Grosse Aufregung um Roches Tamiflu: Das Grippemittel wirke nur schwach und weise erheblich ausgeprägtere Nebenwirkungen auf als bisher bekannt. Ihre Reaktion?
Christian Lach*: Ich bin primär erstaunt, dass dieses Thema gerade jetzt auf ein so grosses Interesse stösst. Die Erkenntnisse der Meta-Analyse der Studien sind nicht wirklich neu. Schon bei der Zulassung der Medikamente Tamiflu und Relenza wurde die Wirksamkeit von der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA als moderat eingestuft. Zudem muss man aufpassen und darf keine voreiligen Schlüsse ziehen: Gerade bei klinischen Studien steckt der Teufel im Detail. Ohne genaue Kenntnis, was Hintergrund der Studie war und was die Beteiligten damit eigentlich zeigen wollten, ist es selbst für klinische Experten extrem schwierig, eine Aussage zu treffen.

Also unnötige Turbulenzen.
Fakt ist: Ausser der Grippeimpfung gibt es gibt keine Alternativen zum Medikament, dessen Wirkmechanismus ist sinnvoll. Fakt ist aber auch, dass es immer schon Berichte über Grippestämme gab, bei denen Tamiflu auf Grund der raschen genetischen Veränderung der Viren nicht oder nur schlecht gewirkt hat. Man kennt seit langem acht verschiedene Typen der Neuarminidase, also den Teil des Virus, den man ausschalten möchte. Entsprechend hat das Center of Disease Control and Prevention in den USA heute auch seine Empfehlung für Tamiflu bestätigt. Als akutes Notfallmedikament für Grippeepidemien oder eine Pandemie wie bei der Spanischen Grippe gibt es leider keine Alternative. Wie gut die Medikamente in einem solchen Fall wirken, weiss niemand.

Zusammengefasst kann Tamiflu also…
… die Dauer und Schwere einer Grippe beeinflussen, wenn es rechtzeitig eingenommen wird. Allerdings ist die Wirksamkeit hier nur moderat. Zudem kann es prophylaktisch bei Epidemien helfen, deren Ausbreitung zu bremsen.

Die Kratzer im Lack bleiben aber.
Eigentlich müsste jetzt eine Studie erstellt werden, in der die neuen Kritikpunkte beleuchtet werden.

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Das macht man aber nicht, weil…
… das in dieser Ausführlichkeit sehr aufwendig, folglich teuer und es alles andere als sicher wäre, ob dies zu einer Verbesserung führt. Kommt hinzu, dass Tamiflu ja zugelassen ist. Die Gesundheitsbehörden hätten im Gegenzug zu ihren grossen Bestellungen von den Herstellern diese Aussagen verlangen sollen.

Leidet das Image von Roche?
Kritische News sind für ein Unternehmen nie gut. Eigentlich sollte man vom Management erwarten, dass es sich bemüht, glaubwürdig Auskunft zu erteilen, um die Faktenlage  zu verbessern. Kritische Studien sind wünschenswert und gut. Noch besser ist eine angepasste, offene Kommunikation der Firmen.

Hat die Tamiflu-Aufregung mittelfristig Auswirkungen auf die Umsatzebene?
Tamiflu ist für Roches neuen Produktmix nicht mehr so relevant wie früher. Das Medikament ist nicht mehr starker Wachstumstreiber, sondern «nur» noch eine Cash-Cow.

Das war nicht immer so.
Nein. Sowohl für den Tamiflu-Entwickler Gilead wie auch für Roche und Glaxo hatten Grippepandemien durch die präventive Lagerhaltung vieler Staaten eine grosse Hebelwirkung. Damals erzielte Roche mit Tamiflu als Notfall-Medikament kontinuierlich höhere Umsätze als erwartet.

Die rasche Mutation der Grippeviren hatten wir bereits angesprochen: Lässt sich daraus die Aussage ableiten, dass es gar nie ein wirksames Grippe-Medikament geben kann?
Auf der jetzigen Basis ist diese Aussage korrekt. Viren verändern sich immer schnell, deshalb wird ja von der WHO jährlich ein neuer Grippe-Impfstoff bestimmt. Die Organisation wählt jeweils in unserem Frühjahr auf Grund der vorkommenden Virenstämme in Asien diejenigen drei aus, gegen die ein Impfstoff entwickelt und bis Oktober – bis zum Auftakt der Impfsaison – produziert wird. Das ist ein rollender Prozess, ein Wettlauf gegen den Virus. Ein Allheilmittel gibt es bisher nicht.

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Generell sorgen Studien immer wieder für Aufregung. Gibt es zuviele? Oder dringt zuviel zu schnell an die Öffentlichkeit?
Die Publikationspflicht ist in der Tat ein heiss diskutiertes Thema. Wann muss jemand informieren? Es gibt eine Grauzone. Erinnern wir uns nur an den Vioxx-Skandal bei Merck. Damals gab es Signale über Nebeneffekte bei Herzpatienten – doch wurde im Nachhinein frühzeitig genug informiert? Ein heikler Punkt. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass täglich weltweit Tausende Studie entstehen. Wichtig ist stets: Für was? Welche Schlüsse darf ich daraus ziehen? Was ist hypothetisch – was sogar Ausgangspunkt für weitere Studien?

Wir reden im vorliegenden Tamiflu-Fall sogar von Studien zu Studien.
Die sogenannten Meta-Analysen, ja. Dabei handelt es sich um Studien, die verschiedene vorgängige Studien miteinander kombinieren, um die Datenbasis zu vergrössern. Spannend, aber auch sehr problematisch, mit diesen Vergleichen Aussagen machen zu wollen. Bei jeder einzelnen Studie waren andere Teams involviert, war die Anordnung, das Design der Studie unterschiedlich, wollten andere Endpunkte erreicht werden. Gewisse Leute lassen die Meta-Studien gar nicht gelten. Die Autoren der Neuraminidase-Studie weisen entsprechend auch darauf hin, dass viele Studien für den Gesamtvergleich nicht berücksichtigt werden konnten. Klarheit würden nur neue, entsprechend ausgerichtete Studien bringen.

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*Dr. Christian Lach studierte Biochemie (ETH Zürich) und Betriebswirtschaft (Hochschule St. Gallen), war ab 2005 Mitglied der Geschäftsleitung der Bellevue Asset Management (BB Biotech/BB Medtech) und ist seit 2008 als Senior Portfolio Manager bei Adamant Biomedical Investments in Zürich tätig.