Rund 40 Mrd Fr. spülten die Krebsmedikamente letztes Jahr weltweit in die Kassen der Pharmaunternehmen. Der neusten Marktprognose zufolge wird sich dieses Volumen bis 2012 verdoppeln. Das sind gute Nachrichten für die von Patentabläufen und Umsatzrückgängen geplagte Branche. So hat der Kongress der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie, der am vergangenen Wochenende in Chicago über die Bühne ging, gezeigt, dass sich die Pharmakonzerne mit immer grösserem Forschungsaufwand aufs zukunftsträchtige Krebsgeschäft einschiessen. Dieser Forschungsboom vermag allerdings die Spitzenstellung von Roche in der Onkologie vorderhand nicht zu erschüttern. Allein das revolutionäre Roche-Präparat Avastin ist noch bis Ende des nächsten Jahrzehnts durch Patente geschützt.

Avastin hemmt die Bildung von neuen Blutgefässen, die sogenannte Angiogenese. Damit werden die meisten Krebsarten am Wachstum und an der Ausbreitung gehindert. Dank dieser Wirkung lässt sich Avastin auf breiter Front einsetzen. «Unser Medikament kann zur Grundlage der Krebstherapie werden. Mit über 300 Studien an 20 verschiedenen Krebsarten betreiben wir dazu ein äusserst umfangreiches Forschungsprogramm», erklärt Roche-Sprecher Alexander Klauser.

Goldgrube Krebsmedikamente

Nach Schätzungen der Bank Vontobel hat Avastin das Potenzial, in den nächsten Jahren zusätzlich zum gegenwärtigen Verkaufsvolumen (2007: 4,1 Mrd Fr.) weitere 15 Mrd Fr. zu erschliessen und den Kurs des Roche-Genussscheins um bis zu 60 Fr. ansteigen zu lassen. Kein Wunder, versuchen andere Firmen, diesem Goldesel das Heu streitig zu machen.

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Vor allem die deutsche Merck will mit dem Medikament Erbitux bei Lungen- und Darmkrebs gegen Avastin in den Ring steigen. Doch bisherige Studien legen den Schluss nahe, dass Erbitux bei Darmkrebs nur bei etwa 60% der Patienten befriedigend wirkt, bei den restlichen 40% aufgrund einer bestimmten Genmutation dagegen sogar kontraproduktiv ist. «Damit müsste die Verabreichung von Erbitux bei Darmkrebs mit Gendiagnostik gekoppelt werden», konstatiert Michael Nawrath, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank.

Bessere Chancen hat Roche-Konkurrent Merck beim Lungenkrebs: Hier bietet sich Erbitux für jene Patienten an, denen Avastin nicht verabreicht werden kann. Weil beide Medikamente unterschiedlich wirken, besteht sogar die Chance, dass sich Erbitux künftig auch mit Avastin kombinieren lässt. Eine Kombination mit Avastin ist bereits mit Tarceva, einem anderen Medikament von Roche, getestet worden. Nawrath: «Erbitux genau wie Tarceva greift Krebszellen direkt an, während Avastin den Tumoren die Blutzufuhr abschnürt. Die beiden Medikamentenklassen können sich zum Teil ergänzen und werden ihre spezifischen Marktsegmente finden.»

Massgeschneiderte Cocktails

Die Probleme von Merck zeigen, wie schwierig es ist, Roche die Führungsrolle streitig zu machen. Deshalb setzt Novartis beim noch nicht zugelassenen Nierenkrebswirkstoff RAD 001 gleich von Anfang an auf eine friedliche Ko-existenz mit Roche und evaluiert das Präparat als Kombinationstherapie mit Avastin. Das Potenzial ist allerdings mager, macht doch Nierenkrebs nur 2% des Krebsmarkts aus. Zudem sind mit Sutent (Pfizer) und Nexavar (Onyx/Bayer) bereits zwei neuartige Nierenkrebsmedikamente auf dem Markt. Ohne Indikationserweiterungen dürfte das Marktvolumen von RAD 001 daher höchstens 500 Mio Fr. erreichen. Doch nicht nur Rivalin Novartis setzt auf die Kombination mit Avastin. Auch Amgen mit Vectibix oder Bristol-Myers Squibb mit Ixempra beschreiten diesen Weg. Somit zeichnet sich in der Onkologie eine ähnliche Entwicklung ab wie zuvor bei den Blutdruck-, Diabetes- und Aidsmitteln: Man kombiniert die neuen Wirkstoffe zu Cocktails, um eine möglichst massgeschneiderte Wirkung zu erhalten.

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