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Roche bei neuen Krebsmedis in Rückstand

Severin Schwan: Der Roche CEO muss Kosten senken und die Produktivität steigern.  Keystone

Der erfolgsverwöhnte Pharmariese spart. Wegbrechende Milliardenumsätze und riesige Forschungsanstrengungen drücken auf die Margen. Jetzt gibt Severin Schwan Gegensteuer.

Von Laurina Waltersperger
am 09.12.2015

Die Luft ist dünner geworden in den oberen Etagen des Roche-Towers. Während der höchste Turm der Schweiz gegen aussen Macht und Stärke signalisiert, ist hinter der Fassade eine neue Bescheidenheit angesagt: Roche muss sparen.

Firmenchef Severin Schwan dreht an etlichen Stellschrauben, um Kosten zu senken und die Produktivität zu verbessern. Kostenfokus heisst die Maxime, die er kürzlich Investoren präsentierte. Die Zeiten der Superlative sind erst mal vorbei.

Fast zwei Dekaden Spitzenreiter

Fast 20 Jahre stand Roche mit seinen drei Umsatzgaranten Rituxan, Herceptin und Avastin an der Spitze des ­globalen Krebsgeschäfts. Mit operativen Margen von über 40 Prozent verstanden es die Basler besser als jeder andere Pharmamulti, das Maximum aus ihren Top-Medikamenten herauszuholen. Doch die Lebensdauer der Kassenschlager neigt sich dem Ende zu, die Präparate verlieren den Patentschutz. Und die grossen Nachfolgeprodukte lassen noch auf sich warten.

Gerade in den neuen Gebieten der Krebsforschung ist die erfolgsverwöhnte Roche in Rückstand zur Konkurrenz geraten. Für die Aufholjagd stemmt die Firma nun die grösste Forschungspipeline der Branche – sie ist heute doppelt so gross wie vor drei Jahren, dabei will Roche die Budgets stabil halten.

Für die künftigen Umsatzbringer muss der Konzern in neue Vertriebsnetzwerke investieren, etwa um die Lancierung eines neuen Wirkstoffs gegen Multiple Sklerose voranzutreiben. Das bedeutet: Hohe Kosten bei zunächst ausbleibenden Einkünften. Will Schwan die Margen wenigstens in der Nähe der bisher fürstlichen Werte halten, ist er zum Sparen genötigt.

Mit Hoffnungsträger im Rückstand

Die doppelte Anzahl an Forschungsprojekten durchzuziehen, ist zwar kein Ding der Unmöglichkeit. Die klinische Forschung findet heute dank dem tieferen Wissen über Krebs in kleineren Patientengruppen statt und ist damit schneller und günstiger geworden. Aber Roches Forschungsoffensive ist riskant. Eine volle Pipeline kostet Milliarden – und längst nicht alle Produkte werden zu Kassenschlagern. Zudem setzt Roche im Milliardenmarkt der Krebs-Immuntherapie alles auf einen Wirkstoff, der noch nicht auf dem Markt ist: Atezolizumab.

Noch gibt man sich gelassen

Die ersten Zulassungen dafür erwartet das Unternehmen Anfang 2016 gegen Lungen- und Blasenkrebs. Gleichzeitig haben aber die Konkurrenten Bristol ­Myers Squibb und Merck ihre immun-­onkologischen Wirkstoffe bereits für eine Handvoll Krebserkrankungen und erste Kombinationstherapien auf dem Markt.

Noch gibt sich Roche gelassen, was den Erfolg von Atezolizumab angeht. Doch es gibt Zweifler: Es sei fraglich, ob Roche in der Einzeltherapie noch erfolgreich sein kann, sagt etwa Reinhard Dummer, Professor und stellvertretender Klinikdirektor der Dermatologie am Unispital Zürich. «Bei Hautkrebs und anderen häufigen Krebserkrankungen ist dieser Markt bereits von Konkurrenten mit ähnlichen Medikamenen besetzt.»

Deshalb müsse sich Roche auf die Kombinationstherapie verschiedener Krebswirkstoffe konzentrieren. Dort sehen auch weitere Experten am meisten Aufholpotenzial, um wieder an die Spitze im Krebsmarkt zu gelangen.

Neue Ansätze, neues Glück

Einen ersten Vorstoss, um Terrain gutzumachen, gelang Roche in diesen Tagen mit Studiendaten zum Wirkstoff Venetoclax gegen eine seltene Form von Blutkrebs. Er soll bald gegen andere Ausprägungen eingesetzt werden. Doch die Schätzungen zum Umsatzpotenzial bis in fünf Jahren für alle behandelbaren Bluttumore liegen mit 700 Millionen bis 2,5 Milliarden Franken weit auseinander.

«Venetoclax hat das Potenzial, ein Blockbuster zu werden», sagt Arzt und ZKB-Analyst Michael Nawrath. Die Markteinführung komme wohl bereits nächstes Jahr, jedoch würden die Umsätze langsam ansteigen, da die Zulassung vorerst nur für eine seltene Art des Blutkrebs gilt.

Innovation gesucht

Positiv sei hingegen, dass Venetoclax bereits mit zwei weiteren Wirkstoffen gegen die häufigste Form von Tumoren im Blut an Patienten getestet wird, so Nawrath: «In dem Bereich hinkt Roche der Konkurrenz definitiv nicht hinterher.» Bei diesen Mehrfachkombinationen müsse der Pharmariese seine Position ausbauen. Diese Meinung teilt auch Professor Dummer: «Der Triple-Ansatz wird der nächste grosse Schritt in der kombinierten Krebstherapie sein.» Auch er bescheinigt den Baslern hier eine gute Ausgangslage.

Umso mehr ist Firmenchef Schwan in der Pflicht, seine Pipeline in diesem Bereich auszubauen – und das dürfte wieder hohe Kosten generieren. Denn die Innovation kommt schon seit längerem nicht mehr nur von der kalifornischen Roche-Tochter Genentech und Roche selber. Der Pharmamulti hat schon öfter teuer zukaufen müssen.

So hat er etwa die US-Firma Intermune für 8,5 Milliarden Franken übernommen oder sich an der ebenfalls aus den USA stammenden Foundation Medicine für 1 Milliarde Franken eine Mehrheit gesichert. Und beim neuen Wirkstoff Venetoclax finanziert Roche die klinische Forschung, zahlt dafür schätzungsweise bis zu 1 Milliarde Franken. Die Patentrechte aber besitzt die US-Pharmafirma AbbVie, künftige Umsätze im lukrativsten Markt USA muss Roche mit ihr teilen.

Jederzeit den Hinterausgang nehmen

Doch auch hier hat Schwan die Schaltstellen bereits entsprechend angepasst. Vor wenigen Tagen kündigte Roche ein neues Kooperationsmodell an: Sie behält sich neu vor, jederzeit aus Partnerschaften auszutreten und künftige Zahlungen damit einzustellen. Zudem hat Schwan bereits mehrfach den Rotstift bei Kooperationen angesetzt, die unter der neuen Produktivitätsmaxime nicht mehr in den engeren Fokus der Firma passten. So traf es jüngst auch das Antibiotika-Projekt mit der Firma Polyphor aus Allschwil BL. Im Frühling beendete Roche bereits eine Kollaboration mit der Zürcher Molecular Partners.

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