Bern vermeldete die Durchführung eines zweiten «Projectathons», bei dem in fünf Tagen 792 Anwendungsfälle des elektronischen Patienten­dossiers getestet wurden.

Das Kantons­spital St. Gallen, die Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland, das Spital Linth und die Spitalregion Fürstenland Toggenburg sowie die Geriatrische Klinik St. Gallen und das Ostschweizer Kinderspital haben sich für den Anschluss an die Stammgemeinschaft mit dem Kürzel XAD entschieden: Kostproben aus einem Newsletter von E-Health Suisse, derje­nigen Organisation, die im Auftrag des ­Innendepartements und der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren die Einführung von elektronischen Patien­tendossiers (EPD) vorantreibt.

Probeläufe in Serie, Versuche, den Föderalismus zu überwinden: So tönt es, wenn die Schweiz am EPD arbeitet. Jetzt redet Roche-Konzernchef Severin Schwan der Nation ins Gewissen. «Ich bin besorgt über das Tempo, unsere Entscheidungsfindungsprozesse blockieren uns», sagte er an einer Veranstaltung zum Thema personalisierte Medizin.

Biotech und Datenmanagement kämen heute zusammen. Wenn die Schweiz beim Datenmana­gement nicht aufhole, dann werde das Konsequenzen haben. «Es geht darum, ob die Schweiz diese Entwicklung gestalten will oder ob sie nur Teil von ihr ist.» Klartext mit Adressat Bundeshaus.

Die Wissenschaft blieb aussen vor

Rückblende: 2015 passiert das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier nahezu ohne Gegenstimme das Parlament. Ziel ist es, die kostspieligen und medizinisch problematischen Informationsdefizite innerhalb der Behandlungskette zu beseitigen, die medizinische Versorgung zu verbessern und effizienter zu machen.

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Doch die hohe Zustimmung im Parlament hat ihren Preis. Auf ein gesamtschweizerisches Projekt wird aus Rücksicht auf die Kantone verzichtet. Schlimmer noch: Die Vernetzung bleibt auf ­Personen beschränkt, die im Behandlungskontext des Patienten stehen, also das Spitalpersonal und – zu einem späteren Zeitpunkt – auch der Hausarzt oder die Spitex. Die Wissenschaft aber bleibt aussen vor. Eine Zweitnutzung von Daten aus den elektronischen Patientendossiers für Forschungszwecke ist ausgeschlossen – Biotech-Standort Basel hin oder her.

In den USA gibt es seit 2009 flächendeckend elektronische Patientendossiers

In den USA hat die Administration von Präsident Barack Obama 2009 flächen­deckend Electronic Health Records (EHR) eingeführt – um die Abrechnungsmodali­täten zu harmonisieren. Der Schritt erwies sich auch als Glücksfall für die Industrie. Die EHR sind der Nukleus, um den Flatiron entstand, das Big-Data-Unternehmen aus New York, das Roche im April dieses Jahres für 1,9 Milliarden Dollar übernommen hat.

Das Unternehmen wertet im grossen Stil in den USA Daten zu Krebsbehandlungen aus, und zwar nicht nur strukturierte wie Laborbefunde, sondern auch unstrukturierte wie ärztliche Vermerke. China, ein immer wichtiger werdender Gegenspieler der Schweiz im Biotech-Standortwettbewerb, geht bei Big Data in Riesenschritten voran.

Ganz anders die Schweiz. Sie zieht für teures Geld Datensilos hoch, um sie anschliessend mit viel Anstrengung wieder zu vernetzen. Angeboten werden die elektronischen Patientendossiers auf meh­reren regionalen Stammgemeinschaften, der Bund sorgt dafür, dass die Kom­munikation zwischen den Stammgesellschaften funktioniert. Den Markt für die entsprechenden Infrastrukturleistungen teilen sich die Post und die Swisscom.

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Unispitäler helfen sich selber

Ähnliches spielt sich bei der Wissenschaft ab. Hier versucht das Swiss Per­sonalized Health Network (SPHN), eine Institution der Akademie der medizi­nischen Wissenschaften, den Datenaustausch zwischen Spitälern sicherzustellen – in einem ersten Schritt der fünf Schweizer Unispitäler; später sollen die Kantonsspitäler dazukommen. Ziel ist es, die strukturierten und unstrukturierten Daten zu standardisieren – kein einfaches Unterfangen, bei drei Landessprachen und Englisch. Das SPHN betreibt dazu ein Data Mining Center in Basel.

Doch die Defizite lassen sich damit nicht beheben. Der helvetische Bummelzug bei Big Data ist riskant – nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Versorgung. Das EPD stelle die Grundlage dar, damit zahlreiche Projekte mit digitaler Ausrichtung durchgeführt werden könnten, schreibt der Industrieverband Scienceindustries. Zudem würden sinnvolle E-­Medikationsprozesse eine breite Abdeckung mit EPD erforderlich machen. Fazit: «Unserer Meinung nach gerät die Schweiz bei diesem Thema immer stärker ins Hintertreffen und vergibt sich Chancen.»

Konzernchef Schwan sagt: «Das Gesundheitswesen wird endlich digital», es sei eine grosse Transformation im Gange.» Die Schweiz wird sich entscheiden müssen, ob sie dabei sein oder am Rande des Spielfelds zuschauen will.