Anfang März an der Generalversammlung gab Roche-Präsident Franz Humer den starken Mann. Man sei nicht auf Illumina angewiesen, sagte der gebürtige Österreicher den Aktionären im Kongresszentrum der Messe Basel. «Gerade in diesem Bereich bieten sich für uns auch Alternativen an, sollte die Übernahme am Preis scheitern.»

Humer will Illumina mit Sitz im kalifornischen San Diego übernehmen und in die Roche-Diagnostiksparte integrieren. Das Unternehmen passt gut zum Basler Konzern. Es stellt Laborgeräte her, welche die Gene von Menschen analysieren. In der sogenannten Gensequenzierung ist Illumina klarer Marktführer. ­Zunächst bot Humer 5,7 Milliarden ­Dollar.

Nachdem das Management die Summe als lächerlich zurückgewiesen hatte, erhöhte er sein Gebot auf 6,6 Mil­liarden. Weiter geht Roche nicht, wie am Mittwoch bekannt gegeben wurde. Auch soll die Angebotsfrist nicht verlängert werden.

Schneller und billiger

Dennoch bleibt Humer auf Kurs. «Wir glauben, dass die Gensequenzierung das Potenzial hat, eine der wichtigen Zukunftstechnologien zu werden», sagt der Roche-Mann. Tatsächlich ist die Methodik für die Zukunft der Medizin und für die Entwicklung personalisierter Medikamente – dem Kerngeschäft von Roche – ohne Alternative. Doch Illumina ist laut Branchenkennern ein Dinosaurier. Die erfolgreichen Jahre des Unternehmens könnten bald gezählt sein.

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Drei Dinge sind in der Genanalyse entscheidend – Genauigkeit, Tempo und Preis. In Sachen Präzision macht niemand Illumina etwas vor. Allerdings hat die unerreichte Präzision einen hohen Preis. Bis zu 750'000 Dollar kosten die Maschinen der Kalifornier. Das bringt jedes Laborbudget aus dem Lot und jeden Spitaldirektor ins Rotieren. Vergleichbare Geräte von Rivalen gibt es für einen Bruchteil der Kosten.

Zudem erfordern die Illu­mina-Maschinen viel Geduld. Um ein Genom – also die Gesamtheit der Gene eines Menschen – zu durchleuchten, arbeiten die Geräte fünf Tage. Die Konkurrenz schafft das in wenig mehr als 24 Stunden. Teuer, langsam, aber präzis versus billig, schnell, aber etwas ungenauer, lautet also die Rechnung der beiden Rivalen.

Technik ändert sich im Schnellzugtempo

Genpionier Craig Venter versteht deshalb die Welt nicht mehr. Er zeigt sich «verblüfft» über die Hartnäckigkeit, mit der Roche Illumina nachstellt. Dabei «ändert sich die Technik doch im Schnellzugs­tempo.» Noch vor zehn Jahren habe er zur Dekodierung des menschlichen Genoms 300 Maschinen eingesetzt, die eine Fläche von mehr als 9000 Quadratmetern beanspruchten. Heu­­te reiche es, wenn man sich zehn Apparate an­schaffe.

Tatsächlich jagen sich die Meldungen über technische Durchbrüche im Geschäft mit der Analyse der DNA. Illumina gilt zwar in den Augen der Branchenbeobachter immer noch als Marktführer – einige Konkurrenten aber sind ihm auf den Fersen.

Eine dieser Alternativen heisst Life Technologies. Der erst 2008 gegründete Konzern aus Carlsbad in Kalifornien zählt knapp 11000 Angestellte, macht einen Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar und kommt auf einen Marktwert von über 8 Milliarden. Vor zwei Jahren spannte der Biotech-Gemischtwarenladen mit Jonathan Rothberg zusammen, einem Pionier bei der Herstellung von DNA-Analysegeräten. Seither ­gehört Rothbergs geistiges Kind, das den etwas hochtrabenden Namen Personal Genome Machine trägt, zur Palette von Life.

Die aktuelle Weiterentwicklung der Maschine, die entfernt an das Design eines alten Apple-Computers erinnert, heisst Ion Proton Sequencer und gilt in den Augen vieler Fachleute als revolutionär. Und das hat vor allem mit dem Preis zu tun. 149000 Dollar verlangt Life für die Maschine, die bald ausgeliefert wird.

«Wir alle wollen auf Menschen, die wir lieben, einwirken»

Rothberg ist ein Tüftler. Aber einer mit Geschäftssinn. Sein Vorbild ist der kürzlich verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs, den er seit seiner Jugendzeit verehrt. Wie Jobs auch stösst der bald 50-Jährige, der einen Abschluss der Eliteuniversität Yale hat, immer wieder an die Grenzen des Marktes. 2001 tauch­te sein Name auf einer Liste der 40 reichsten Jungunternehmer auf – dank eines geschätzten Vermögens von 168 Millionen Dollar.

