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Roche-Zahlen: «Diagnostik schlechter als erwartet»

Roche-Produktion: Während die Tamiflu-Nachfrage einbrach, wuchs der Umsatz bei Krebsmedikamenten. (Bild: Keystone)

Der Pharmakonzern Roche konnte in den ersten neun Monaten 2012 seinen Gesamtumsatz um 4 Prozent steigern. Trotzdem: Die Diagnostik-Sparte enttäuschte - die Ursachen kennt Vontobel-Analyst Andrew Weiss

Von Andreas Hohn (Interview)
am 16.10.2012

Handelszeitung Online: 7 Prozent Umsatzwachstum in Franken beziehungsweise 4 Prozent in Lokalwährungen - wie bewerten Sie die Q3-Umsatzzahlen von Roche?

Andrew Weiss: Die Drittquartalszahlen sind ungleich besser ausgefallen als erwartet. Diese sind vor allem getrieben worden von sehr guten Umsätzen im Bereich der Onkologie (Krebsbehandlung). Hier haben wir vor allem in den USA und den Schwellenländern gute Umsatzentwicklungen gesehen.

Welche Sparten zeigen Schwächen?

Schlechter als erwartet hat sich das Diagnose-Geschäft entwickelt. Das lag an der schlechten Performance im Diabetes-Geschäftsmodell. Dieser Rückgang wurde durch die wesentlich wichtigeren Werttreiber Professional Diagnostics (Spital- und Grosslabor-Diagnose) und Tissue Diagnostics (Gewebeprobediagnostik) ausgeglichen.

Bleibt das Krebsmittel Avastin weiter auf dem Wachstumspfad?

Wir sehen weiteres Potenzial bei Avastin. Es hat ja zuletzt eine Indikationserweiterung der Therapie von Eierstockkrebs gegeben. Wir erwarten weitere Bewilligungen für die Behandlung von Darmkrebs – dort ist also durchaus noch Wachstum möglich. Die Franchise ist allerdings schon recht weit ausgediehen – da sollten die Umsatzsprünge nicht mehr so euphorisch interpretiert werden.

Und Diabetes bleibt weiterhin ein Sorgenkind von Roche?

Ja, es scheint dabei zu bleiben – jedes Mal, wenn wir Hoffnung schöpfen, weil es in einem Quartal mal besser lief, kam der Rückgang im Folgequartal. Seit zwei Quartalen belastet vor allem der Preisdruck in Europa.

Warum ist das so?

Die Diabetes-Produkte sind unserer Meinung nach in einer Generisierungsphase, das heisst, es wird immer schwieriger, sich von der Konkurrenz abzusetzen und zu differenzieren. Wahrscheinlich wird dieser Bereich weiterhin schlechte Zahlen liefern.

Nur 10 Prozent - wie erklären Sie die weniger positiven Fremdwährungseinflüsse bei der Diagnostik-Sparte?

Das Diagnostik-Geschäft von Roche hat eine leicht andere geografische Ausbreitung. Sie ist vor allem gegenüber der EU exponiert. Darum sind die Fremdwährungseinflüsse anders, als beim Pharmamodell.

Das heisst also, das Wachstum wie in den Schwellenländern China und Brasilien, wird Roche durch die Euro-Schuldenkrise in Europa vorerst nicht erreichen?

Ja, das kann man so sehen.

Amerika wächst, Asien bleibt stabil auf hohem Niveau – geht das so weiter?

Allgemein sind die Schwellenländer ein sehr wichtiger Markt für alle Pharmaunternehmen. Wir denken, dass es dabei bleibt. Dennoch geben wir immer wieder zu bedenken, dass die Profitabilität in solchen Ländern noch nicht auf dem Profitabilitäts-Niveau westeuropäischer und amerikanischer Märkte liegt.

Warum ist das so?

Das ist meiner Meinung nach  auch eine Misskonzeption der Aktienmärkte, weil man die Umsätze in den Schwellenländern nicht als gleichwertig anschauen kann wie die der entwickelten Länder. Es ist zwar gut, dass man dort noch zusätzliche Abschöpfungen des Marktes betreiben kann, aber eine zu starke Exponierung in diese Richtung finde ich nicht immer hilfreich.

Was heisst das für die nähere Zukunft?

Wir erwarten weiteres Wachstum, da die Märkte nach wie vor unterpenetriert sind, aber wir erwarten keine Margenerweiterung aufgrund von Skaleneffekten in diesen Regionen.

China und Brasilien laufen bereits recht gut. Kommt demnächst vielleicht Indien als Markt stärker in den Fokus?

Indien ist für uns eine Knacknuss bezüglich der Patentrechte. Dort sind ja bereits Bayer und Novartis in Gerichtsfälle involviert, wo sich die indische Regierung bemüht, weiterhin ein kostengünstiges Gesundheitswesen zu finanzieren. Das wird in absehbarer Zeit so weitergehen.

Wo liegen denn die Probleme im indischen Markt?

Das ist die Patentierbarkeit von Produkten, wie wir an Bayer und Novartis gesehen haben. Hier hat Indien praktisch eine Enteignung eines Novartis-Patents vorgenommen, welches anschliessend der Bayer AG zugute gekommen ist. Man muss also immer damit rechnen, dass der Staat zum Schutz der Bevölkerung diese Taktik aufrechterhalten wird.

Mit Actemra, Avastin und Herceptin verdient Roche gutes Geld, die Tamiflu-Umsätze brechen dagegen ein. Hat Roche weitere Blockbuster in der Pipeline?

Durchaus. Wir haben da beispielsweise die Nachfolge-Franchise im Brustkrebsbereich mit T-DM1 und Perjeta. Diese Produkte haben beide Blockbuster-Charakter und können beim Wechsel der Franchise sogar noch höhere Umsätze als Herceptin generieren.  

Wo noch?

Im Bereich Schizophrenie sehen wir weitere Möglichkeiten für Blockbuster. Auch im Bereich von anderen Krebsarten. Kurz: Die Pipeline ist innovativ und derzeit stark auf Erneuerungen von Produkten wie Herceptin und Avastin fokussiert. Erst in einer zweiten Phase auf Neuerungen wie beispielsweise die monoklonalen Antikörper, die aus der Genentec-Küche kommen.

Betrachten wir jetzt die Roche-Aktie ...

Wir schätzen die Möglichkeiten für Roche noch immer gut ein. Roche generiert mit wenigen Patentabläufen starke Cash-Flows. Auch die Dividendenzahlbarkeit ist sehr überzeugend.

... halten oder zukaufen?

Sicherlich halten. Für diejenigen, die gern die Produkte-Pipeline spielen wollen ist durchaus der Zeitpunkt gekommen, einzukaufen. Für diejenigen, die nur die Dividendenstabilität halten wollen, würde ich die Roche-Aktie noch halten.

Die Gesamtjahresziele wurden heute bestätigt – sind Sie genauso optimistisch?

Ja. Wir haben im Hintergrund immer gehofft, dass Roche die Jahresziele anheben würde. Es liegt durchaus drin, aber es wird sehr knapp werden. Wir sind der Meinung, dass der Ausblick relativ sicher eingehalten wird. Es besteht sogar die Chance einer kleinen Outperformance.

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