Seit Jahren schwelt ein Streit zwischen dem Pharmamulti Roche und unabhängigen Wissenschaftlern über die Wirksamkeit des Grippemittels Tamiflu. Forscher glauben, dass Tamiflu weniger Wirksam ist als bisher angenommen. Der letzte Beweis fehlt aber, weil Roche Daten zurückhält. Jetzt allerdings reagiert der Konzern.

Roche werde künftig den Zugang zu klinischen Studiendaten für externe Forscher ausweiten, gab der Pharmamulti bekannt. Dabei soll ein unabhängiges Gremium aus Experten Anträge auf Zugang zu Daten prüfen und genehmigen. Ausserdem werde Roche die Veröffentlichung von vollständigen klinischen Studienberichten für alle von den Gesundheitsbehörden zugelassenen Medikamenten unterstützen.

Auf den ersten Blick scheint damit der jahrelange Streit zwischen dem Pharmakonzern und Wissenschaftlern der Cochrane Collaboration, einem weltweiten Netzwerk von Forschern und Ärzten, die Wirkstoffe und Medikamente prüfen und Studien auswerten, beigelegt. Das ist er aber noch lange nicht. Die Kritiker werfen dem Konzern vor, dass die neuen Regeln lediglich eine weitere Verzögerungstaktik seien. Zudem hätten die Forscher weiterhin keinen Zugang zu allen Daten, sondern nur zu jenen, die von Roche an die Zulassungsbehörden eingereicht wurden, erklärt Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum der Nachrichtenagentur sda.

Anzeige

Was war passiert? Die Wirksamkeit von Tamiflu ist nicht vollständig geklärt. Zugelassen wurde es 1999 als erstes in der Schweiz, weniger später in den USA, allerdings - wie Kritiker festhalten - auf zweifelhafter Basis. 2009 sicherte Roche den unabhängigen Wissenschaftlern zu, Einsicht in alle Daten zu erhalten. Seither schaffte es der Konzern, wichtige Erhebungen und Daten insbesondere zu den Nebenwirkungen zurückzuhalten.

«Acht Studien bis heute nicht publiziert»

Offenbar aus gutem Grund. Denn rund um das Grippemittel Tamiflu, das 2009 bei Ausbruch der Schweinegrippe (H1N1) einen Rekordumsatz von 3,2 Milliarden Franken einbrachte, gibt es einige Ungereimtheiten: Zum Blockbuster mit einem Umsatz von über 1 Milliarde wurde das Mittel im Jahr 2003, als die Vogelgrippe (H5N1) in Asien grassierte und auf die ganze Welt überzuschwappen drohte. 

Zahlreiche Staaten kauften aus Angst vor einer Pandemie das Mittel auf Vorrat. Allerdings konnten Forscher der Cochrane Collaboration keine zuverlässigen Beweise für die Wirksamkeit gegen Vogelgrippeviren beim Menschen finden. Sie hatten insgesamt 50 Studien ausgewertet. Doch auch hier fehlten wichtige Daten.«Ob das Medikament in die Pandemiepläne aufgenommen werden soll, stützte sich auf eine Metaanalyse von 2003. Diese bezieht zehn Studien ein, von denen bis heute acht nicht publiziert sind», sagt Antes.

Eine unabhängige Bewertung sei schwierig, weil die ursprünglichen Daten fehlten. Damit nicht genug: Die Nebenwirkungen des Präparats waren stärker als bisher angenommen. Roche gab vorerst als häufigste Nebenwirkungen im Beipackzettel unter anderen Magenschmerzen und Übelkeit an. 

Verwirrtheit, abnormales Verhalten und Halluzinationen

Anzeige

2007 wurden nach Angaben des japanischen Gesundheitsministeriums 1079 Fälle bekannt, in denen die Tamiflu-Einnahme unerwünschte Wirkungen bei Jugendlichen hatte. Bei 128 von ihnen kam es zu «abnormalem Verhalten», also zu geistiger Verwirrung. Der Pharmakonzern stritt zunächst einen Zusammenhang ab. Nachdem sich Jugendliche nach Einnahme des Medikaments in den Tod gestürzt hatten, musste Roche die Liste der Nebenwirkungen mit Verwirrtheit, abnormales Verhalten und Halluzinationen ergänzen. Der Zusammenhang zwischen dem suizidalen Verhalten und den Nebenwirkungen von Tamiflu ist allerdings nicht eindeutig bewiesen. 

Auch an der Wirksamkeit gegen die saisonale Grippe zweifeln Experten. Eine 2012 durchgeführte Studie an der John-Hopkins-Universität in Baltimore kam zwar zum Schluss, dass das Medikament die Grippe um 21 Stunden verkürzt - sofern das Mittel 36 Stunden nach Auftreten erster Grippesymptome eingenommen wird. Allerdings, so die unabhängigen Wissenschaftler, könne keine geringere Ansteckungsgefahr ausgemacht werden. Ausserdem fanden die Forscher keine Hinweise darauf, dass das Mittel zu weniger Komplikationen wie Lungenentzündung, weniger Einweisungen ins Spital oder weniger Todesfällen führe.

Anzeige

Cochrane: Roche-Aussagen falsch

Zu den Studien der Cochrane Collaboration sowie anderen Erhebungen durch unabhängige Forscher schweigt Roche. Tamiflu sei sicher, wirksam und rette Menschenleben heisst es dazu vom Schweizer Pharmariesen lediglich. Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum betont die Feststellung des Ombudsmannes des Europäischen Parlaments in Brüssel, dass die Studiendaten nicht dem Konzern, sondern der Öffentlichkeit gehören. Und dabei müsse nicht nur ein Teil, sondern alles publiziert werden. «Aus Sicht des Bürgers heisst das 100 Prozent», sagt Antes. 

Davon scheint Roche weit entfernt. Gemäss Angaben der Cochrane Collaboration hat der Pharmakonzern weniger als 50 Prozent der Studiendaten zu Tamiflu ausgehändigt. Die Behauptung von Roche im veröffentlichten Communiqué, 96 Prozent der abgeschlossenen Tamiflu-Studien zugänglich gemacht zu haben, stimme schlicht nicht, sagt Antes.

Anzeige

(muv/tno/sda)