Rothberg amtierte damals als Präsident und Geschäftsführer der Biotechnologiefirma Curagen, die eine grössere Börsenkapitalisierung als die Fluggesellschaft American Airlines aufwies. Doch der Höhenflug hielt nicht lange an. Investoren kehrten Curagen den Rücken, als sich Produkteankündigungen als leere Versprechen erwiesen.

2005 musste Rothberg als Geschäftsführer zurücktreten. 2007 riss sich Roche die Genomiksparte namens 454 Life ­Sciences unter den Nagel, eines der wenigen Filetstückchen. 2009 folgte der Notverkauf von Curagen an einen Konkurrenten für weniger als 100 Millionen Dollar. Rothberg liess sich nicht beirren. Angetrieben von persönlichen Schicksalsschlägen machte er weiter.

Eines seiner fünf Kinder leidet unter einer milden Form der seltenen Erbkrankheit tuberöse Sklerose, die Hautveränderungen, Hirntumore und epileptische Anfälle auslösen kann. Der besorgte Vater hofft, mehr über das Gen zu erfahren, das diese Krankheit verursacht. «Wir alle wollen auf Menschen, die wir lieben, einwirken», sagte Rothberg vor zwei Jahren dem Wirtschaftsmagazin «Forbes».

Nichts für Standardtests

Das Resultat dieser Passion: Der Ion Proton. Rothberg bezeichnet das Analyse-gerät als Verwirklichung eines alten wissenschaftlichen Traums. Nun sei es möglich, die DNA eines Patienten für die vergleichsweise geringe Summe von 1000 Dollar in zwei bis drei Stunden zu untersuchen. Dies ermöglicht in einem weiteren Schritt eine Behandlung mittels personalisierter Medizin – mit Medikamenten und Therapien, die individuell auf den Gencode des Patienten abgestimmt sind.

Dies klingt nach Zukunftsmusik. Der Ion Proton könnte aber auch den Alltag medizinischer Labors vereinfachen, gerade bei der Durchführung von Standardtests. «Wir sind am meisten an den Kosten und an der Geschwindigkeit interessiert», sagt Richard Lifton, der an der Yale University forscht.

Illumina gibt sich angesichts der aufmüpfigen Konkurrenz unbeeindruckt. Stolz verweist der Platzhirsch aus San Diego auf seinen hohen Marktanteil, der bei rund 90 Prozent liegt. «Wenn Sie im gros­sen Stil Analysen des menschlichen Genoms vornehmen wollen, dann sind Sie bei Illumina gut aufgehoben», sagte Geschäftsführer Jay Flatley jüngst in «Forbes». Unter Experten wird diese Aussage nicht bestritten. Der Genome Analyzer von Illumina liefere tatsächlich zuverlässigere Resultate. Spezialisten kritisieren aber das bescheidene Tempo der Maschine. Bis zu acht Tage kann es dauern, bis sie die Analyse abgeschlossen hat. Die Geräte der Konkurrenz seien da weit schneller.

Hinzu kommt der Spardruck der öffentlichen Hand in den USA, von dem auch Organisationen im Gesundheitswesen und in der Forschung nicht verschont bleiben. Branchenbeobachter rechnen deshalb damit, dass Illuminas Dominanz bald bröckelt.

Illumina an Oxford Nanopore beteiligt

Life Technologies ist nicht der einzige Anbieter, der Illumina das Leben schwer machen könnte. Im Februar überraschte der britische Anbieter Oxford Nanopore Technologies mit einer Neuentwicklung, die ein menschliches Gen bereits in 15 Minuten zerlegen kann: MinION heisst der Apparat, der nur rund 900 Dollar kostet und klein ist wie ein USB-Stick. Das handliche Instrument soll noch im Verlauf des Jahres in den Handel kommen.

Oxford Nanopore behauptet, dass die Karten im 1,5 bis 2 Milliarden Dollar schweren Markt neu gemischt werden müssten. «Nun ist es nicht mehr nötig, sich einen ganzen Maschinenpark anzuschaffen», sagt Technologiechef Clive Brown. Der Einweg-Stick genüge vollkommen. Isaac Ro, der für Goldman Sachs den Gentech-Sektor analysiert, nennt eine entsprechende Präsentation der Firma «bestechend».

Selbst die Konkurrenz reagierte nervös. Jonathan Rothberg sorgte in der Branche für Schlagzeilen, als er die Funktionalität des britischen Gensticks in einem E-Mail-Austausch mit «Forbes» anzweifelte. Eine Replik aus Oxford deutet aber darauf hin, dass Rothberg etwas vorlaut war.

Pikant an der neuen Ausgangslage ist, dass das Roche-Traumobjekt Illumina an Oxford Nanopore beteiligt ist. Die Amerikaner kauften sich 2009 für 18 Millionen Dollar bei den Briten ein. Seither besitzt Illumina 15 Prozent des nicht börsenkotierten Unternehmens. Und einige Vermarktungsrechte dazu. Doch etwas wurde damals nicht in den Deal eingeschlossen: Der MinION.