Die Krebsforschung durchläuft nach Ansicht von Severin Schwan, CEO von Roche, eine Revolution. Bislang sei man der Meinung gewesen, dass Krebs in einem späten Stadium nicht heilbar sei. Heute sei man sich da nicht mehr so sicher, erklärt der Manager im Interview mit «Finanz und Wirtschaft».

Immerhin gebe es klinische Studien bei Krebspatienten, deren Überlebenszeit dank des Roche-Wirkstoffes Atezolizumab um mehrere Jahre bereits verlängert wurde. Roche werde für den Wirkstoff Anfang 2016 erste Zulassungsanträge stellen.

«Bei Blasenkrebs haben wir die Nase vorn»

Mit Blick auf die harte Konkurrenz auf dem Gebiet der Krebsimmuntherapien zeigt sich Schwan in dem Interview entspannt. Sicher seien Konkurrenten wie Bristol-Myers Squibb und Merck & Co. bei Hautkrebs weiter. «Bei Blasenkrebs haben wir aber die Nase vorn. Auch bei Lungenkrebs könnten wir die Ersten sein, die einen Zulassungsantrag für ein Immuntherapeutikum zur Erstbehandlung stellen.» Wichtig hierbei: Lungenkrebs sei eine der am weitesten verbreiteten Krebsarten.

Schwan hebt in dem Gespräch auch die Wichtigkeit so genannter Kombinationstherapien hervor. Um etwa den Wirkstoff Atezolizumab möglichst vielen Patienten zugänglich zu machen, werde er in Kombination mit anderen Wirkstoffen getestet. Zudem arbeite Roche im Bereich der Immuntherapie neben Atezolizumab bereits an einer Reihe vielversprechender Wirkstoffe für andere Krebsarten.

Marktpotenzial bis zu 50 Milliarden Dollar

«Wir haben derzeit fast vierzig Projekte, bei denen wir Immuntherapeutika in Kombination mit anderen Krebspräparaten testen.» Nur, wenn Roche dort investiere, wo die Wissenschaft die grössten Erfolge verspricht, dürfte es dem Konzern gelingen, auch künftig die Nummer eins in der Onkologie zu bleiben.

Das von Analysten geschätzte Marktpotenzial zwischen 30 und 50 Milliarden Dollar für Krebsimmuntherapien hält Schwan für durchaus realistisch. «Das wird ganz von den Ergebnissen der laufenden klinischen Studien abhängen. Wichtig ist, dass es uns gelingt, Medikamente oder Kombinationen zu entwickeln, auf die mehr Patienten als heute ansprechen.»

Derzeit keine Übernahmen

Gefragt nach weiteren möglichen Übernahmen, winkt der Manager allerdings ab. Roche sei in erster Linie Arrondierungskäufe interessiert. Daher tangierten die aktuell hohen Bewertungen in der Branche Roche nicht. Eine Ausnahme sei allerdings die Biotech-Gesellschaft Intermune gewesen. Diese habe Roche aber bereits 2011 im Auge gehabt. «Als wir im vergangenen Jahr die Studienergebnisse für ein neues Medikament gegen Lungenfibrose analysiert haben, waren wir davon überzeugt, dass der Markt das Potenzial der Gesellschaft nicht vollständig erfasst.»

Weiterhin zuversichtlich äussert sich Schwan auch gegenüber «FuW» über die im Oktober anstehenden Daten für das Multiplen Sklerose-Mittel Ocrelizumab. «Ich kenne die Daten und bin deshalb zuversichtlicher als einzelne Analysten.» Potenzial räumt Schwan auch dem Alzheimermedikament Gantenerumab ein. Allerdings müsse nun erst einmal in grossen zulassungsrelevanten Studien nachgewiesen werden, dass eine höhere Dosierung des Mittels tatsächlich eine positive Wirkung auf die kognitiven Fähigkeiten der Probanden hat, wie sich in ersten Studien gezeigt hatte.

(awp/dbe/ama)

 

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