierung jedoch explizit verboten. Diese unterschiedliche Bewertung lässt sich weder theoretisch noch praktisch erklären. Auch die Möglichkeit, die Schulden des bilanzierenden Unternehmens zu Marktwerten zu bewerten, hat sich in der Finanzkrise als Bumerang erwiesen. Bei schlechtem Geschäftsgang erlaubt diese «Marktwertbilanzierung» die Verbuchung von Gewinnen aufgrund der Reduktion des Marktwertes der eigenen Schulden. Leider sind diese Buchgewinne im Zeitpunkt einer Erholung des Geschäftes wieder als Aufwand auszubuchen, was dem Kapitalmarkt nur schwer zu erklären war.

Gefahren der Bilanzierungsfreiheit

Bilanzierung nach dem Grundsatz des True & Fair View basiert auf dem Grundsatz, dass das effektiv erzielte Ergebnis frei von jeder Beeinflussung durch den Bilanzierenden dargestellt wird. Missbrauch wird in den entsprechenden Standards durch möglichst genaue und so nicht mehr interpretierbare Regeln eingeschränkt. Ein klassisches Gebiet der Rechnungslegung, in dem das ausgewiesene Ergebnis beeinflusst werden kann, sind Rückstellungen. IFRS versucht deshalb möglichst genau festzuschreiben, ab welchem Zeitpunkt eine Rückstellung gebildet werden muss beziehungsweise gebildet werden darf. Diese Missbrauchsverhinderung bei Rückstellungen führt aber im Einzelfall zu falschen Lösungen. Bestes Beispiel dafür ist das unter IFRS faktische Verbot der Bildung von Restrukturierungsrückstellungen im Rahmen eines Unternehmenskaufs.

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Auch der seit einigen Jahren geltende Impairment-Only-Ansatz beim Goodwill hat sich kaum bewährt. Galt für Goodwill früher eine Lebensdauer von 20 bis 40 Jahren, hat sich diese in der Zwischenzeit auf der Basis einer Studie der Universität St. Gallen auf über 300 Jahre erhöht. Eine «Lebensdauer», welche in der modernen Wirtschaftswelt niemand mehr - auch nur im Ansatz - als realistisch bezeichnen kann.

Ein wichtiges Ziel der internationalen Rechnungslegung unter IFRS ist die möglichst einheitliche Behandlung eines bestimmten Sachverhaltes über alle Branchen und Länder hinweg. Der Kapitalmarkt möchte, dass alle Unternehmen weltweit Gleiches gleich bewerten und bilanzieren. Eine konsequente weltweite Harmonisierung führt aber im konkreten Einzelfall nicht immer zur betriebswirtschaftlich besten Lösung. Das Beispiel «Absicherungsgeschäfte» zeigt dies exemplarisch. Die Komplexität der Anwendung moderner Finanzinstrumente zu Absicherungszwecken unterscheidet fundamental zwischen einer Grossbank und einem mittelgrossen Industrieunternehmen. Die Dokumentationsanforderungen, damit unter IFRS Hedge Accounting betrieben werden kann, sind jedoch für alle Unternehmen gleich. Nicht wenige Industrieunternehmen sind nicht mehr bereit, für echte Währungsabsicherungsgeschäfte den entsprechenden Dokumentationsaufwand zu betreiben. Dies führt dazu, dass echte Absicherungsgeschäfte in der Jahresrechnung fälschlicherweise als spekulative Geschäfte dargestellt werden.

Weniger Detailregelungen

Eine der grössten Errungenschaften der finanziellen Berichterstattung über die letzten 10 bis 15 Jahre war die Angleichung der Zahlen der externen Finanzberichterstattung an diejenigen, welche für die interne Unternehmensführung verwendet werden. In den meisten Unternehmen bestehen heute diesbezüglich kaum mehr Differenzen. Dies ist zu begrüssen, gibt es doch keinen Grund, weshalb die externen Kapitalgeber unterschiedlich ermittelte Zahlen erhalten sollten und nicht die Zahlen, die das Unternehmen für die interne Führung verwendet. Die Tendenz zur stark reglementierten Harmonisierung bei IFRS führt im Einzelfall nicht immer zur betriebswirtschaftlich korrekten Lösung. Vermehrt zeigt sich deshalb in der Praxis, dass die Unternehmen sich an IFRS für die externe Berichterstattung halten (müssen), für die interne Steuerung des Unternehmens jedoch andere Bewertungs- und Bilanzierungsgrundsätze anwenden. Weniger detaillierte und vereinheitlichte Regeln wären im Sinne echter Rechnungslegungstransparenz oft mehr. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass moderne internationale Rechnungslegung oft viele wesentliche Risiken nicht oder nur ungenügend darstellt.

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